Adult. - Kissing Luck Goodbye

Adult. - Kissing Luck Goodbye

Normalerweise kommen Explosionen überraschend. 'Adult.' machen das anders. 'Kissing Luck Goodbye' klingt wie eine Explosion, die vorher sauber geplant, berechnet und mit einem Marker auf einer To-do-Liste abgehakt wurde. Punkt 7: „Alles hochgehen lassen.“ Was dabei entsteht, ist kein chaotisches Durcheinander, sondern eine Art kontrollierter Kollaps – ein Album, das sich anfühlt, als würde es gleichzeitig auseinanderfallen und sich neu zusammensetzen. Und genau in diesem Widerspruch liegt seine eigentliche Stärke. Schon seit über 25 Jahren arbeiten sich 'Nicola Kuperus' und 'Adam Lee Miller' aus Detroit an einer Welt ab, die sich gefühlt im Dauerzustand zwischen Überforderung und Kontrollverlust befindet. Wer jetzt aber erwartet hat, dass mit Album Nummer zehn so etwas wie Altersmilde einsetzt, bekommt hier die denkbar direkte Antwort: Dieses Kapitel wird nicht leiser – es wird eher schärfer.

Musikalisch treiben 'Adult.' auf 'Kissing Luck Goodbye' ihr eigenes Prinzip heftig auf die Spitze: Chaos und Kontrolle existieren hier nicht als Gegensätze, sondern als vereintes System. Was zunächst wie ein überladener, nervös vibrierender Klangkörper wirkt, entpuppt sich mit der Zeit als erstaunlich präzise konstruiert. Das Album ist sicher lauter, direkter, aggressiver – aber gleichzeitig auch klarer. Die Wut verschwimmt nicht im Lärm, sie wird viel eher gesagt 'ausgeleuchtet'. Oder schreiben wir es anders: Das Release schreit dich nicht einfach an – es scheit, aber erklärt dir dabei sehr genau, warum. Im Vergleich zu früheren Releases wirkt das Ganze dabei fast schon drahtig und fokussiert. Kein unnötiger Ballast, keine ziellosen Soundflächen – von A bis Z steht alles unter Spannung. Jeder Beat, jeder Synth, jedes Geräusch wirkt gesetzt, nicht zufällig. Und genau das macht dieses Album so effektiv: Es eskaliert nicht blind, sondern mit Ansage.

Ein wesentlicher Faktor für diese Wirkung ist das erweiterte Klangarsenal, das 'Adult.' gemeinsam mit Produzent 'Nolan Gray' hier gemeinsam auffahren. Field Recordings, manipulierte Samples, Alltagsgeräusche – hier wird alles verwertet, was sich in Spannung übersetzen lässt. Es knistert, fiept, scheppert, als hätte jemand einen Elektroschrottplatz vertont und dabei beschlossen, dass Ordnung ohnehin überbewertet ist. Das ist also keine einfache Platte, die im Hintergrund läuft – das ist eine Platte, die dir den Hintergrund entzieht. Dabei passiert permanent mehr, als man beim ersten Hören erfassen kann. Schichten überlagern sich, reiben sich aneinander, kippen fast – nur um im letzten Moment wieder einzurasten. Dieses Album wirkt für mich wie ein System, das kurz vor dem Kollaps steht, sich aber dann mit letzter Kraft doch selbst noch stabilisiert. Genau diese Balance macht es für mich so faszinierend. Im Zentrum dieses kontrollierten Ausnahmezustands steht 'Nicola Kuperus'. Und die nutzt den zur Verfügung stehenden Raum kompromisslos aus.

Ihre Stimme ist - sagen wir mal - eher kein klassischer Gesang, sondern vielmehr ein Werkzeug. Mal kühl und distanziert, mal aggressiv zugespitzt, dann wieder mit einer fast schon irritierenden, leicht campigen Überzeichnung. Sie kommentiert, provoziert, fordert heraus. Und dieses wiederkehrende Lachen – irgendwo zwischen Zynismus und Kontrollverlust – zieht sich wie ein roter Faden durch das Album. Inhaltlich ist die Stoßrichtung klar: Hoffnung auf „Glück“ wird hier konsequent zerlegt. Die Idee, dass sich Dinge von selbst regeln, wird nicht nur infrage gestellt, sondern regelrecht demontiert. Diese Wut ist dabei nicht diffus oder dekorativ. Sie ist gezielt, durchdacht und fast schon analytisch. 'Adult.' machen hier keine Show – sie setzen ein Statement. Das ist meiner Meinung nach keine Pose. Das ist pure Absicht. Was mir persönlich besonders gefällt: Trotz all dieser Schwere kippt das Album nie komplett in Resignation. Es bleibt in Bewegung, bleibt wach, bleibt unangenehm lebendig. Es geht nicht darum, sich im Chaos zu verlieren – sondern es bewusst auszuhalten.

Allerdings hat diese Konsequenz auch ihren Preis. 'Kissing Luck Goodbye' ist sicher kein Wohlfühlalbum, sondern eher ein monolithischer Block aus Haltung und Sound. Wer nach klassischen Dynamiken, eingängigen Hooks oder Verschnaufpausen sucht, wird hier kaum fündig. Dieses Album zieht durch. Ohne Kompromisse. Und genau das kann – je nach Stimmung – entweder elektrisieren oder ermüden. 'Kissing Luck Goodbye' ist fordernd, unbequem und bewusst intensiv. Es will nicht gefallen – es will wirken. Sowas ist dann auch eher geeignet für Fans von kompromisslosem Electro, Industrial und Minimal Wave. Für alle anderen könnte es schlicht zu direkt, zu sperrig oder zu anstrengend sein. Ich persönlich finde, dieses Album fühlt sich an wie eine Provokation mit System. Und genau deshalb funktioniert es meiner Meinung nach. 'Adult.' liefern hier keinen nostalgischen Rückblick, sondern eine präzise gesetzte Eskalation. Eine Explosion mit Ansage. Und ganz ehrlich: Wenn das hier die Zukunft ist, dann wird sie nicht leise.

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