Offenbar sollten wir in der Redaktion gelegentlich ein Blutbild machen lassen. Dann wäre unser akuter Mangel an 'In My Blood' vielleicht früher aufgefallen. 'Beyond Obsession' haben ihr Album schließlich schon am 26. Juni 2026 über Scanner veröffentlicht, während wir offenbar noch mit der fachgerechten Verwaltung unserer Promostapel beschäftigt waren.
Das 2012 gegründete deutsche Projekt, heute mit 'Nils Upahl' und 'Marco Bartz' besetzt, verbindet elektronische Tanzmusik mit großen Gefühlen. Zehn Songs umfasst das aktuelle Werk – und die liefern reichlich Gründe, unser Versäumnis nachzuholen. Allerdings auch einen, die Erwartungen anschließend etwas herunterzuschrauben. Melodisch, melancholisch und angenehm zugänglich: So lässt sich 'In My Blood' treffend beschreiben. 'Beyond Obsession' spielen modernen Electropop mit deutlichen Retro-Wurzeln. Die Achtziger sind als musikalische Heimat gut erkennbar, doch der Sound wirkt frisch genug, um ohne Schulterpolster auszukommen. Die Melodien finden schnell ihren Weg ins Ohr, die Rhythmen bringen Bewegung hinein, und über allem liegt jene dunklere Stimmung, die Synthpop so reizvoll machen kann. Für mich funktioniert das ausgesprochen gut: Die Musik lässt Gefühle zu, ohne deshalb gleich im eigenen Tränenmeer den Freischwimmer machen zu müssen.
Pulsierende Synthesizer, elektronische Beats und atmosphärische Flächen geben den Songs ihren Rahmen. Gesang und eingängige Refrains sorgen dafür, dass die Emotionen darin einen klaren Platz bekommen. Vor allem die Balance aus Melancholie und Vorwärtsdrang gefällt mir gut. Die Musik bleibt zugänglich, während die dunklere Färbung verhindert, dass die Eingängigkeit allzu unbeschwert wirkt. Das passt zu einem Abend, an dem man nachdenklich am Fenster stehen möchte, sich dann aber beim Mitwippen ertappt. Der Regen draußen kommt schließlich auch ohne unsere Aufsicht zurecht. Auch thematisch bewegen sich 'Beyond Obsession' durch vertrautes emotionales Gelände: Ich interpretiere mal Themen wie Abschied, Verlust, Erinnerungen und Neuanfang in die Titel.
Die melodische Stärke kommt dieser Ausrichtung zugute. Wo ein Refrain unmittelbar greift, bekommt das Gefühl eine Form, die man gerne mitnimmt. Genau darin liegt für mich der Reiz des Albums: Es braucht keine lange Eingewöhnung, um seine Stimmung zu vermitteln. Und seine Retro-Wurzeln geben dem Ganzen etwas Vertrautes, ohne die Freude an den frischen, treibenden Momenten zu schmälern. Trotzdem hätte ich mir von 'In My Blood' irgendwie einen Tick mehr erhofft. Die vertrauten Mittel funktionieren, aber sie lassen mich auch ziemlich schnell wissen, woran ich bin. Mir fehlt etwas mehr Eigensinn: eine überraschende Wendung, ein stärkerer Kontrast, gelegentlich eine Idee, die über das souveräne Bedienen dieser Synthpop-Sprache hinausgeht. Dafür müssten 'Beyond Obsession' weder ihre Melodien opfern noch plötzlich einen experimentellen Staubsauger solieren lassen. Schon etwas mehr Mut innerhalb des eigenen Stils würde reichen. So bleibt das Album für mich ein angenehmer Begleiter, wo ich auf einen nachhaltigeren Eindruck gehofft hatte. Es kennt den Weg zum Ohr sehr gut; unterwegs hätte es ruhig einmal falsch abbiegen dürfen.
Mein Anspieltipp ist 'Lines Of Your Face'. Hier frisch, treibend und mit einer eingängigen Melodie ausgestattet, zeigt der Song, warum ich 'Beyond Obsession' trotz dieser Einschränkung immer noch gerne höre. Hier überzeugt mich der Schwung, hier bleibt die Melodie hängen, hier möchte ich direkt noch einmal auf Play drücken. Genau diese Qualität hätte ich mir über das gesamte Album hinweg noch zwingender gewünscht. Der Song setzt die Messlatte also gleich mit – freundlich, aber leider ohne sie anschließend wieder abzubauen.
'In My Blood' ist ein gutes Album für Freunde von melodischem Synthpop und modernem Electropop mit Retro-Wurzeln und melancholischer Atmosphäre. Die Zugänglichkeit, die Melodien und die treibenden Momente sprechen klar dafür. Für mich reicht das zu einer positiven Bewertung, allerdings mit einem deutlich hörbaren „Da wäre möglicherweise mehr drin gewesen“. Ich höre die Platte gerne; meine Erwartungen erfüllt sie dennoch nur teilweise. Ganz klar, 'Beyond Obsession' beherrschen ihr Handwerk – beim nächsten Mal dürften sie mit diesem Können ruhig etwas mehr Unruhe stiften.
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