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Und dann war es endlich soweit….

Im dritten Jahr des Prophecy Festes in Balve ist trotz einkehrender Routine bei den Rahmenbedingungen keinerlei Ermüdungserscheinung am musikalischen Oeuvre zu verspüren:
Das Label, dass sich mit seinem Sound und der Zusammenführung einiger hochwertiger und vieler sehr interessanter Bands einen guten Namen macht, zelebrierte erneut einen Festakt der besonderen Art: Nicht nur das Setting in der Balver Höhle ist eine akustische und optische Wonne, auch die Mischung unterschiedlichster Stile, Qualitäten und die Fokussierung auf die Bands (anders als bei anderen Festivals, bei denen das Drumherum mir zu sehr Überhand gewinnt) lassen mich im Vorfeld hibbelig werden. Der Besucher mit offenen Ohren bekam bekannte und unbekannte Projekte präsentiert, ein edles Buch mit beiliegenden Beiträgen der Bands auf zwei Silberlingen im Preis inbegriffen, Musiker halfen sich wieder untereinander aus und mischten sich ganz zwanglos unter das Publikum ohne belagert zu werden – zwei friedliche Tage der Musik. Deswegen schmerzt es besonders, dass die Zuschauerzahlen erneut unter der erforderlichen Marke blieben. Nur rund 850 zahlende Gäste fanden sich in Balve ein und Prophecy wird vorerst zumindest ein Jahr das Fest aussetzen. Ein Trauerspiel, aber verständlich.


Bereits Freitagnachmittag, 16.00 Uhr, begann das musikalische Programm mit Nhor und Soror Dolorosa. Ein fehlender Urlaubsanspruch nach Jobwechsel meinerseits und ein herrliches Angebot von Verkehrsdichte auf dem Weg zwischen Bremen und Balve führten mich aber erst zum Auftritt von Sun oft he sleepless unter Tage. Also belasse ich es bei optischen Eindrücken der Ausstellung von Irrwisch und komme gleich zu Schwadorfs Soloprojekt, dass sich erst vor kurzen mit dem eigentlichen Debutalbum aus 13-jährigem Schneewittchenschlaf zurückgemeldet hatte und nun wie der Deibel durch die Höhle peitschte.


Unterstützt durch zahlreiche Gastmusiker (u.A. Dornenreichs Eviga an der Gitarre) präsentierte der musikalische Tausendsassa Schwadorf seine Vision harter, monotoner und mystisch angehauchter Schwarzkittelei. Die Kernstücke nehmen keinerlei Gefangene, preschen voran und erfüllen die Höhle mit akustischer Schwärze. Irgendwo zwischen Labelkollegen Vemod (die noch einen Tick klarer die ambientartige Monotonie bevorzugen) und natürlich mystischen Elementen, die eine Verwandtschaft zu Empyrium verdeutlichen, ist es in jedem Fall begrüßenswert, dass Schwadorf Sun oft he sleepless wieder fortsetzte. Wohlwollend vom Publikum aufgenommen bewies man sich als eines der härtesten Projekte des Festes 2017 und die eine oder andere Matte wurde beim Kreisen erwischt. Einzig der etwas übersteuerte Bass, der vor allem vor der Höhle zu einem unangenehmen Dröhnen führte überschattete einen ansonsten guten Auftritt, der trotz noch früher Abendstunde Finsternis verbreitete.


Dann war es Zeit für Arcturus – eine Band, deren Sound und Livehabitus genauso seltsam ist wie ihre Besetzungsliste unsteht. Wer die fünf Herren noch nicht erlebt hat, der muss sich sicherlich erst einmal auf das Geschehen auf der Bühne einstellen und ich sah auch den einen oder anderen, der verständnislos gen Ausgang driftete. Was also passiert da? Nun, der Sound schwankt zwischen Rock, Black Metal, trägt dramatische Klassikanleihen und poppig-schmissige Melodien in sich versucht dieses Potpourri nun nicht schlüssig aneinander zu reihen, sondern abrupt zwischen Stilen und Melodien zu springen und bisweilen auch verschiedene Stile und Melodien gleichzeitig zu präsentieren. Dass das Ganze hoch professionell und mit Liebe gespielt wurde war aber schnell deutlich. Dass die Musiker ein Rad ab haben aber auch! Keyboarder Steinar „Sverd“ Johnsen stürmte einfach einmal in einer Spielpause vor und begrüßt das Publikum gollumartig. Gitarrist Knut Magne Valle benahm sich, als hätte man ihn 1969 in Woodstock entführt und ihm gesagt, Black Metal sei Hippiekram: mit breitem Grinsen und smoothen Bewegungen ballerte er verstrahlt vertrackte Riffs raus. Und Sänger Simen „ICS Vortex“ Hestnæs schließlich hat vollkommen einen an der Marmel: überdreht und unernst hüpfte er über die Bühne, schien sich über sich selbst und die dramatischen Momente in der Musik lustig zu machen und gab dabei stimmlich Gas: mit einer unfassbaren Bandbreite und schnellen Wandlungsfähigkeit pendelte er zwischen klarem Gesang in unterschiedlichen Tonlagen, Growls, Kreischen und z.T. hohem Tenor und wertete damit den Auftritt noch ein Stück mehr auf – wer ein Hang zur Skurrilität hat kam hier auf seine Kosten.


