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Ein illustres und wie gewohnt hochkarätiges Line-up hatte das engagierte Team von Paganwelt für den Karsamstag in Augburg versammelt. So manch einer fragte sich allerdings im Vorfeld, wie wohl der rhythmische, magisch-rituell inspirierte Electro-Industrial von Ah Cama-Sotz mit dem düsterromantischen Folk der britischen Legende Sol Invictus und der schweißtreibenden Electronic Body Music von Dirk Ivens Kultprojekt Absolute Body Control an einem Abend harmonieren würden. Die beiden weiteren angekündigten Acts, Slick Rogers und :Golgatha:, beide hierzulande beheimatet, waren bisher vielleicht nicht allen Interessierten ein Begriff.

Allein aufgrund der nicht eben inflationären öffentlichen Präsenz des Headliners Absolute Body Control war an jenem Feiertagsabend mit einem hohen Besucherandrang zu rechnen. Doch gegen 20 h, nur wenige Minuten vor Festivalbeginn, hatten sich gerade einmal an die 50 Personen in der Kantine eingefunden, zwischen Bar, Sitzgelegenheiten und Merchandising-Ständen pendelnd. So hatte denn auch Slick Rogers, ebenfalls bekannt als DJ Bloodfire/Bloody einen schweren Auftakt zu meistern. Mit schier unüberbrückbar scheinendem Abstand zur Bühne verfolgten nur wenige Besucher die Solo-Performance des mit Laptop und Sturmhaube ausgestatteten DJs. Optisch unweigerlich an Angelo Bergamini von Kirlian Camera erinnernd, wirkte Slick Rogers ein wenig verloren, so an den linken Rand der ohnehin nicht großen Bühne hinter ein altes Ölfass gedrängt. Sein hochklassiges Set, eine düstere, unterkühlte Mixtur aus noisigen, treibenden Rhythmen und technoider Minimalelektronik, teilweise unterlegt mit stark verzerrten Live-Vocals, brachte an jenem Abend zwar nicht den erhofften warming up-Effekt, kann aber dafür als topp Geheimtipp nur wärmstens empfohlen werden (natürlich hilft auch hier myspace weiter: www.myspace.com/SlickRogers1).


Im Anschluss an den enttäuschend dürftigen Applaus und eine dank umfangreicher Wiedersehensfreuden als äußerst knapp empfundenen Umbaupause präsentierten sich :Golgatha:. Mit seiner feinsinnigen, magisch-rituell anmutenden und von vielerlei künstlerischen Einflüssen geprägten Performance wusste das Quartett augenblicklich zu fesseln und zu faszinieren. In warmes, blutrotes Bühnenlicht getaucht, entwickelte der mit perkussiven, neoklassischen und elektronischen Elementen auf einzigartige Weise kombinierte Dark Folk eine meditative, fast beschwörerische Atmosphäre, die innehalten ließ. Neben der wie Balsam wirkenden Stimme von Christoph D. bot auch die faszinierende, gertenschlanke und geheimnisvoll anmutende Sängerin einen akustischen und optischen Ruhepol. Die geschmackvoll zusammengestellte Diashow, die ihre symbolische Wirkung nicht verfehlte, komplettierte und unterstützte den außergewöhnlichen, stark emotional aufgeladenen Auftritt, der mit einem gebührend enthusiastischen Applaus belohnt wurde (www.myspace.com/schaedelstaette).


Ein Kontrastprogramm, jedoch nicht weniger „obskur“ und thematisch ebenfalls jenseits der fassbaren Alltagswelt schürfend und experimentierend, boten wie gewohnt Ah Cama-Sotz. Mit ihrem sicheren Gespür für pulsierende Beats und treibende Rhythmen und dem einzigartigen magischen Kick dauerte es nur wenige Minuten, bis ein Teil des Publikums die unglaubliche Energie und Kraft, die stets auf eine unheimliche Art und Weise von den düsteren Soundcollagen des Belgiers Herman Klapholz ausgeht, dankbar aufnahm und in Tanzbewegungen umsetzte. Die verstörenden Videoprojektionen, u.A. ein sehr trashiges, aber unweigerlich Gänsehaut verursachendes selfmade Friedhofs-Video, sorgten für einen zusätzlichen visuellen Kick. Viel zu schnell endete unter begeistertem Applaus eine spannende Reise in das Universum der Riesenfledermaus.


