Wumpscut Women and Satan first

Gehen Schiffe unter, dann haben zunächst Frauen und Kinder die Chance, sich zu verdünnisieren. Ausgenommen sind natürlich italienische Kapitäne und ... wenn man dem Alt-Meister (?) der schwarzen Elektroszene glauben schenken mag, auch der Herr der Finsternis. Und weil ich ungerne halbe Sachen mache wende ich mich nun halbherzig motiviert dem halbwegs gelungenen neuen Album von Onkel Ratze zu um die halbmagischen Zahl meines Reviewcounters ausreichend zu würdigen: Hier kommt Rezension Nummer 333 "Women and Satan first" von Wumpscut.

Album Nummer Weiß-man-nicht (irgendwo zwischen 15 und 19) erschien gemäß der Ratz'schen Jahresveröffentlichungspolitik. Doch anders als Woody Allen, der sich in den 70ern schwor, ein Kunstwerk pro Jahr zu veröffentlichen und dies mit Bravour durchzog, erscheint die bayrische Beton Kopf Taktung doch eher eingefahren und mit engen Raum für Kunst und Kreativität. Ich sehe vor meinem geistigen Auge das Musikstudio des in die Jahre gekommenen Regelschiebers: An der größten Wand hängt ein Plakat mit der To-do Liste: Mai (Verkäufe feiern), Juni (Urlaub), Juli (Mit Freunden treffen), August (Sich erinnern, dass da irgendwas war), September (Ach ja, eine neue CD), Oktober (Grundthema: Sex oder Gewalt oder beides?), November bis Februar (Artwork und Vorankündigung auf der Homepage gestalten (lassen)), März (Aufnahmen, Abmischung und Unterschriften für die Sondereditionen), April (Und raus damit).

Die letzten beiden Jahrgänge waren leider weniger gelungen. Mag es an der Klimaerwärmung, der politischen Lage oder der miesen Rebenernste gelegen haben, aber "Siamese" und "Schrekk und Grauss" waren ... traurig. Dementsprechend bestellte ich als bisheriger Fan und Blind-Kauf-Sammler erstmals keine Sonder-Box. Diese Entscheidung sollte sich als eine gute erweisen, wenn auch anders als zunächst gedacht. Denn was einem als erstes ins Auge fällt ist das Artworkkonzept. Wumpscut 2012 mal ganz hübsch: Der Krefelder Thomas Buchta, einigen bereits bekannt für auffällige und aufwühlende Fotografien, wurde diesesmal engagiert um 3 Damen und einen Herren bezaubernd in Szene zu setzen und ein Arktwork zu entwickeln, dass sich eigentlich jeder gerne an die Wand hängen würde. Denn hier wurde gefotoshopped bis die wirkliche Schönheit des nackten Menschen comicartic verzerrt ins Rampenlicht gerückt erscheint. Bindegewebsschwäche, die Ästhetik der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale und die bezaubernde Anziehungskraft des alternden menschlichen Leibes sind zentrales Motiv dieser Kunstwerke, die auf und im Booklet abgedruckt wurden und die sicherlich auch Verwendung bei den "Gimmicks" der Sonderedition fanden. Sicherlich werden es einige witzig und/oder gut finden. Ich bin einfach nur froh, dass ich keine Din A4 Box mit einem solchen Cover bei mir zu Hause habe, denn in meinen Augen ists unerträglich und unnötig abstoßend.

Drei Absätze und ich bin noch nicht bei der Musik gelandet. Man entschuldige. Aber Onkel Ratze isses mir wert – zu gerne mag ich einige ältere Produkte aus seiner Musikschmiede. Außerdem kann ich mir Zeit lassen mit dem Vorgeplänkel, denn zum musikalischen Inhalt und der Qualität der eigentlichen Aufnahmen reicht eigentlich das Copy-Paste Verfahren der Texte aus den Jahren davor (zumindest für die 90% Grundstruktur, die 10% die den Unterschied zwischen den einzelnen Alben ausmachen... naja). "Women and Satan first" erweist sich immerhin als klitzekleiner Lichtblick in Sachen "Spielfreude". Denn siechten die beiden Vorgänger vor sich hin und definierten Massenproduktion und musikalische Langeweile besser als jedes Chris Pohl Produkt so glänzt Wumpscut 2012 immerhin mit einer zugegebenermaßen weiterhin standardisierten Vorhersehbarkeit, die aber immerhin Spaß machen kann und nicht einfach nur nervt oder enttäuscht. Die Kritik bleibt die selbe: Wumpscut klingen wie Wumpscut. Veränderungen im Sound sind minimal – eine leichte Pop-Note bzw. trancig vorantreibende Soundelemente fallen bei genauen Hinhören auf. Solche "Besonderheiten" sind aber genauso zu werten, als ob man in einer Tüte Gummibärchen ein Grünes finden, das bei der Produktion noch einen kleinen Extra-Bubbel am Kopf abbekommen hat. Aber als Rezensent sucht man ja bisweilen mit der Lupe um das Engagement des Musikers ausreichend zu würdigen.

