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Es „wagnerte“ allerorten in Leipzig, denn die Stadt feierte im Jahr 2013 den 200. Geburtstag ihres berühmten Sohnes Richard Wagner. Kein Wunder also, daß davon das 22. Wave-Gotik-Treffen nicht unberührt blieb, sind doch viele der rund 20.000 schwarzgewandeten Musikliebhaber, die an Pfingsten zum größten Szenetreffen anreisen, klassischen Tönen ebenfalls zugetan. Einen ersten Hinweis auf die Verquickung der Wagner-Festivitäten und des WGT lieferte bereits das Logo auf der Internetseite sowie die Tickets, welche der Kopf des genialen, aber nicht unumstrittenen Komponisten zierte. Ebenso war eine große Eröffnungsfeier am Völkerschlachtdenkmal mit Wagner-Musik geplant. Diese mußte allerdings aufgrund verzögerter Bauarbeiten am Denkmal kurzfristig abgesagt werden, dennoch waren Freunde wagnerianischen Bombasts mit 3 (!) Opern, einem Orgelkonzert im Gewandhaus sowie kleineren Veranstaltungen, wie Ausstellungen oder einem Kinofilm, ausreichend versorgt.


Sicherlich war es nicht nur den Wagner-Festtagen geschuldet, daß am Pfingstwochenende die Innenstadt Leipzigs geradezu überquoll. Ich hatte den Eindruck, daß die Anzahl sowohl der Schaulustigen, die mit Digicams bewaffnet auf „Gotenjagd“ gehen, als auch der professionellen Kamerateams, mit teilweise zweifelhaften Absichten, was deren Berichterstattung betrifft, jedes Jahr weiter zunimmt. Und es war wiederholt zu beobachten, daß besonders aufwendig kostümierte Gestalten vor den Linsen weder mit der Szene am Allgemeinen, noch mit dem Festival im Besonderen etwas zu tun hatten. Die Verkleidungen sowie die fotografierenden/filmenden Menschentrauben, um die man u.a. in der Fußgängerzone kurven mußte, erinnerten jedenfalls stark an Karneval, insbesondere deshalb, weil es mittlerweile für Touristen Usus zu sein scheint, sich zusammen mit so einem „Verrückten“ für die heimische Skurrilitätensammlung ablichten zu lassen. Ich jedenfalls warte auf den Tag, an dem irgendjemand Geld dafür nimmt und weit ist man davon wohl nicht mehr entfernt, wie u.a. eine recht dämliche Fotoaktion im Hauptbahnhof belegte.


Trotz dieser negativen Auswüchse steht die Mehrheit der Leipziger Bevölkerung dem Festival nach wie vor freundlich-aufgeschlossen gegenüber und die allermeisten Gäste waren natürlich wegen des umfangreichen musikalischen und kulturellen Programms gekommen. Und dies hielt für jede der zahlreichen Sub- und Subsubszenen innerhalb der großen schwarzen Gemeinde mannigfaltige Beschäftigungsmöglichkeiten bereit.


FREITAG
 
So fuhr ich am Freitag nach Erledigung der Formalitäten sowie einem ausgiebigen Tonträger-Shopping in der Agra-Halle 1 schon einem ersten „Muß-ich-sehen“- Ereignis entgegen. CAMERATA MEDIOLANENSE eröffneten den Abend in der Kuppelhalle des Volkspalastes, wobei man gut daran getan hatte, pünktlich zu erscheinen, denn das Rund füllte sich schnell mit ungeduldig wartenden Besuchern. Die neoklassische Formation um die ausgebildete Komponistin Elena Previdi kam mit neuem Material im Gepäck: „Vertute, Honor, Belezza“ wird im Juni erscheinen und ist dem italienischen Poeten Francesco Petrarca (1304 – 1374) gewidmet. Eingestimmt wurde das Publikum zunächst von einer mystischen, weiblichen Satyrgestalt im Video zu „Canzone alla Vergine“ (http://www.youtube.com/watch?v=RdhpDovQ_2E), bevor die Protagonisten leibhaftig die Bühne betraten, um vorwiegend sanfte, sehr klassische Stücke vorzustellen.


