Après La Nuit - Partir ou rester

Après La Nuit - Partir...

Beirut. Paris. Miami. Und ich mittendrin mit mehreren offenen Tabs und der leisen Frage, ob ich hier gerade eine Band recherchiere – oder drei verschiedene mit identischem Namen auf unterschiedlichen Kontinenten. Ganz ehrlich: Bei der Vorbereitung dieses Reviews bin ich kurz ins Schwimmen geraten. Unterschiedliche Herkunftsangaben, wechselnde geografische Bezüge – das wirkte zunächst irgendwie widersprüchlich. Tatsächlich erklärt sich das jedoch durch die Biografie von 'Richard Abdeni' und 'Marilyne B': libanesische Wurzeln, künstlerische Prägung in Frankreich und heute ein Lebensmittelpunkt in den USA. Und genau dieses Unterwegssein spiegelt sich in der Musik von 'Après La Nuit' wider. Bereits auf früheren Veröffentlichungen spielte das Motiv der Reise eine zentrale Rolle.

Mit der am 13. Februar 2026 über Echozone veröffentlichten 'Partir Ou Rester (EP)' wird dieses Thema weitergeführt – allerdings mit einem anderen Fokus. Schon der Titel ist dabei Programm. „Partir Ou Rester“ bedeutet übersetzt „Gehen oder bleiben“. Partir heißt aufbrechen oder fortgehen, Rester bedeutet bleiben. Im Französischen klingt diese Frage jedoch weniger nach einer klaren Entscheidung, sondern eher wie ein schwebender Gedanke. Genau dieses Innehalten, dieses Abwägen, transportiert die EP musikalisch sehr treffend. Nicht mehr die Reise selbst steht im Zentrum, sondern der Moment davor. Die Entscheidung. Formal umfasst die EP dreizehn Tracks, basiert jedoch im Kern auf lediglich zwei Songs: 'Une Cité Sans Gaieté' und 'In The Name Of'. Was zunächst nach einer gewagten Konstruktion klingt, entpuppt sich als bewusstes Konzept. Statt möglichst viele neue Ideen aneinanderzureihen, konzentriert sich das Duo auf die Ausarbeitung und Variation zweier Kompositionen. Genau das macht den Reiz dieser Veröffentlichung aus.

'Une Cité Sans Gaieté' bildet für mich das emotionale Zentrum der EP. In der Original-Piano-Version zeigt sich das Stück besonders reduziert und intensiv. Die ausschließlich weiblichen Vocals von 'Marilyne B' verleihen dem Song eine klare, geschlossene Atmosphäre. Ihre Stimme trägt das Stück mit ruhiger Kontrolle, ohne Pathos, ohne Überzeichnung – und genau darin liegt die Stärke. Die Electro-Version ergänzt rhythmische Struktur und elektronische Dichte, ohne die melancholische Grundstimmung zu verlieren. Die verschiedenen Remixe – unter anderem von 'Wilfried Hanrath', 'DfM', 'Sonic Sound Factory' und 'Un(d)Abtanzbar' – verschieben die Gewichtung, mal stärker in Richtung Club, mal atmosphärischer, mal elektronisch kantiger. Bemerkenswert ist dabei, dass die Komposition selbst stabil bleibt. Ein schwacher Song würde unter so vielen Versionen zerfallen. Dieser hier nicht.

'In The Name Of' zeigt eine andere Facette des Projekts. Hier begegnen sich weibliche und männliche Vocals in einem Wechselspiel, das zusätzliche Dynamik erzeugt. Diese Mischung sorgt für interessante Kontraste und erweitert die Perspektive des Stücks. Persönlich empfinde ich jedoch die klare Fokussierung auf die weibliche Stimme bei 'Une Cité Sans Gaieté' als noch etwas eindringlicher. Die gemischten Vocals in 'In The Name Of' setzen spannende Akzente, erreichen mich emotional jedoch nicht ganz so unmittelbar wie der erste Track. Das ist kein qualitativer Mangel, sondern eher eine Frage der Wirkung – und mein Zugang bleibt stärker bei der puren, ungeteilten Präsenz von 'Marilyne B'.

Produzent und Komponist 'Richard Abdeni', der zuvor mit Les Anges De La Nuit deutlich cluborientierter arbeitete, zeigt hier eine kontrollierte, reduzierte Produktionsweise. Die Arrangements sind klar strukturiert, die Synth-Flächen warm, die Beats präzise, aber nie aggressiv. Die Elektronik wirkt nicht mechanisch, sondern organisch, fast wie ein Puls unter der Oberfläche. Trotz der Vielzahl an Remixen bleibt die EP in sich geschlossen. Die unterschiedlichen Handschriften von 'Narcotic Elements' und 'Elmodic' bis hin zu den anderen beteiligten Produzenten verändern Details, nicht jedoch den melancholischen Kern. Thematisch bleibt das Motiv der Bewegung präsent, doch weniger als konkrete Reise, sondern vielmehr als innerer Wendepunkt. Während frühere Werke stärker das Unterwegssein selbst beschrieben, konzentriert sich 'Partir Ou Rester (EP)' auf das Innehalten. Auf das Abwägen. Auf die Frage, ob Veränderung notwendig ist oder ob das Bleiben vielleicht der mutigere Schritt wäre. Diese Zurückhaltung empfinde ich als Stärke. Die EP schreit nicht nach Aufmerksamkeit, sie entfaltet sich leise und kontrolliert.

'Partir Ou Rester (EP)' ist damit keine klassische Veröffentlichung mit einer Vielzahl völlig unterschiedlicher Songs, sondern eine konzentrierte Studie über Variation, Atmosphäre und emotionale Nuancen. Für Hörerinnen und Hörer, die elektronische Musik als Raum für Stimmungen und Gedanken begreifen, ist diese EP eine lohnende Entdeckung. Wer hingegen ständig neue Hooklines oder maximale stilistische Brüche erwartet, könnte die starke Fokussierung auf zwei Stücke als Einschränkung empfinden. Mich überzeugt gerade diese Konsequenz. Zwei Songs – und der Mut, sie in all ihren Facetten auszuleuchten. Und nach meiner anfänglichen Recherche-Verwirrung passt der Titel fast schon symbolisch: Bleiben oder gehen? In diesem Fall bleibe ich!

Après La Nuit - Partir ou rester
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