Cephalgy Leid statt Liebe

Schon öfter ging der Gedanke in meinen Hirnwindungen spazieren, dass es irgendwo da draußen so etwas wie einen Giftschrank für Gruftilyrik gibt. Das Ding ist verdammt groß, ein wenig siffig und mit schweren, feuerfesten Türen bewehrt, sodass sein Inhalt leider jede erdenkliche Katastrophe vermutlich unbeschadet überstünde. In eben diesen Schrank landet all der vor abartigem Pathos triefende Sondermüll, der selbst für Blutengel und Konsorten zu harter Scheiss ist. Bis vor kurzem bin ich davon ausgegangen, dass die oben genannte Verwahreinheit lediglich einmal im monatlich von einem autonomen Trupp minderjähriger wie missverstandener Klischeemädchen geplündert wird, die mit ihrer Beute so gleich die Gedichtdoppelseite im allseits beliebten Orkus füllen. Nun lag da aber etwas in meinem Briefkasten, das zumindest den letzten Teil meiner Theorie umstößt. Denn scheinbar wühlt da noch jemand im Giftmüll: Cephalgy.

Das Projekt um Jörg Göhler geistert zwar schon seit immerhin 15 Jahren durch die Musiklandschaft, ist aber an mir bis dato vorbei gegangen. Zu hören gibt auf der jüngsten Veröffentlichung 'Leid statt Liebe' es relativ durchschnittlichen Elektro, irgendwo zwischen Future Pop und etwas knackigeren Klängen angesiedelt und mit der ein oder anderen Stromgitarre angereichert. So weit, so langweilig wäre das gar nicht tragisch, zumal Cephalgy auf der Platte wirklich die ein oder andere nette Synthiemelodie aus dem Hut ziehen, von denen auch durchaus was hängen bleibt. Das Problem ist aber einfach das, was der Pressetext in maßlos übertriebenem Euphemismus 'emotionale und mitreißende Texte' nennt: Zu ertragen gilt es triefensten Herzschmerzpathos in bester 'Reim dich, oder ich fress dich'-Manier. Wäre das nicht schlimm genug, wird die lyrische Ausschlussware auch noch in drittklassiger Till-Lindemann-Gedenkstimme vorgetragen, die einen dazu verleiten möchte, der Nation liebstem Autoschrauber Alex Wesselsky einen Gesangspreis zu verleihen. Final wird der Vogel damit abgeschossen, dass Cephalgy noch inflationärer mit pseudointelektuellen Samples arbeiten, als es fünf Cyberkapellen der schlimmsten Sorte es gemeinsam jemals könnten. Um zum Abschluss auch nochmal was nettes zu sagen: Die Produktion der Platte ist gut. Alles andere wäre in Anbetracht des Labels aber auch der endgültige Untergang.

Cephalgy erschaffen mit 'Leid statt Liebe' einen dreckigen Bastard aus dem jeweiligen Durchschnittsalbum von Blutengel, Eisbrecher und X-RX. Es gibt bestimmt Leute, die fahren total drauf ab, aber die gehören unter Umständen auch zur Stammleserschaft der oben genannten überaus zweifelhaften Rubrik eines mindestens genauso zweifelhaften Printmagazins.

Facts:

Label:
Out Of Line

Mediatype:
CD

Genre:
Electronic / Industrial / Noise

Review-Datum:
15.04.2012

VÖ-Datum:
08.11.2011

Leserwertungen:
5

Bewertung:
Rating Image

Leserwertung:
Rating Image

Autor:
HerrK

Bewerte diesen Tonträger:

Autor:

HerrK hat bereits 38 Reviews für den Medienkonverter verfasst und die Durschnittsbewertung beträgt 4 Sterne.Das Fazit von HerrK zu diesem Review lautet: Die Produktion der Platte ist gut! 2012-04-15 5 1

Tracklist:

01. Intro
02. Halt Mich Fest
03. Sternenkinder
04. Leid Statt Liebe
05. Durch Die Nacht
06. Zeit
07. Aus Dem Leben
08. Für Die Ehre (instrumental)
09. Elektroseele
10. Blut Fleisch Zorn
11. Kind Der Nacht
12. Rette Mich
13. Edelstahl

(c) Medienkonverter Online - Alle Rechte vorbehalten Vervielfaeltigung nur mit Genehmigung.
Alle Angaben erfolgen ohne Gewaehr. Page Impressions diese Seite: 1.485 Statistiken
Impressum