Piano und Stimmen standen im Mittelpunkt, Trommeln oder Pauken fehlten hingegen fast gänzlich, ebenso Daniela Bedeski. Statt dessen standen Desiree Corapi sowie Luminiza mit ihrem männlichen Pendants Trevor und Marco Colombo an den Mikrophonen und wußten in ihrer leider nur halbstündigen Performance zu verzaubern, erst recht als zum Finale Gastsängerin Carmen d'Onofrio (ex-Argine) als besagter Satyr ein gefühlvolles Solo mit Klavierbegleitung intonierte. Der darauffolgende Applaus war ohrenbetäubend, so daß sich CAMERATA MEDIOLANENSE zu einer spontanen Zugabe entschieden und ihr Konzert mit einem älteren, schwungvollen und rhythmusbetonten Lied (ich glaube, es war „La Grande Corsa“) beendeten. Ein wunderbarer Auftakt, aber leider viel zu kurz. Für CAMERATA MEDIOLANENSE hätte ich mir eine Headliner-Platzierung gewünscht.


Der Saal leerte sich in Richtung Bar und es gab erstmal einen kleinen Stau, so daß ein Durchkommen zur Kantine nahezu unmöglich war. Als ich endlich vor Ort war, waren TWA CORBIES bereits mitten im Auftritt und ich war einigermaßen überrascht, unter diesem mir unbekannten Namen zwei vertraute Gesichter auf der Bühne zu sehen. Die Benennung nimmt Bezug auf die schottische, zynisch verfremdete Version einer historischen englischen Folk-Ballade namens „The Three Ravens“- in Fleisch und Blut handelt es sich bei TWA CORBIES um niemand anderen als Tony Wakeford (u.a. Sol Invictus) und Gernot Musch (ex-Pilori, :golgatha:), die beide mit Akustikgitarren bewaffnet für ein Deja-Vu sorgten. Zu Gehör gebracht wurden nämlich sehr puristische Versionen von Sol-Invictus-Songs, wobei sich Tony Wakeford stimmlich in Hochform präsentierte und auch sonst bestens gelaunt schien. Zwei Männer, zwei Gitarren, alte Neofolk-Lieder – mehr braucht es manchmal nicht.


Alles andere als schlicht kamen danach DAEMONIA NYMPHE in der Kuppelhalle daher. Nach 9 Jahren auf die Bühne des WGT zurückgekehrt, ließ die griechische Formation, gegründet 1994 von Spyros Giasafakis und Evi Stergiou, die Antike wieder auferstehen. Mit altertümlichen, teilweise speziell angefertigten Instrumenten und venezianischen Masken sorgten die Akteure zwar nicht ganz stilecht, dennoch effektiv für spirituelles Flair. Das gleiche galt für die Musik, die federleicht zwischen Orient und Okzident, fröhlich und melancholisch, dezent und orchestral hin- und hersprang.


Manchmal fungierte die Stimme beider Sängerinnen mit trillernden, textlosen Passagen als zusätzliches Klangelement und das erinnerte bei einigen Stücken an archaische Tänze oder dämonische Beschwörungen, unterstrichen durch anmutige Bewegungen der beiden in wallende Gewänder gehüllten Damen im Vordergrund. Aber auch die anderen sorgten für Leben auf der Bühne, allen voran der maskierte Kontrabassist, sein Instrument manchmal wie ein Teufelsgeiger traktierend, manchmal als Schlaginstrument benutzend. Es war eine mitreißende, exotisch anmutende Reise in die Vergangenheit, welche mit stürmischem Beifall honoriert wurde.


„Only Happy When I Hide“, so lautet einer der Titel von NORTHGATE, mittlerweile zu NG abgekürzt. Die beiden Buchstaben stehen für das bereits 1992 aus der Taufe gehobene, eigene Projekt des Camerata-Mediolanense-Sängers Trevor. Verstecken mußten sich die 4 Musiker jedoch keineswegs und besonders unglücklich ob ihrer exponierten Position auf dem Podium der Kantine wirkten sie ebenfalls nicht. Im Gegenteil, mit ihrem Sound in der Schnittmenge von Ambient, Psychedelic Rock und Doom hatten sie die Zuhörer fest im Griff und brachten den Boden zum vibrieren.


Die kraftvollen, basslastigen Gitarrenbrocken wurden durch den weichen Gesang Trevor's perfekt ergänzt und bekamen mittels des meist schleppenden Rhythmus einen beinahe hypnotischen Touch. Aber die Italiener konnten auch anders. Hin und wieder schimmerten ein paar Noise-Elemente durch und zum Schluß mündete das Konzert in eine kreischende Klangorgie. Alles in allem war ich von dem energetischen Set der mir bisher unbekannten Gruppe schwer beeindruckt – eine meiner persönlichen Neuentdeckungen des diesjährigen WGT!


