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Ein kleiner Wochenendsausflug ins schöne Sauerland - ja, das kann sich nicht nur für Landschafts- und Wanderbegeisterte lohnen, sondern auch für Freunde des besonderen Klangerlebnisses. Zumindest letzten Samstag, also am 19.09.2015, im beschaulichen Balve. Balve? Kennt man nicht? Spätestens seit einem Unplugged Konzert der Fantastischen 4 im Jahre 2012 kennt man zumindest eine Attraktion des kleinen Ortes: die Balver Höhle. Kaum einen schöneren und passenderen Ort hätte sich das Label Prophecy Productions auswählen können als diese wundervolle und mystische Umgebung, um ihr nunmehr drittes LabelFestival zu begehen - willkommen zum Bericht vom Prophecy Fest 2015.


Waren die beiden ersten Feste (1999 und 2006) noch kleiner angelegt konnte man durch den anhaltenden Erfolg und die immer größer werdende Liste an renomierten und künsterlisch wertvollen Bands nun das Prophecy Fest etwas stattlicher angehen: 1250 Besucher erlebten acht hauseigene Bands, eine Lesung, eine kleine Ausstellung, kurz, einen ereignisreichen und erstaunlich langen Tag.


Waren die beiden ersten Feste (1999 und 2006) noch kleiner angelegt konnte man durch den anhaltenden Erfolg und die immer größer werdende Liste an renomierten und künsterlisch wertvollen Bands nun das Prophecy Fest etwas stattlicher angehen: 1250 Besucher erlebten acht hauseigene Bands, eine Lesung, eine kleine Ausstellung, kurz, einen ereignisreichen und erstaunlich langen Tag.


Viele waren bereits am Vortag angereist, Balve in black. Die Stimmung war, wie auch im gesamten Verlauf des Abends sehr entspannt und friedlich, sicherlich gefördert durch die beeindruckende Atmosphäre der Balver Höhle oder die ja durchaus eher getragene und eigenbrötlerische Musik der Bands. Das kleine Gelände vor der Höhle bot unspektakulär alles, was man so brauchte. Schnell durch den Vorhang und in den Berg hinein. Im schummrigen Zwielicht ist dieser Ort bereits die Reise Wert: Direkt im Eingang, mit dem Rücken zur Außenwelt, war die Bühne und ihr Vorbereich plaziert (um den Schall perfekt in der Höhle zu halten). Weiter hinten teilte sich der 'Saal' in 2 Areale: Der größere Teil bot Aktuelles aus dem Hause Prophecy sowie eine massives Restesortiment textiler Art zum Wühlen und sich über das noch in den Kinderschuhen steckende Verkaufschaos zu amüsieren. Im verbleibenden Bereich konnte man eine Ausstellung von Gemälden von Tenhi Mastermind Tyko Saariko auf Holz gedruckt bestaunen und in den Umbaupausen ein Autogramm der Bands erhaschen. Aber der eigentliche Anlass war ja das, was uns alle eint: die Musik. Und davon gab es im Verlauf der über 13 Stunden jede Menge:


Den Auftakt machte das relativ junge Projekt Crone von Secrets of the Moon sG und Markus R. von Enbedded. Ihr erster Liveauftritt startete zur Mittagsstunde doomig-postrockig walzend in den Tag und beinhaltete von der MiniCD bekannte Titel und unveröffentlichtes Material. Ich persönlich hatte mit Crone die gleichen Probleme wie bereits bei meiner Kritik zu 'Gehenna' - mag ich die Kompositionen doch sehr, so ist der Gesang noch deutlich ausbaufähig. Der Sound? Einfach klasse, wie man es geschafft hat, die Höhle so zu beschallen, dass jede Ecke mit Musik erfüllt war, man zu jedem Zeitpunkt Gesang und einzelne Instrumente heraushören konnte und sich das unvermeidbare Dröhnen (wir sind ja in einer Höhle) erstaunlich gut zurückhielt. An dieser Stelle muss man die Soundtechnik loben, wenn sie auch im Verlauf des Abends immer wieder für Unmut sorgte (was sich bereits bei Crone mit einem vereinzeltem Knistern ankündigte). Alles in allem aber ein sehr gelungener Einstieg, der vom Publikum wohlwollend aufgenommen wurde.


