Manchmal legt man ein Album auf – und noch bevor der erste Refrain überhaupt die Kurve kriegt, weiß man: Das hier hat Klasse. 'Angel Maschine' ist genau so ein Fall. Alex Braun – der Mann, den viele Kenner seit Jahrzehnten fest mit den Elektropop-Pionieren Distain! verbinden – veröffentlicht sein drittes Solo-Album und klingt dabei so unglaublich souverän, als hätte er nie etwas anderes gemacht als große Songs für dunkle Tanzflächen und helle Köpfe zu schreiben. Das Release wirkt für mich von A bis Z wie ein bewusst gesetztes Statement: nicht hektisch, nicht auf schnelle Effekte aus, sondern mit dem Anspruch, als geschlossenes Werk wahrgenommen zu werden. Genau dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch 'Angel Maschine'.
Und dann ist da dieser entscheidende Punkt, den man echt nicht umschiffen darf – und den man regelrecht feiern muss: 'Angel Maschine' wurde von 'Gerrit Thomas' produziert. Man hört das nicht nur, man spürt es förmlich. Wer den Mann kennt, erkennt seine Handschrift nach wenigen Takten. 'Gerrit Thomas' ist so etwas wie der Dieter Bohlen des Elektropop – nur ohne Casting-Show-Zirkus, dafür mit jahrzehntelanger Szene-Credibility. Geboren in Hameln, Mitbegründer von Funker Vogt, zuvor aktiv bei Ravenous, beteiligt an zahllosen Seitenprojekten und seit 2019 auch Mitglied von Agonoize – dieser Mann ist elektronische Musikgeschichte. Als Produzent ist er kein Mitspieler, sondern der Chef-Architekt: klar, druckvoll, breit, kompromisslos. Jeder Sound sitzt, jede Fläche hat Gewicht, jeder Beat verfolgt ein Ziel. 'Angel Maschine' trägt diese Produktion mit Stolz und erscheint natürlich .... folgerichtig auf Infacted Recordings – modern, hochwertig und selbstbewusst!
Musikalisch bewegt sich 'Angel Maschine' tief im klassischen Synth-Pop, verweigert sich aber konsequent jeder Staubschicht. Das Album lebt von einer permanenten Spannung zwischen Vorwärtsdrang und Melancholie. Treibende Sequenzen wechseln sich mit schwebenden Passagen ab, elektronische Kanten treffen auf große, offene Refrains. Im Zentrum steht dabei unüberhörbar die einzigartige, fesselnde Stimme von 'Alexander Braun'. Sie ist markant, charismatisch und transportiert Emotionen ohne Pathos. Man hört sofort die Erfahrung eines Sängers, der 'sein' Genre lebt und seit Jahrzehnten prägt. Diese Stimme kann antreiben, bremsen, kann euphorisch nach vorne gehen oder bewusst Raum für Nachdenklichkeit lassen. Genau diese Vielschichtigkeit macht 'Angel Maschine' meiner Meinung nach so unglaulich stark.
Der Einstieg ist dabei nahezu exemplarisch. 'Wrong Direction' eröffnet das Album mit einer sofort packenden Melodie und perfekt eingesetzten Samples, die wie kleine dramaturgische Wegmarken funktionieren. Der Song zieht den Hörer direkt hinein und gibt den Takt vor, ohne alles vorwegzunehmen. Für mich ist das ein 1A-Opener, der sofort Haltung zeigt und das Album auf Anhieb auf ein hohes Niveau hebt. An diesem Punkt wird auch deutlich, wie sehr 'Angel Maschine' als Album gedacht ist. Die Songs stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern bauen aufeinander auf, entwickeln Spannungsbögen und lösen sie wieder auf. Es geht hier vermutlich weniger um einzelne Hits als um Atmosphäre, Dynamik und das gute Gefühl, einer musikalischen Erzählung zu folgen. Genau diese Dichte und Geschlossenheit ist es, die meiner Meinung nach dem Album seine sehr sehr besondere Qualität verleiht.
