Blutengel - Afterlife

Blutengel - Afterlife

Wo andere vom ewigen Wiedersehen am Palmenstrand singen, verlegt 'Chris Pohl' die Verabredung vorsichtshalber ins Jenseits. Das klingt auf dem Papier herrlich morbide – musikalisch führt der Weg dorthin allerdings über komfortabel ausgebaute und bestens beleuchtete Popstraßen. Die am 4. September 2026 über 'Out Of Line Music' veröffentlichte Single 'Afterlife' ist ein weiterer Vorbote des für 2027 angekündigten Albums 'Schatten'. Andere Magazine überschlagen sich bereits mit wohlklingenden Beschreibungen. Da ist von einem langsamen Spannungsaufbau, melancholischer und cineastischer Elektronik, sinnlichen Synthesizern, einem wunderschönen melodischen Kern sowie der perfekten Verbindung aus Nachdenklichkeit und Clubtauglichkeit die Rede. Sogar eine Weiterentwicklung des 'Blutengel'-Sounds will man erkannt haben. Das klingt beeindruckend, liest sich stellenweise allerdings eher wie eine Pressemitteilung mit Fledermausfilter als wie eine kritische Auseinandersetzung.

Ganz falsch ist das Lob dennoch nicht. 'Afterlife' ist makellos produziert, besitzt eine sofort greifende Melodie und einen Refrain, der sich hartnäckiger festsetzt als Kunstblut auf weißem Samt. Die Synthesizer klingen breit und sauber, der Beat pulsiert zuverlässig und 'Chris Pohl' versteht sein Handwerk. Doch cineastische Flächen erzeugen nicht automatisch Tiefe, und ein gerader Rhythmus macht noch keinen zwingenden Clubtitel. Das Stück baut sich zwar langsam auf, führt diesen Aufbau aber zu keinem wirklich überraschenden Ziel. Für mich besteht die angebliche Weiterentwicklung deshalb vor allem darin, die ohnehin ausgeprägte Popseite noch glatter zu polieren. Unter der schwarzen Hochglanzoberfläche lauert kaum musikalische Gefahr. Aufbau, Dynamik und Melodieführung sind derart berechenbar, dass selbst der Tod bereits nach der ersten Strophe weiß, wann der Refrain kommt. Die beschworene Dunkelheit bleibt überwiegend Dekoration; weh tut hier nichts, und überraschen möchte offenbar ebenfalls niemand.

Diese Gefälligkeit ist vermutlich kein Versehen, sondern Teil eines konsequenten Erfolgskonzepts. Innerhalb dieses Rahmens funktioniert 'Afterlife' ausgesprochen zuverlässig: Der Song ist wie erwartet eingängig, professionell und leicht konsumierbar. Nur sollte man diese kalkulierte Zugänglichkeit eben nicht automatisch mit musikalischer Entwicklung oder besonderer Tiefe verwechseln. 'Gothic-Schlager' mag als Bezeichnung boshaft klingen, trifft 'Afterlife' aber meiner Meinung nach erstaunlich genau: leicht verständlich, maximal eingängig, emotional aufgeladen und sorgfältig von fast allen Widerhaken befreit. Wer von 'Blutengel' große Gefühle, schwarze Romantik und einen sofort mitsingbaren Refrain erwartet, wird bestens bedient. Wer dagegen Spannung, Mut oder wenigstens einen kleinen musikalischen Abgrund sucht, steht vor einer hübsch dekorierten Gruft, deren Tür vorsichtshalber dauerhaft offen bleibt.

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