Es folgte der skurrilste und wahrscheinlich härteste Auftritt des Tages: Draußen schien die Sonne, drinnen wurde es kalt. Die Kuttenträgerschaft stand erwartungsvoll vor der Bühne versammelt, als () fragte: "Is it cold in here or is it just me?" Es folgt ein Ritt durch des Wahnsinns fetten Black/Extreme Metal: Die schweden Lifelover mit ihrem Auftritt zum 10jährigen Bandbestehen. Während sich die Saitenzupfer mit Kunstblutmützen und der Drummer angemessen ernst durch das Setting arbeiten und der Keyboarder herrlich schräge Melodien einfließen lässt zieht Sänger () alle Aufmerksamkeit auf sich: im blutbesudelten Arztkittel bewegt er sich über die Bühne, als wäre er eine theatralische Mischung aus betrunkenem Zombie, Helge Schneider und trashigem DiskoTänzer, wirkt bisweilen vollkomen abgedriftet und singt, quiekt, schreit, kreischt, grunzt und jammert herrlich. Das passt hervorragend zu dieser außergewöhnlichen Band, die vor allem eines sind: unkonventionell. Häufige Tempi- und Melodiewechsel, viele atmosphärische Momente mit eingespielten Samples aus Kinderliedern, Nachrichten oder von Störgeräuschen und ()'s Performance fordern den Zuschauer heraus, unterhalten wird man aber königlich. Noch obskurer wird der Auftritt durch einen zeitweisen Sängerwechsel... aber die Jungs werden schon wissen, was sie machen.


Es folgte nach dem Umbau ein deutlicher Stilwechsel. "Guten Tag, wir sind Hexen aus California" verkündet eine der vier Damen von Amber Asylum und dann erfüllen sie die Balver Höhle mit Musik ganz anderer Art: Mystische Klänge, gezaubert mit zwei zweistimmig gespielten Violinen, Bassgitarre und Schlagzeug, zweistimmiger Gesang und ein Sound, der Doom Metal ohne E-Gitarre sein könnte. Eine zurückgenommene Show schafft Raum für die Kompositionen und erstaunlich viele Geduldige verfolgen das Geschehen auf der Bühne und werden belohnt.


Und wieder ein Stilwechsel der sich bereits beim Umbau ankündigt: Die Bühne wird zunächst leergefegt um Platz zu schaffen für Piano und Keyboard, zahlreiche Trommeln und Percussioninstrumente, 5 Musiker, 3 Sängerinnen und einen 30köpfigen Chor: Bühne frei für Neoklassik aus Italien mit Camerata Mediolanense und damit meinem musikalischen Höhepunkt. Die immer größer werdende Hörerschaft wird förmlich mitgerissen von dieser Klanggewalt, denn die ersten drei Stücke wird kraftvoll getrommelt. Pathosgeladene Werke vom hervorragenden Album "Virtute, Honor, Bellezza" (deren elektronische Parts durch erhöhten Trommeleinsatz und schnellem Piano/Keyboardspiel gekonnt ersetzt wurden) sowie eine Handvoll älterer Titel aus der 20 jährigen Geschichte des Künstlerkollektivs, hoher Frauengesang, schmachtige Melodien und jede Menge pompöser Dramatik. Die Hälfte des Sets wird von (im positiven Sinne) kitschig-ruhigen Balladen bestimmt, jede der drei sehr unterschiedlichen Sängerinnen bekommt ihren Solomoment und sicherlich wird Camerata Mediolanense einige neue Fans gewonnen haben, die das Projekt bisher nicht kannten (weil kein Metall). Der Chor erhöht die Kraft, mit dem die Musik über die Hörer hereinbricht noch einmal mehr, doch der krönende Abschluss ist die Zugabe, zu der nur die Musiker auf die Bühne zurückkehren, um rein instrumental mit vier Trommeln und dem Keyboard noch einmal alles zu geben. Wahnsinn. Allein dafür hat sich meine Anfahrt mehr als gelohnt. Und an dieser Stelle ein Lob an den Sound - bei diesem Auftritt stimmt bis auf eine leichte Übersteuerung des Keyboards zu Beginn alles und die Abmischung ist perfekt.... leider zum letzten Mal an diesem Tag.