Ein wesentlicher Faktor ist erkennbar auch das starke Songwriting. Die Stücke nehmen sich Zeit ihre Wirkung zu entfalten. Refrains dürfen hier wachsen, Melodien setzen sich schleichend im Hirn fest, Details offenbaren sich oft erst nach mehreren Durchläufen. Die Arrangements sind sauber & klar strukturiert, aber niemals steril – alles wirkt immer lebendig, warm und zugleich super-präzise. Sehr gelungen ist auch die Mischung aus deutschen und englischen Texten und Samples. Sie wirkt nicht kalkuliert, sondern selbstverständlich und unterstützt die jeweilige Stimmung der Songs. Mal direkt und greifbar, mal abstrakter und offener – immer passend zur musikalischen Ausrichtung. Das verleiht 'Angel Maschine' zusätzliche aussergewöhnliche Tiefe und Abwechslung.
Besonders hervorzuheben sind hier auch die ruhigeren Momente. Die Balladen, die auf dem Vorgänger eher ausgespart wurden sind hier wieder fester Bestandteil des Albums – und genau das erweist sich als große Stärke. In diesen Passagen zeigt 'Alex Braun' seine ganze Klasse als Sänger. Die Stücke wirken emotional, aber nie kitschig, intim, aber nicht pathetisch. Sie geben dem Album Raum und verstärken gleichzeitig die Wirkung der treibenderen Songs. Ein persönliches Highlight bleibt für mich 'Step By Step'. Der Song erinnert mich anfangs unweigerlich an 'And One' – allerdings in einer Form, die moderner, klarer und insgesamt viel viel stärker wirkt. Keine Kopie, sondern eine souveräne Weiterentwicklung: direkter, fokussierter, erwachsener und mit einem Sound, der genau weiß, wo er hinwill. Sehr spannend ist auch die klare Dramaturgie des Albums. Die Über-Tracks ' Wrong Direction' und 'The Journey (feat. Elektrostaub)' bilden eine bewusste und hörbare Klammer die dem Release einen sehr wertigen Rahmen verleiht. Der starke Einstieg zieht hinein, der ebenso starke Abschluss entlässt den Hörer mit dem Gefühl, eine runde, in sich geschlossene Reise erlebt zu haben. Dazwischen gibt es keine Längen, sondern ein Album, das sich konsequent trägt.
Die Zusammenarbeit mit 'Patrick Knoch' aka 'Elektrostaub' bei 'The Journey' fügt sich dabei nahtlos ein. Sie wirkt nicht wie ein aufgesetztes Feature, sondern wie eine organische Erweiterung des Klangbildes und unterstreicht den offenen, aber klar definierten Charakter von 'Angel Maschine'. Ein transparenter Fakt am Rande, der ruhig offen benannt werden darf: Auf Bandcamp sind 13 Songs gelistet, während andere Quellen von 12 Tracks sprechen – warum auch immer. Am Ende ist das nebensächlich, denn entscheidend ist, dass jeder dieser Songs seinen Platz verdient hat. 'Angel Maschine' ist für mich weit mehr als nur ein super gutes Synth-Pop-Album – es ist für mich eine emotional aufgeladene Zeitmaschine. Beim Hören fühle ich mich 20 Jahre jünger. Plötzlich sind sie wieder da, diese frühen 00er-Jahre, als Electro Pop eine echte Aufblühphase erlebte, als neue Sounds aufregend waren, Clubs sich wie zweite Wohnzimmer anfühlten und Musik dieses Gefühl von alles ist möglich transportierte.
Das Album erinnert mich an Knochen, die damals noch nicht gezwickt haben, an Nächte, die mühelos bis zum Morgen gingen, an eine unbeschwerte, fröhliche Zeit ohne permanente Zukunftsängste, ohne Dauerkrisenmodus, ohne dieses ständige Grundrauschen aus Sorge und Unsicherheit. 'Angel Maschine' schafft es, genau dieses Gefühl wieder hervorzuholen – nicht nostalgisch verklärt, sondern lebendig, glaubwürdig und voller Energie. Gleichzeitig klingt das Album modern, druckvoll und zeitgemäß. Hach! Es ist kein bloßer Rückblick, sondern ein souveräner Brückenschlag zwischen dem damals und heute. Für Fans von Synth-Pop, Electro Pop und emotionaler elektronischer Musik ist 'Angel Maschine' ein absolutes Pflicht-Release. Für mich ist 'Angel Maschine' ein echtes Highlight, das von Anfang bis Ende leuchtet: getragen von großem Songwriting, eingerahmt von zwei herausragenden Eckpfeilern und veredelt durch eine Produktion, die diesem Album spürbar Flügel verleiht. Kurz gesagt: ein Release, das jung macht – im Kopf und im Herzen.