Es tat gut, noch lange die Energie des Auftritts von Ah Cama-Sotz zu verspüren. Der gesamte bisher aufgebaute Enthusiasmus und die lange gepflegte Vorfreude auf den nächsten Künstler übertrug sich auf den Moment, als Neo-Folk-Urgestein Tony Wakeford mit seiner Band und dem britischen Künstler und Sänger Andrew King die Bühne betrat. Es schien, als hätte das Publikum nichts und niemanden sehnlicher erwartet als Sol Invictus. Schnell trat eine wohltuende Stille und entspannte Atmosphäre in den Raum, es öffnete sich das Tor in den Wakefordschen Kosmos, in dem die kritisch zu beurteilenden Weltansichten vergangener Jahren keinen Platz mehr finden und sich vielmehr ein kritisch-distanzierter und reflektierender Blick auf die heutige gesellschaftliche und politische Situation eröffnet.


Neben der charakteristischen, dominierenden Akustikgitarre von Tony Wakeford sorgten das sanfte Violinenspiel, ein dezenter Bass sowie der Gesang und die Percussion von Andrew King für ein intensives, gefühlvolles Erlebnis, das vom Publikum volle, konzentrierte Aufmerksamkeit forderte (und auch bekam!). Läuft man sonst womöglich Gefahr, einer gewissen Ermüdung anheim zu fallen…Begleitet von stimmigen und stimmungsvollen Bildern auf der Leinwand strahlte das Set, welches nicht nur unsterbliche Klassiker sowie aktuelles Material umfasste, eine unglaubliche Ruhe, aber auch Kraft und Energie aus. Man konnte und mochte sich des Gefühls nicht erwehren, in fast familiär wirkender Atmosphäre Teil dieses Kosmos zu sein. Es bedurfte kaum einer Regung der Musiker, die versunken und in sich verharrend mit ihrem Spiel eine Begeisterung entfachten, die das Publikum nach Beendigung des Sets zu beharrlichen Zugabe- und Tony!-Rufen animierte. Da bei Sol Invictus der Stoff für Träume nie auszugehen scheint, fand der Auftritt einige Titel später seinen Höhepunkt und gleichzeitig sein Ende.


Es war inzwischen Zeit geworden für einen nicht weniger namhaften und ikonisierten Künstler, dessen Ausstrahlung nichts von den wilden, ungestümen Zeiten der vor über 20 Jahren begonnenen Karriere eingebüßt hat.
Mit dem sportlich-leger gekleideten und bestens gelauntem Dirk Ivens kehrten nicht nur einige Sol Invictus-Anhänger der Bühne den Rücken zu und beendeten mit diesem Erlebnis teilweise sogar bereits den Abend, in erster Linie kehrte mit der belgischen Electro-Legende der rohe, aggressive und minimalistische EBM der ersten Stunde zurück.
Das mit Klassikern und Krachern nur so gespickte Set weckte nach der bis dahin von Sol Invictus erzeugten konspirativen Stille den Bewegungsdrang im Publikum. Wie Ivens verausgabte es sich vom ersten Titel an und feierte den Auftritt in einer einzigen großen Party. Ein nicht enden wollender Beifall holte Ivens für zwei Zugaben auf die Bühne zurück. Mit dem wieder aufflammenden Bühnen- und Hallenlicht strebten endgültig die meisten Besucher zum Eingang, und nur ein kleiner, noch in Erinnerungen schwelgender oder munter tratschender Teil blieb noch zur Raven Chorus-Party.

Für den 22. November ist bereits das nächste Festival-Highlight angekündigt. Als Künstler wurden bereits Qntal und Arcana bestätigt. Ein wichtiger Termin, den man sich sofort im Kalender notieren sollte. Zumal die Kantine dann bereits in neuen Räumen residiert und in aufpoliertem Glanz erstrahlt (www.musikkantine.de)


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