Deine Lakaien Crystal Palace

“Welcome to crystal palace
Feel free to taste the wine
Welcome you foreign strangers
Don't be afraid, melt the ice
Welcome to all of you dreamers
Feel free to change your mind
Just say goodbye to old teachers
Don't feel ashamed that you've often lied”

Ernst Horn und Alexander Veljanov haben ihn gebaut: ihren eigenen kleinen Palast. Fast 30 Jahre nach Projektgründung haben sie sich diesen Bau aber auch redlich verdient, zumal ‚Crystal Palace‘ eine würdige Angelegenheit für diese beiden erfahrenen und routinierten Profis ist. Mit ‚Crystal Palace‘ schaffen die beiden sogar etwas, das mit ‚April Skies‘ und ‚Indicator‘ nicht der Fall war: sie lassen mich aufhorchen, sie überraschen mich, stoßen mich ein wenig ab nur um mich um so mehr in ihren Bann zu ziehen. Aber der Reihe nach.

Dieses Mal arbeitete man als reines Duo. Keine Gastmusiker. Kein Produzent. Ein fast nicht vorstellbarer Schritt für eine so im Blickwinkel der Musiklandschaft gerückte Institution. Und dennoch ein schlüssiger und erfolgreicher. Denn nach dem groß wirkenden und doch in meinen Augen nicht ganz so großen ‚Indicator‘ ist der ‚Crystal Palace‘ ein ungemein persönliches Werk. Fast wie ein Abend mit Freunden.

„Nevermore will I fall into love“ singt Veljanov im Opener. Stimmt nicht, ich bin verliebt. Deine Lakaien verwenden in vielen Stücken Elemente ihrer Frühphase, die Kontraste zwischen avantgardistischen Klangexkursen und sanft-lieblichen Melodien sind wieder schärfer gezogen. Und dennoch sind sie ganz in 2014 angekommen, bauen ihren Sound konsequent weiter aus und verlassen sich routiniert auf viele bekannte und liebgewonnene Kniffe – nur setzen sie dies nicht zu professionell glattgebügelt um (und stoßen damit sicherlich neueren Fans ein wenig vor den Kopf). Musikempfehlungen? Das fällt mir ungemein schwer. „Nevermore“ konnte 1996 entstanden sein, greift zum Ende mit Streichersounds eine klassische Stimmung auf und gibt einen tollen Ausblick auf das weitere Geschehen. Mit dem zweiten Song werden kalte Strophen und ein lieblicher Refrain perfekt verbunden - der zweite Link führt zum gelungenen offiziellen Musikvideo. Dann folgt der (in meinen Ohren) Hammer: seit „Wunderbar“ hat mich kein Lied der Lakaien mehr so ergriffen wie „Forever and a day“. Alleine die ersten 50 Sekunden des Liedes zaubern wieder und wieder eine Gänsehaut auf meine Haut. Eine so zerbrechliche, einsam wirkende Elektronik ist erfgreifend. „The ride“ könnte ein modernes „Down down down“ sein, während „Where the winds don’t blow“ traumhaft an Horns Helium Vola erinnert. Der Titeltrack ist eine erfrischende Reise, mal ein wenig Asien, mal ein wenig Indien, dann wieder Elemente der 60er oder 70er – mir gehen die Lobwörter aus… Toll?! Ach, und so stark und abwechslungsreich geht es weiter bis zum Albumende. Erwähnen muss ich aber noch "Those hills", ein kraftvolles, vom Aufbau her an "Fighting the green" erinnerndes Stück, dass ich unbedingt auf der Tanzfläche antreffen möchte. Für Käufer der Special Edition sogar noch ein wenig mehr, denn sie erhalten mit „The swan song“ und „Portuguese trails“ zwei unbedingt empfehlenswerte Tracks plus einen solide-guten („Pilgrim“).

Musste ich bisher bei ‚Crystal Palace‘ an asiatische Glutamattempel denken weiß ich heute, dass es sich um ein Lakaien Album handelt, das so gar keine Geschmacksverstärker nötig hat. Veljanov zeigt sich gesanglich variabel und stark, doch vor allem Horns vielschichtige, spannende und immer wieder herausfordernde Instrumentierung machen ‚Crystal palace‘ zum stärksten Lakaien Album seit mindestens 10 Jahren. Vielleicht lag es daran, dass die beiden ohne Gastmusiker und Produzent ganz auf sich gestellt waren. Vielleicht hat man sich auf den Mut besinnt, wie früher eben nicht zu glatt zu klingen und auch einige herausfordernde, anstrengende Momente auf dem Album zu belassen. Und sicherlich kommen Ernst Horns Erfahrungen aus der Entwicklung seines anderen Projektes Helium Vola den Lakaien zugute. Die Lieder klingen puristisch, still und bieten dennoch eine unglaubliche Fülle an Elementen, die es zu entdecken gibt. Unbedingte Pflichtkost für den ausklingenden Sommer!

Facts:

Label:
Chrom

Mediatype:
CD

Genre:
Electronic / Industrial / Noise

Review-Datum:
17.08.2014

VÖ-Datum:
08.08.2014

Leserwertungen:
17

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Autor:
Horrschd

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Horrschd hat bereits 635 Reviews für den Medienkonverter verfasst und die Durschnittsbewertung beträgt 3,5 Sterne.Das Fazit von Horrschd zu diesem Review lautet: Dieses Album gehört auf ganz viele Einkaufslisten! 2014-08-17 17 4,2

Tracklist:

01. Nevermore
02. Farewell
03. Forever And A Day
04. The Ride
05. Where The Winds Don't Blow
06. Crystal Palace
07. Why The Stars
08. The Lights Of Our Street
09. Those Hills
10. Eternal Sun

Bonustracks:
11. The Swan Song
12. Portuguese Trails
13. Pilgrim

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