So, etwas über sechs Stunden Musik und wir haben ... Halbzeit. Uff. Ein Blick auf die Setliste sorgt wieder für Kraft: Prophecy Neuzugang und großartiger Geheimtipp Darkher (alias Jayn H. Wissenberg aus England) stehen auf dem Programm. Die EP "The kingdom field" hatte mich überzeugt und live wurde genau das geboten, was ich erwartet hatte: Unnahbar, fast schon ätherisch unwirklich schwebte Darkher über die Bühne, spielte Gitarre und sang wunder-wunderschön. Die Kompositionen, der Gesang und ein wirklich talentierter Gitarrist, der aus seinem Instrument auch mal mit Violinenbogen und anderen Hilfsmitteln ganz ungewöhnliche Klänge zauberte, zeigten das Potenzial, das in diesem Projekt steckt. Doch ihr Auftritt machte auch deutlich, dass gerade Darkher selbst noch Bühnenerfahrung fehlt. Sie sah häufig zu ihrer Gitarre herunter, was dazu führte, dass der Gesang (weil nicht mehr direkt ins Mikro) kurz leiser wurde und auch ihre Unsicherheit war deutlich - das kann aber alles werden und bei dem Potenzial, das die EP zeigte wird Darkher noch oft auf Bühnen trainieren können. Leider litt der gesammte Auftritt an einer heftigen Übersteuerung von Darkhers Gesang und das resultierende Krisseln nervte irgendwann gewaltig.


Es folgte ein ausufernderer Umbau, fast eine halbe Stunde mehr als in den anderen Pausen. Dennoch füllte sich der Platz vor der Bühne frühzeitig, denn die beiden meisterwarteten Auftritte sollten folgen: Empyrium und Tenhi. Als Empyrium dann endlich loslegten waren fast alle Besucher versammelt um Markus Stock, Thomas Helm und zahlreichen Gastmusikern (u.a. Fursy (Les Discrets) und Eviga (Dornenreich)) zu lauschen. Das Set mit vielen bisher nicht live dargebotenen Stücken und einem Ausblick auf eine kommende EP nahm das Publikum mit, die Musiker bewiesen ihre langjährige Live-Erfahrung und schufen trotz einiger Sound-Unwegsamkeiten einen tollen Klang - kurz: viele waren sicherlich wegen Empyrium angereist und der tosende Applaus zeigte, dass es sich gelohnt hatte.


Acht Jahre waren Tenhi nicht live aufgetreten, nun sollte Großes geleistet werden: Die Zuschauer sammelten ihre verbliebenen Kräfte um nach Stunden des Stehens auch für die sehr ruhige finnische Folkkunst Aufmerksamkeit und Enthusiasmus zeigen zu können und dann .... ja, dann funkte der Sound dazwischen... in diesem Fall die Monitorboxen. Die drei Gitarristen konnten sich nicht hören und brachen deswegen den ersten Song dreimal ab, fast 20 Minuten vergingen so recht unerfreulich. Tenhi selbst nahmen es finnisch gelassen, saßen die Probleme aus, spielten ein wenig vor sich hin und dankbarerweise war auch das Publikum geduldig (auch wenn man merkte, dass der Gesprächspegel in den hinteren Reihen mit jeder Minute anstieg und sich dann leider während des Sets hielt). Irgendwann gab die Band auf und spielte ohne sich zu hören: "We play the Songs for you" kommentierte man es augenzwinkernd. Der Auftritt selbst? Es hatte sich gelohnt, zu warten! Natürlich machen Tenhi alles andere als Partymusik, doch ihr Erfolg mit den Alben auch in der Metallszene deutet die künstlerische Kraft ihres Schaffens an und dieses auf der Bühne mit Piano und Schlagzeug begleitet erleben zu dürfen war sagenhaft. Zur Zugabe holte man noch Eviga (Gitarre) und Ínve (Violine) von Dornenreich auf die Bühne - das letzte, sehr kraftvolle Stück riss noch einmal mit und während sich die Tenhi Musiker zum Ausklang nach und nach von der Bühne verabschiedeten verblieben Dornenreich.


