Kirlian Camera Nightglory

Welch eine überraschende Ehre – gleich zwei größere Namen der Szene, die sich immer mal wieder auf die Titelblätter der 3 größeren Magazine verirren, haben sich nun in meinem Briefkasten eingefunden und wollen gelauscht und gewürdigt (gewürgigt ?) werden. Beginnen werde ich mit Kirlian Camera's "Nightglory". Und schon einmal eine kleine Besonderheit (so kommt es mir zumindest vor): Das italienische Urgestein der Szene bringt heuer tatsächlich ein neues Album heraus und nicht nur eine Kompilation voller Remixe und Dingens. Also mal schauen, wie alte Helden so klingen, wenn sie in die Jahre kommen und mehr als nur ein wenig Richtung großem Publikum schielen.

Festzuhalten sind zunächst einmal diverse Punkte. Kirlian Camera, die in den Jahrzehnten ihrer Existenz immer wieder musikalisch und politisch polarisierten, haben sich weitaus weniger verändert als es manchem lieb ist. Denn wenn ich ehrlich bin: ich kann mich an kein einziges reguläres Album erinnern, das ich auf ganzer Albumlänge wirklich gut fand. Es gab immer zwei bis drei schicke Stücke und viele Gurken und halbgare Stücke. Schon immer haben Kirlian Camera eine abwechslungsreiche (und wieder ehrlicherweise eher wirre) Mischung verschiedenster Stile auf ihren Alben gepflegt. Und weiter waren sie trotz des musikalischen Durcheinanders immer nahe am Pulsschlag der (jeweils angepeilten) Masse. Es gab 80er Wave, der sowohl in regulären als auch dunken Kreisen fluffig goutierbar war, es fanden sich in der Hochphase des NeoFolk feine Klassiker genau dieser Szene auf den Scheiben wieder und in der heutigen Zeit, in denen sich Unheilig und andere "Szeneausbrecher" mit ihrem glattgeschliffenen Sound bin in die Charts vorgearbeitet haben und fast schon "schick" sind, haben auch Kirlian Camera den Willen und die Mittel, um sich an den Wunsch der großen Masse anzupassen. Dass in all den Jahren ein paar unglaubliche Klassiker entstanden, die man als Fan immer wieder hören kann und will, ist vielleicht auch reines Glück gewesen. Denn schaut man sich die Masse an Material an, die KC über die Jahre herausgebracht haben, dann ist die Menge an Hits doch erstaunlich übersichtlich.

Also betrachten wir "Nightglory" nicht von Anfang an als müdes Neuwerk einer ehemaligen SUUUUUUUUUUPERband. Denn das sind Kirlian Camera nicht und das sind sie auch nie gewesen. Sehen wir "Nightglory" als typisches Chartalbum, legen alle undergroundigen Extrawünsche ab und schon können wir viel objektiver an die Sache herangehen. Die Titel klingen wie Einstiegsgründe für Jugendliche ich die "etwas angegruftelte" Szene: "Save me lord (from killing them all)", "I killed Judas", "I gave you wings, i gave you death" – damit kann sich doch jeder Schüler auf der Suche nach einer neuen Identität sofort identifizieren. Da muss das Englisch noch nicht ganz so gut sitzen. Und ich als älterer Hase kann den Unkenrufen über die Dämlichkeit der Texte nur entgegenwerfen, dass die Texte von KC noch nie große Poesie waren und wirre Drogentrips der Banalitäten wie die Lyriks der Klassiker "Eclipse" und "Blue Room" kann ich bis heute nicht lesen ohne zu lachen. Musikalisch schlägt dem Hörer ein gut produzierter Mix aus Pop und Wave mit Elementen aus Elektro, Klassik und Folk entgegen. Benennen sollte man aber auch einen Stil, der sich meines Erachtens immer öfter in als Gothic verkaufte Musik einschleicht: Schlager. Ich sage das nun ganz ohne Wertung, denn Stilbezeichnunggen sind egal solane die Musik dem Konsumenten gefällt, aber Kirlian Camera haben (wie auch schon Unheilig) musikalisch viele Parallelen zum Schlager aufzuweisen. Das fällt vor allem beim Titelstück auf: "Nichtglory" beginnt mit Elektroelementen und leise eingemischten E-Gitarren, die Instrumentierung innerhalb der Strophe verspricht eine gewisse Härte. Der Übergang zum Refrain bringt aber sofort schmusige Epik, viel Sex im Gesangsstil und gefühlte Gegenwindanlagen ins Spiel – alles Elemente, die sich auch im modernen Schlager immer wieder finden (und fragt nicht, woher ich das weiß...). Dann noch die Angewohnheit, einen Wechsel vom ruhigen Teil zum Refrain mit lauter werdenden "oooooooooooooh" anzukündigen: das ist schon sehr plakativ.