Bereits im letzten Jahr erschienen 4 Gitarristen, 1 Bassist und 2 Schlagzeuger auf der Bühne um alle drei bisher erschienenen Stück der DebutEP „Can’t you wait“ zu präsentieren und 2016 sorgte man für Begeisterung. In diesem Jahr kam der Isländer Elvar Geir Sævarsson mit seinem Projekt GlerAkur erneut nach Balve und wieder fegte das Gewitter aus Drones, eingesprenkelten Soli und Feedbackschleifen über das Publikum hinweg und sorgte für eine meditative Trance, eine Hingabe zum Minimalismus. Große Kunst, wieder ein bemerkenswerter Auftritt und spätestens mit der abschließenden, mir nicht bekannten Rocknummer, bei der Sänger und der Bassist der folgenden Sólstafir auch noch auf der Bühne Platz fanden, spielte man sich in Endlosschleifen in die Herzen der Hörer.


Der Freitag wurde schließlich von den Isländern Sólstafir beendet, deren Name auch müde Recken zum Bleiben veranlasste. Sicherlich routiniert und professionell hätte ich mir ein weniger ruhiges Set gewünscht, mehr Gesangsanteile und damit einen Bruch mit der Vorband GlerAkur. Ihre sechs Alben hätten dies gut hergegeben und Aðalbjörn Tryggvasons verletzlicher und rauer Gesang ist eine der großen Stärken der Band (und war live noch einmal bemerkenswerter). So aber gab es recht viele rein instrumentale Parts, die beileibe nicht schlecht aber eben im Vergleich mit ähnlichen Parts bei GlerAkur weitaus weniger beeindruckend vorgetragen wurden. Sólstafir sind ein Brett, haben ihren Status Dank der Alben zu Recht aber waren in meinen Ohren nicht der abschließende Höhepunkt des Tages.


Der nächste Tag begann musikalisch zur Mittagszeit mit den Amerikanern von Lotus Thief. Das Gespann aus Kalifornien, dass sich erst in jüngerer Vergangenheit formiert hatte wusste die überraschend große Anzahl an Fans zu begeistern und so kann man trotz früher Stunde und einer noch eher kurzen Bandgeschichte von einem vollen Erfolg sprechen. War für viele Besucher dies der erste Höhepunkt des Tages muss ich doch gestehen, dass ich weiterhin meine Probleme mit der Band habe und mich der Sound eher kalt lässt. Hinzu kommen kleine Wehwehchen wie ein noch nicht optimal aufeinander abgestimmter zweistimmiger Gesang, zu wenig Bühnenpräsenz und eine Videoinstallation, die zum Teil etwas wirr moderne Animationen mit alten Ausschnitten aus Stummfilmen verband und nicht auf das Set abgestimmt war.


Es folgten The moon and the nightspirit mit einem Auftritt, der mich mit ein wenig gesteigerter Mühe in der Vorbereitung deutlich mehr hätte überzeugen können: gerade bei einem solchen Projekt, das von seinem natürlichen und warmen Sound lebt empfinde ich alle Elemente, die aus der Konserve kommen als Störfaktor. Mautrommeln, Piano und ein Teil der Perkussions begleiteten die Musik stets vom Band – warum? Mit ihrer schönen und hingebungsvollen Präsentation, den Gesangsqualitäten und dem spielerischen Vermögen hätte man es wagen können, auf diese Elemente zu verzichten (minimaler aber beeindruckender) oder sich eben Gastmusiker zu laden wie den Flötisten (der seltsamerweise nach dem ersten Song erst einmal verschwand). Wirklich schade, denn alles „Echte“ wurde toll präsentiert.