In der Kuppelhalle hatten inzwischen A.C.T.U.S. (ausgeschrieben: Archaic Cultural Traditions United in a Society) ihre Instrumente aufgebaut und enterten nach einem schier endlos scheinenden Intro die Bühne. Eröffnet wurde mit sehr rockigen Songs zu denen ungarische Texte mehr herausgeschleudert als gesungen wurden. Die musikalische Aggression bestimmte allerdings nur anfänglich die Atmosphäre. Irgendwann wandelte sich das Klangbild, wurde eingängiger, ja, geradezu poppig.


Obwohl die 5 anwesenden Mitglieder des ungarischen Kollektivs in Laufe des Konzerts eine unglaubliche Vielseitigkeit bewiesen, von Hart nach Zart quasi, entsprach deren Auftritt offensichtlich nicht dem Geschmack der meisten Zuschauer. Wie sonst ist es zu erklären, daß sich der Saal nach und nach in beängstigender Weise leerte? So bekamen viele die zum Mitwippen einladenden, wenn nicht sogar beinahe Grand-Prix-tauglichen Titel gegen Ende nicht mehr mit. Schade eigentlich, denn A.C.T.U.S. spielten ihre abenteuerliche Mixtur aus Prog-Rock, Pop und einer Prise Folk mit spürbarem Herzblut und hatten lediglich das Pech, an der falschen Stelle positioniert und zudem nicht optimal abgemischt worden zu sein.


SAMSTAG
 
Wie der Name sagt, handelt es sich beim Wave-Gotik-Treffen um ein Treffen, sprich, für viele der Besucher ist es eine gute Gelegenheit, weiter entfernt lebende Freunde zu sehen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen oder ganz allgemein ein entspanntes Wochenende zu erleben. Genau dies tat ich am Samstag nachmittag: Klönen mit einem lieben MK-Kollegen im schattigen Innenhof der Moritzbastei.


Und weil's so nett war, kam ich erst ziemlich spät in's nahegelegene Alte Landratsamt, übrigens eine neue WGT-Location. Zu den letzten Songs von Lux Interna konnte ich mir noch ein kleines Getränk gönnen, bevor DARKWOOD die Bühne betraten.


Sehr deutlich war hier der Unterschied zu den Amerikanern von Lux Interna zu hören, deren Set, soweit ich das anhand der wenigen Stücke beurteilen kann, ungewöhnlich treibend, ja, geradezu rocklastig daherkam. DARKWOOD boten im Gegensatz dazu das, was man üblicherweise als klassischen deutschen Neofolk bezeichnet, wenngleich ein Teil des Liedgutes auf Englisch gesungen wurde. Dabei konnte Henryk Vogel auf akustische Unterstützung einiger befreundeter Musiker bzw. Musikerinnen zählen und setzte vorwiegend auf Handarbeit, sprich, die Weisen wurden sehr traditionell intoniert. Klingt unspektakulär, ist es auch. Dennoch oder vielleicht deswegen konnte der spürbare Elan der gemischten Truppe sowie nicht zuletzt der klare Gesang des Protagonisten das zahlreich erschienene Publikum begeistern. Lohn war donnernder Applaus, den die Akteure erfreut entgegennahmen.


IANVA sind live immer ein Erlebnis! Das wußte nicht nur ich, das wußten die vielen anderen Fans ebenfalls, die nun gespannt warteten. Und sie wurden nicht enttäuscht. Gewohnt routiniert präsentierte der Neuner aus Genua seine einzigartige Mischung aus mediterraner Folklore, Chanson und Filmmusik à la Ennio Morricone, wobei die Formation um Sänger Mercy und Sängerin Stefania ihre Stärke, nämlich die Musik mit viel Gefühl und Leidenschaft zu inszenieren, voll ausspielten.


Trotzdem hatte ich ganz subjektiv den Eindruck, IANVA bereits zu oft gesehen zu haben. Nur wenig unterscheiden sich sowohl die jeweiligen Konzerte als auch die bisher veröffentlichten Tonträger. Das zeugt einerseits vom gleichbleibend hohen Niveau der Kapelle, andererseits von einem gewissen Stillstand, was deren Entwicklung betrifft. Hier heißt es also aufpassen, daß aus Euphorie nicht irgendwann Langeweile wird.


Aber soweit wagten weder die Akteure auf, noch die Zuhörer vor der Bühne zu denken, an diesem Abend war einfach nur genießen angesagt. Habe ich eigentlich schon erwähnt, daß IANVA live immer ein Erlebnis sind?


Weitere Fotos findet Ihr in unserer Bildergalerie!


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