Ran Ran

Das Cover von "Ran", dem Debüt-Album des gleichnamigen Projektes, gibt mir Rätsel auf. Was will mir das überdimensionale Katzen-Augen-Foto sagen? Sollte man die Augen offenhalten und zweimal hinschauen, bevor diese CD im Plattenladen des Vertrauens in den Einkaufskorb wandert? Darf man davon ausgehen, daß das italienische Duo den interessierten Hörer mit Katzenmusik 'beglücken' wird? Oder muß man vielmehr mit dem akustischen Analogon einer "Schmusekatze" rechnen - weich, soft, fellig, nur selten Krallen und Zähne zeigend?

Nun ja, die Wahrheit liegt, wie so häufig, irgendwo dazwischen, daher zunächst zu den harten Fakten: RAN, das sind Frontfrau/Sängerin Romina Salvadori und Keyboarder Giorgio Ricci, beide (glaubt man dem Info der Plattenfirma) in der italienischen Musikszene keine Unbekannten... Und, sei dem, wie es wolle: Eine gewisse musikalische Erfahrung kann man beiden schon nach dem ersten Durchlauf des Albums nicht absprechen. Zum einen lebt der Sound natürlich von elektronischen Spielereien, wobei man insgesamt Mut zum Experiment beweist. Zwar bricht man nie völlig mit eingängig-mainstreamigen Elementen, mit warmen Klangteppichen, erinnerungswürdigen Melodiepassagen und gelegentlich sogar tanzbaren Rhythmen, aber ebensowenig mangelt es an kratzig-noisigen Geräuschen, teilweise arg verqueren Song-Strukturen und jeder Menge putzigen Effekten, die in ihrer Kombination ein ums andere Mal an die genialen ANDROID LUST - Alben erinnern. Daneben fällt aber äußerst angenehm auf, daß Giorgio sich durchaus auch darauf versteht, die Instrumentierung auf ein Minimum zu beschränken, die Elektronik nur äußerst sparsam einzusetzen in jenen Songs, die die Stimme von Romina klar dominiert...

... was uns zum zweiten Kernstück des RAN-Sounds bringt: dem Gesang. Geradeheraus: Es ist beeindruckend, welche stilistische Vielfalt die zierlich wirkende Sängerin im Verlauf der zehn Songs, die dieses Album formen, abzudecken vermag. Romina singt und flüstert und stöhnt und kreischt und schreit und haucht dann wieder ihre Vocals lasziv ins Mikro, bewegt sich irgendwo zwischen Schlampe und Vamp, zwischen Diva und dem naiven Mädchen von nebenan, zwischen Opernsängerin und Rock-Röhre und gibt sich dabei zu keinem Zeitpunkt die Blöße, nicht Herrin ihrer Stimme zu sein. Indes ist genau diese gesangliche Vielfalt einer der Aspekte an diesem Album, der dazu angetan ist, die Hörerschaft zu polarisieren, denn, so imposant die Flexibilität der Sängerin ist: In Verbindung mit dem (wie angedeutet) teilweise durchaus unkonventionellen Songwriting ist es der Zugänglichkeit der Musik nicht unbedingt dienlich, wenn die Sängerin ihre gesamte stilistische Bandbreite in einem einzelnen Song unter Beweis stellen muß oder will. Zudem: Alles ist gut, solang der Gesang in der Tat dazu dient, die Texte zu den Stücken vorzutragen. Richtig sperrig wird es erst gegen Ende des Albums, wenn man ("call", "splinters") offensichtlich versucht, die Stimme als der Elektronik gleichberechtigtes 'Instrument' einzusetzen, wenn nicht mehr Worte intoniert, sondern nurmehr mit Lauten und Klängen akustische Visionen "gemalt" werden. Dann drohen die Dinge etwas außer Kontrolle zu geraten, dann ist selbst bei duldsamen Zeitgenossen Überwindung erforderlich, um den Finger vom "Skip"-Taster des CD-Players zu lassen. Aber irgendwann muß ja die Katze auch 'mal die Krallen ausfahren.

Kurz und knapp also, um zu einem Fazit zu finden: Ein durchaus interessantes, reifes und definitiv eigenständiges Album, in dessen Beschreibung allerdings das Wort "eingängig" keinesfalls vorkommt. Diese Scheibe erfordert Zeit und Mühe, funktioniert vermutlich nur bedingt zum "Nebenbei-Konsum" (und fast gar nicht im Auto) und dürfte all jene begeistern, denen die Vorstellung einer Mischung aus Björk und den US-Amerikanern Collide (oder auch einer vollständig elektronischen Version von Portishead) ein seliges Grinsen ins Gesicht zaubert. Alle anderen, um den Bogen zum Anfang zu finden, sollten zumindest vorher reinhören. Bis auf die enorm sperrigen beiden letzten Tracks (denen leider auch teilweise etwas der rote Faden, ein wirkliches Konzept fehlt), gibt's ansonsten nicht viel auszusetzen. Anspieltipps: "wonder", "oxygen", "collyrium", "call".

Facts:

Label:
decadance

Mediatype:
CD-Album

Genre:
Electronic / Industrial / Noise

Review-Datum:
31.10.2006

VÖ-Datum:
30.09.2006

Leserwertungen:
0

Bewertung:
Rating Image

Leserwertung:
Rating Image

Autor:
Kristian

Bewerte diesen Tonträger:

Autor:

Kristian hat bereits 63 Reviews für den Medienkonverter verfasst und die Durschnittsbewertung beträgt 5 Sterne. 2006-10-31 0 4,2

Tracklist:

01. Wonder
02. Anatomy
03. Collyrium
04. Kaliyuga
05. Foggy
06. See Saw
07. Oxygen
08. The Great Below
09. Call
10. Splinters
11. Wonder (video)

Facebook Like

Twitter

Twitter

(c) Medienkonverter Online - Alle Rechte vorbehalten Vervielfaeltigung nur mit Genehmigung.
Alle Angaben erfolgen ohne Gewaehr. Page Impressions diese Seite: 883 Statistiken
Impressum