Melotron Für Alle

„Alles auf Anfang“ lautet der Titel des zweiten Tracks, mit dem das Synthpop-Trio Melotron seinem Comebackalbum „Für Alle“ ein stilbildendes Motto verleiht. 11 Jahre nach medienwirksamen Auftritten bei TV Total und der Teilnahme am Bundesvision Song Contest sowie dem eher mainstreamig angehauchten Vorgänger „Propaganda“ kehren die Neubrandenburger hörbar zu ihren Wurzeln zurück und setzen wieder „Alles auf Anfang“. Trifft die These zu? Oder dient sie lediglich der plakativen Abgrenzung zu dem in Fankreisen nicht unumstritten Ausflug in klanglich organischere Gefilde?


Auf jeden Fall präsentieren Andy, Edgar und Hilde auf dem neuen Album erneut das breite Spektrum ihres Könnens, mit dem sie sich in den vergangenen zwei Dekaden eine stabile weltweite Fanbasis erspielten. Die Texte sind mehrdeutiger als je zuvor, die Charakteristika der Melodien changieren zwischen großem Drama, bedrohlicher Fragilität und offener Reduktion zugunsten rhythmusbasierter Clubtracks. Diese Mischung zeichnete Melotron immer aus - auf „Weltfrieden“ standen explorative Melodien im Vordergrund, auf „Sternenstaub“ einprägsame, bisweilen auch einfache Akkordwechsel, während „Für Alle“ tatsächlich beide Facetten vereint und demnach gewiss eines nicht ist: Langweilig.


Abwechslungsreiche Longplayer ziehen oft das Risiko nach sich, in Zeiten schnelllebigen Streamingkonsums die Aufmerksamkeit jener Hörer zu verlieren, die sich nicht binnen weniger Sekunden in den vertrauten, weil erwarteten Sounds wiederfinden. Skip - schon ist das nächste Lied angewählt und einem schwerfälligen Intro später hat man das Album bereits als unzugänglich abgeschrieben. Doch diesen Fehler sollte im Falle Melotrons niemand begehen. Nach einigen Durchläufen des Albums dürften bestimmt nicht alle Fans zu 100% zufrieden sein, aber gleichfalls sollte niemand komplett enttäuscht die CD in die Tonne kloppen, denn die Schönheit steckt im Detail und damit auch in der Gesamtkomposition der 51-minütigen Spielzeit.


In „Willkommen“ und „Dein Glück“ zelebrieren Melotron ihren Weltschmerz, der immer mit Hoffnung konterkariert wird und dezent ironische Untertöne parat hält. Mit „Menschen“ oder auch „Wo ist Dein Problem?“ geht es voll auf die Zwölf, ein Potpourri der legendären Clubhits „Dein Meister“, „Menschenfresser“ und „Kein Problem“. Produktionstechnisch bietet das englischsprachige „Junkie“ die höchste Qualität, vor allem unter guten Kopfhörern kommen viele vorsichtig platzierte, aber gleichwohl ungemein passende Soundeffekte grandios zur Geltung. Ein sehr interessantes Stück, welches im Spannungsausmaß lediglich von „Eigentlich“ übertroffen wird. Hier trifft zeitgemäßer deutscher Jammer-Pop (in diesem Zusammenhang ausnahmsweise positiv konnotiert) auf treibenden Electro, garniert mit ostdeutscher Schlagerromantik, die entfernt an „Karat“ erinnert. Stark.


Wer sich mit den bisherigen Werken Melotrons identifizieren konnte, wird mit dem eingangs erwähnten „Alles auf Anfang“ und „Und dafür“ glücklich. Letzterer Song wäre meine erste Wahl als Single gewesen, stattdessen entschied man sich für den einfach strukturierteren Clubtrack „Menschen“, der erst im finalen Instrumentalpart so etwas wie eine Melodie bietet und demnach sicher nicht stellvertretend für das insgesamt äußerst runde Werk steht. Es empfiehlt sich übrigens der Kauf der CD-Version, da digital die Laufzeit um 3 Minuten gekürzt und viele Lieder mit einem ärgerlichen Fade-Out beschnitten wurden. Nur auf CD wird der volle Umfang des gelungenen Comebacks geboten. Melotron sind wieder zurück auf der Bühne. Hoffentlich dauert es nicht erneut 11 Jahre, bis wieder „Alles auf Anfang“ gestellt wird.

Facts:

Label:
Out Of Line

Mediatype:
CD-Album

Genre:
Electronic / Industrial / Noise

Review-Datum:
03.07.2018

VÖ-Datum:
29.06.2018

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1

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Autor:
Daniel V.

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Daniel V. hat bereits 106 Reviews für den Medienkonverter verfasst und die Durschnittsbewertung beträgt 4,5 Sterne.Das Fazit von Daniel V. zu diesem Review lautet: Nach 11 Jahren: Melotron sind mit gewohnt stilsicherem Synthpop zurück. 2018-07-03 1 4,2

Tracklist:

01. Willkommen
02. Alles Auf Anfang
03. Menschen
04. Junkie
05. Wo Ist Dein Problem
06. Hätte, Wenn Und Aber
07. Der 2. Planet
08. Sleep Well
09. Eigentlich
10. Und Dafür
11. Dein Glück

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