Der frühe Nachmittag brachte Pasolinis „Mamma Roma“ in die Balver Höhle. Und während der italienische Film (seltsamerweise mit spanischen Untertiteln) im Hintergrund lief spielte die Spiritual Front ihr „Armageddon Gigolo“ Gedenk Set auf. Im 11. Jahr des Albums schmachtete Sänger Simone "Hellvis" Salvatori ob seines Alters, witzelte, dass manch ein Song aus den Sechzigern stammt und zeigte große Gesten und Machismo pur. Leider kam auch hier ein nicht unwesentlicher Teil des Gehörten nicht von der Bühne, sondern von Band und ich frage mich wirklich, ob es nicht möglich gewesen wäre, einen Akkordeonspieler auf die Bühne zu schmuggeln (der auch die Streicherparts übernimmt). Denn diese Elemente sind immanent für die vorgetragenen Stücke und das Fehlen eines echten Protagonisten war dadurch deutlich. Schade, denn ansonsten war dieser Auftritt mehr als gelungen, das Set erfreulich abwechslungsreich und die Musik eine herrliche Gradwanderung zwischen Schlager und Rock/Folk, die hinreißend präsentiert wurde. Ganz besonderes Lob verdient Andrea Freddy Nio, der an den Drums beeindruckend agierte und die Musik auf ein noch höheres Niveau hievte.


Und nach einem meiner Höhepunkte folgte der einzige deutliche Tiefpunkt der zwei Tage: Noêta. Herrje, was passierte da auf der Bühne? Und was nicht? Zwei Musiker standen z.T. etwas hilflos wirkend auf der Bühne, es kam mehr Musik vom Band als von den Akteuren und gleich zu Beginn wurde dem Fremdschämen die Pforte geöffnet, als der Gitarrist sein Instrument stimmte, Sängerin Êlea gerade ihr Hände neben der Gitarre baumeln ließ und man dennoch Gitarrenspuren vernahm. Weit weg von einer akzeptablen Show versuche ich diesen Auftritt trotz guter Gesangsleistung schnell zu vergessen – die Musiker haben in jedem Fall alles dafür getan, dass dies gelingt.


Wie drastisch anders der nun folgende Auftritt. Kam bei den vorherigen Bands unerwartet viel vom Band, wohl in der Annahme, dass es ohne nicht geht, zeigten uns Dornenreich wieder einmal, wie man sich von allem Ballast trennt und nur noch das Nötigste auf der Bühne präsentiert – das aber in einer Qualität, die beeindruckt. Akustikgitarre, Violine (bzw. einmal Zweitgitarre) und Flüstern. Mehr braucht die bis zum Duo geschrumpfte Institution in der (inzwischen fast schon fernen) Metallandschaft nicht, um zu faszinieren. Unglaublich intensiv wurden Stücke auch von den frühen Alben und der Demo stromlos interpretiert und die Reaktion des Publikums machte deutlich, dass sich zwar sicherlich viele eine Rückkehr zu metallischer Raserei und zu einem keifenden Eviga wünschen würden, man dem Österreicher aber diesen mutigen und konsequenten Schritt nachsieht, solange er einen solchen Zauber hervorrufen kann.


Opium fürs Volk. So kann man etwas abwertend den folgenden Auftritt von The vision bleak beschreiben. Denn das Duo Tobias Schönemann und Markus "Schwadorf" Stock wusste mit großen Gesten, Gastmusikern wie Fursy (Les Discrets) am Bass, einem Streicherensemble und zwei Gastsängern für das Hintergrundheulen vielleicht nicht qualitativ hochwertig, ganz gewiss aber wirksam die Karpaten in die Balver Höhle zu transportieren. Das Publikum war begeistert und der Auftritt für viele sicherlich der Höhepunkt des Wochenendes – ich werde mich an andere Momente deutlicher erinnern und The vision bleak als effektive Liveband vermerken, deren Musiker genau wissen, was ein Festivalpublikum mitreißt. Aber nochmal brauch ichs nicht unbedingt.


Hexvessel hingegen, die Folkrocker um Wahlfinnen Mat McNerney halte ich nach meiner ersten Livebegegnung als unbedingt empfehlenswert fest! Was die vier Herren und zwei Damen das präsentierten war mitreißend, hochwertig umgesetzt und ein musikalisch anspruchsvolles Feuerwerk. Komplexe Takt- und Rhythmuswechsel erschienen spielerisch leicht, die Feelgood Stimmung ihrer Kompositionen passten in das Programm des Festes und waren gleichzeitig eine willkommene Abwechslung. Irgendwo zwischen irischer und englischer Folklore, 70er Jahre Rock und nicht unerheblich psychedelischen Melodieparts jammte die Band beschwingt durch ihr Set und man konnte wegen der großartigen Gesangsleistungen von Bandkopf Mat McNerney und der großartigen Marja Konttinen (die den Mut hat, trotz eines nicht unerheblichen Beitrages zu Musik klar im Hintergrund zu bleiben) fast vergessen, dass auch die Instrumentalfraktion viel leistete. Zur unbedingten Weiterempfehlung ausgegeben sind deswegen Hexvessel live!