Nightglory bietet auf Albumlänge eine im Rahmen der Möglichkeiten, die man hat wenn man die Charts und das größere Publikum will, recht viel Abwechslung. "I'm not sorry" ist ein elektrolastiges Wavestück mit getragener Grundstimmung, "Nightglory" ist Chart-Schlager zum Mitsingen und -tanzen, das epische "Hymn" ist eine fürchterliche aber wahrscheinlich notwenige Coverversion des Ultravox Klassikers, "Save me lord" eine Erinnerung an ältere Folkstücke der Band mit hartem Balladen- und Schmachtefaktor. Das namenstechnisch vollkommen Of-the-border Stück "Winged child sitting on a bench watching obscure clouds getting closer while people seek for shelter" entpuppt sich als schmissige Nummer und ist mein Anspieltip und wohl der einzige Song, der sich in meinen persönlichen Playlisten wiederfinden wird. "I killed Judas" ist schmusig schöner Keyboardkleister für junge Herzen, "Immortal" läutet das qualitative Ende des Albums lahm ein. "I gave you wings..." ist eine Ballade, die beweist, dass Elena Fossi als halbnackte Stimmungs- und Verkaufskanone in mittleren Tonlagen durchaus zu verschmerzen ist, wenn aber ein Song nur um Tonlagenhüpfereien herum aufgebaut ist, dann offenbart sich schmerzlich, wie schwach ihr Gesang in Wirklichkeit ist. "Black tiger rising" ist ein solides Keyboard-Intro, dass als vorletzter Song vollkommen fehl am Platze ist. Und "Gethsemane" will Neoklassik mit kreativem Gesang sin und ist Keyboardklassik mit nervigem Gesang.

Summasumarum ist "Nightglory" eigentlich typischer als man meinen könnte: Einerseits werden alle objektiven Erwartungen an Kirlian Camera erfüllt (ein paar nette und viele überflüssige Songs, schwacher und immer gleicher Gesang, ein fehlender Wunsch, die Texte noch einmal nachlesen zu wollen und jede Menge Stilabwechslung (oder Stilverirrungen)). Andererseits haben wir ein aus Chartsicht durchaus erfolgsversprechendes Album: Nicht zu viele Ecken und Kanten, nicht zu sehr Randgruppe (und deswegen von mir auch nicht unter Gothic verbucht sondern unter Pop), plakative Titel, ziemlich "sexueller" Schmachtegesang, viele Balladen oder gleichförmige Tanznummern und die nötige "Andersartigkeit" auf den Bildern (aus Sicht des Gros der Gesellschaft sehen KC wie auch Unheilig einfach mal "anders" aus). Die Produktion ist – wie nicht anders zu erwarten – natürlich klasse. Also wie soll ich das ganze bewerten? Alte Szenehasen werden sich in ihren Grüften umdrehen ob der widerlichen Anbiederung, aber ist "Nightglory" deswegen automatisch Schund? Ich denke vielmehr, dass es eben eines dieser Alben ist, die die Eigenständigkeit entgültig zugunsten der Anpassung an den Willen der Masse aufgegeben haben. Denoch können Teile von "Nightglory" durchaus gefallen. Und wenn man mit den gleichen Erwartungen an das Album heran geht wie an alle anderen Chartalben, dann darf man eben keine Langlebigkeit etc. erwarten. Man wird es ein paarmal in Clubs hören, die Band wird sich auf Festivals zeigen und zu Hause hörtman dann eben was Richtiges. Aus meiner Sicht kein Grund zum Jubeln oder Fluchen – einfach akzeptieren, als gehört verbuchen und vergessen.

Facts:

Label:
Out Of Line

Mediatype:
CD

Genre:
Pop / Wave / Minimal

Review-Datum:
13.03.2012

VÖ-Datum:
28.10.2011

Leserwertungen:
6

Bewertung:
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Autor:
Horrschd

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Horrschd hat bereits 644 Reviews für den Medienkonverter verfasst und die Durschnittsbewertung beträgt 3,5 Sterne.Das Fazit von Horrschd zu diesem Review lautet: Chartmusik für Freunde von Chartmusik. Mehr nicht. Weniger auch nicht. 2012-03-13 6 2,5

Tracklist:

01. I'm Not Sorry
02. Nightglory
03. Hymn
04. Save Me Lord
05. Winged Child...
06. I Killed Judas
07. Immortal
08. I Gave You Wings, I Gave You Death
09. Black Tiger Rising
10. Gethsemane

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