Deswegen sind die folgenden Anspieltipps auch keine besonderen Songs sondern die subjektiv am ehesten funktionierenden Stücke: "Hallelujah" ist ein schicker Einstieg ohne Standart-Rudy Gesang mit viel Platz für gelungen eingebaute Samples (ein allzu nötiges Pflaster nach dem Sample-Totalausfall auf der gesamten "Schrekk & Grauss") Ansonsten ist der Einsatz von Samples nicht mehr so grazil wie früher sondern wirkt (wie so viele Elemente) eher plump,lieblos und standardisiert (man lausche nur dem stumpfen Blutsturtz, Baby), "Death Panacea" erinnert stimmungstechnisch positiv an "Bonepeeler" Zeiten und das abschließende "Kaufe deine Seele" kann allen, die grammatikalische Fragezeichen ignorieren können, ein gelungenes ruhiges Feierabendlied werden. Sicherlich werden einige sich auch mit "Kill that little fuck" anfreunden können – musikalisch wenig existent bietet es doch plakative Wörter mit f... und der routinemäßigen Erwähnung des Namens Hitler. Ansonsten lebt sich der Standart in allen Bereichen aus, mal ists durchschnittlich, mal lahm. Einmal mehr wurde eine aus der Vergangenheit stammende Bezeichnung für einen nicht so netten Menschen verwendet (diesesmal der "Grobian", der sich leider in einem vor sich hin plätschernden Song wiederfindet) und nach 50 Minuten kann man von gewohnter Wumpskost sprechen.

Um die ganzen Albennamen nicht nocheinmal niedertippen zu müssen folgt hier die Faziteinordnung nach Jahreszahlen (Und auch erst ab der Jahrestaktung, die mit der "Bonepeeler" 2004 begann): In meinen Ohren gelungener als 2011 und 2010. Ähnlich durchschnittlich wie 2009, 2007 und 2005 aber mit weniger gelungenen Cover. Deutlich schlechter als 2008, 2006 und 2004. Und leider weiterhin ohne auch nur das kleinste Anzeichen vom Willen, mal was zu verändern. Deswegen gilt für alle, die mit Wumpscut noch nie was anfangen konnten oder denen eine einzige Tüte Gummibärchen reicht: Frauen und Satan zuerst, rette sich wer kann. Für alle anderen: bleibt an Bord, während das WumpsKreuzfahrtschiff laaaaaaaaaaaaangsam untergeht. Ich werde dabei sein, auch wenn es inzwischen keine logische Erklärung mehr dafür gibt.

Facts:

Label:
Beton Kopf Media

Mediatype:
CD

Genre:
Electronic / Industrial / Noise

Review-Datum:
25.04.2012

VÖ-Datum:
06.04.2012

Leserwertungen:
12

Bewertung:
Rating Image

Leserwertung:
Rating Image

Autor:
Horrschd

Bewerte diesen Tonträger:

Autor:

Horrschd hat bereits 622 Reviews für den Medienkonverter verfasst und die Durschnittsbewertung beträgt 3,5 Sterne.Das Fazit von Horrschd zu diesem Review lautet: Standard, Standard, ganz okey, Standard 2012-04-25 12 2,5

Tracklist:

01. Hallelujah
02. Women And Satan First
03. Death Panacea
04. Kill That Little Fuck
05. Burial On Demand
06. Grobian
07. L'enfer Noir
08. Blutsturtz, Baby
09. Cunnilingus Creutzfeuer
10. Kaufe Deine Seele

Facebook Like

Twitter

Twitter

(c) Medienkonverter Online - Alle Rechte vorbehalten Vervielfaeltigung nur mit Genehmigung.
Alle Angaben erfolgen ohne Gewaehr. Page Impressions diese Seite: 2.649 Statistiken
Impressum