Im Folgenden versammelte das 2015 frisch gegründete Konglomerat erfahrener Musiker Dool um Frontröhre Ryanne van Dorst die Massen vor der Bühne. Ganz subjektiv festgestellt: Erfahrene Musiker spielen Musik, die ihrer nicht wirklich würdig ist. Mir fehlen die zündenden Ideen, die Strukturen der Songs sind zu vorhersehbar und einzig die energiegeladene und professionelle Darbietung waren sehenswert. Vielen schien der Auftritt aber zu gefallen und sicherlich hat sich die Fronterin mit ihrem herben Hard Rock Charme in die Träume manch eines männlichen Besuchers gespielt und gesungen...


Mitternacht zog vorbei, mit dem Ende des Auftritts von Dool suchten viele Besucher ihre Bettstatt auf und so waren die Publikumsreihen nach dem Umbau gelichtet. Der letzte Auftritt des Prophecy Festes 2017 war aber auch deutlich eine Herausforderung und sicherlich nicht jedermanns Sache. Hypnopazuzu, geistiges Kind von Killing Joke Urgestein Youth (an diesem Abend im freizügigen Kimono auch optisch herausfordernd) und David Tibet, bot irgendwo zwischen Neofolk, Neoklassik, Ambient und einer eigenwilligen, vielleicht am ehesten als 70er-Rock-in-Meditaionsmantren umgesetzten Stimmung einen würdigen aber fordernden Abschluss. Natürlich: Wo David Tibet drauf steht ist auch ganz viel David Tibet drin – wer also schon einmal ein Current 93 Album oder Konzert erlebt hat wusste, dass sein eigenwilliger Sprechgesang und seine noch eigenwilligere Art im Zentrum dieses Auftrittes stehen wird. Interessanterweise gab es, anders als bei seinem Hauptprojekt, quasi keinerlei Interaktion mit dem Publikum und die Band traumgeisterte gemeinsam durch ihre eigene Welt, während das Publikum am Rande beobachten durfte. Doch die Macht der guten bis sehr guten Kompositionen, dem Spiel der extrem heterogen zusammengesetzten Band (Gitarrist und Synthies könnten fast die Enkel der beiden Hauptmusiker sein) in Verbindung mit der besten Videoinstallation (die leider einmal kurz aussetzte) ließen das verbliebene Publikum in weiten Teilen begeistert zurück. Und wieder zeigte sich, wie viel Abwechslung dieses Fest bieten kann und welch ein Genuss das bedeutet.


Abschließend möchte ich die Herren an den Reglern und von der Technik loben – da hat man noch einmal eine Schippe zugelegt und bis auf den übersteuerten Bass bei Sun oft he sleepless, ein etwas schwammiger Sound bei den schnellen Arcturus-Parts, zweimal eine zu leise Abmischung (Lostus Thief Keys und der Violinist/Flötist bei Hypnopazuzu) und die ausgefallene Videoinstallation beim letzten Auftritt fallen mir keine größeren Schnitzer ein und die Musik tönte noch einmal deutlicher und angenehmer bis in die letzten Winkel der Höhle. Sehr fein. Ach ja: in den letzten Winkeln fand man auch wieder einen optischen Genuss – dieses mal von Prophecy Haus- und Hof Illustrator … Zu sehen waren vor allem die Artworks, die für die einzelnen Auftritte der Bands passend und mit unterschiedlichen Techniken entwickelt wurden. Wieder eine stille, aber deutliche Bereicherung des Festes.

Was bleibt zu sagen: die beiden Tage haben sich musikalisch mehr als gelohnt – ein solches Spektrum an unterschiedlicher Klangkunst, eine solche Fokussierung auf die Musik, die friedliche Stimmung, die ungezwungene Durchmischung von Künstlern und Besuchern vor der Höhle. Dankbar und erfüllt reiste ich Heim und bin eigentlich nur deswegen etwas unzufrieden, weil ich weiß, dass ich 2018 nicht nach Balve reisen werde. Daran schuld sind weder Musiker noch Label, einzig all diejenigen, die nicht da waren. Warum eigentlich nicht?


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