Ein feiner Kniff im Programm und für das verbliebene Publikum (1/3 war sicherlich seit Empyrium langsam gen Bettstatt entflüchtet) eine tolle Belohnung fürs Dableiben: Dornenreich präsentierten ein MiniKonzert - kraftvoll, mitreißend und energiegeladen. Sie können es halt.


Kraft und Tag neigten sich dem Ende zu, doch ein Name stand noch auf der Setliste: Vemod. Doch wieder dauerte der Umbau und die Lösung von Soundproblemen (wieder bei den Monitorboxen) an und erst 0.30 Uhr begann das Set, das speziell für den Klang in der Balver Höhle einstudiert war: Die Musik der Norweger, die sie selbst als Dark Ethernal Metal bezeichnen und die ich bis dahin nicht kannte, lässt sich Zeit. 15 Minuten allein für ein großartiges Ambientintro mit tollem Lautgesang, das zusammen mit dem Sternentor, das hinter der Band (und damit am Ausgang aus der Höhle) projiziert war, wirklich beeindruckend die Höhlenstimmung ausnutze. Diese Viertelstunde war perfekt, ich hätte mir gerne noch länger eine solche Show gegönnt. Doch dann leiteten Vemod über zu ihrem kalten, monotonen metallischen Sound mit growligen Vocals, der mich sehr an Darkspace erinnert hat und den ich mir sicherlich im Heimathafen einmal zu Ohren führen werde. Doch nach 12 Stunden Musik und vor allem einem Set, das seit Lifelover deutlich ruhig und mit Tenhi fast schon zum Stillstand gekommen war, konnte ich diese Wand aus Blastbeats und Gitarrenschleifen nicht mehr genießen. Der Look der Musiker, allesamt im Anzug, ihre unnahbare und introvertierte Bühnenpräsenz und das hervorragende Intro lassen den Namen Vemod aber positiv vermerkt im Hinterkopf.


Ein langer Tag. Ein lohnender Tag. Bis auf den ambivalenten Sound (Tolle Akkustik und Ausnutzung der Höhle versus Übersteuerungen, Krisseln und Monitorboxenmaleure) bin ich voll des Lobes. Jeder Besucher erhielt zum Einlass ein edles Programmbuch mit Notizen der Musiker und einer FestivalCD - hochwertig, wie man es eben von Prophecy gewohnt ist und eine feine Erinnerung. Das macht das Gesamtpaket komplett, für einen Eintrittspreis von 58€ bekam man beeindruckend viel geboten. Soviel, dass ich an dieser Stelle gestehen muss, die Lesung von Wöljager verpasst zu haben. Ich genoss vielmehr die schöne Atmosphäre auch vor der Höhle… Publikum und Bandmitglieder durchmischten sich hier und genossen die Pause zwischen den Stücken – eine tolle Chance, mit den Musikern unkompliziert in Kontakt zu kommen. Bereits jetzt steht fest - das Prophecy Fest soll nun jährlich in der Balver Höhle stattfinden und nach dem Marathon in diesem Jahr wurde beschlossen, das Programm auf zwei Tage aufzuteilen: notiert euch also den 29.07 und 30.06.2016 im Kalender rot und folgt an diesem Tag den Ruf des Labels.


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