Adversus Einer Nacht Gewesenes

Die Bandinfo zum zweiten Adversus-Album „Einer Nacht Gewesenes“ mutet ungewöhnlich bescheiden an. So ist zunächst nicht von großen Hits die Rede sondern vom Druck, dem eine Band gerade bei der zweiten Veröffentlichung standhalten muß. Clubkracher im eigentlichen Sinne sucht man bei Adversus sowieso vergebens, denn wie bereits der erste Longplayer „Winter, so unsagbar Winter...“ ist auch „Einer Nacht Gewesenes“ ein Konzeptalbum, das eher das Gemüt als das Tanzbein anspricht.

Im Verlauf von Abend, Nacht und Morgen wird das Drama zweier Seelen erzählt, die suchen, finden und schließlich doch alles verlieren. Am Abend schleudern beide als Suchende in dem marschähnlich anmutendem Song „Die letzte Glocke“ der Welt ihre Verachtung entgegen. Gleichzeitig leiten Textfetzen u.a. aus Paul Celan’s Todesfuge thematisch über zum melancholischen „Komm’ oh Tod“, dessen Melodieführung ein wenig an ein Kirchenlied erinnert, unterbrochen jedoch von harschen Electronics. Und dann hört man zum ersten Mal das Ticken einer Uhr, das im weiteren Verlauf des Albums immer wieder auftaucht und das unerbittliche Ende ankündigt. Die mit Dudelsäcken und Orchestereinsätzen versehene „Nihilistenhymne“ greift das musikalische Thema von „Seelenwinter“ aus dem ersten Album auf und erzeugt mit schnellem Rhythmus und gezielten Disharmonien eine treibende Spannung, die einen krassen Gegensatz zum leisen, klassischen Abendlied „Die Zeit steht still“ bildet.

Im Zentrum der Nacht stehen Hymnen wie „Deiner Schönheit gewahr“, „Borderlineprinzessin“, „Dies ist offensichtlich“ und „Träume weiter, schönes Kind“. Ist erstes noch ein leidenschaftliches Liebeslied getragen durch das harmonische Zusammenspiel der beiden Hauptsänger, werden schon beim folgenden „Borderlineprinzessin“ erste Zweifel laut. Laut im wahrsten Sinne des Wortes, denn Rosendorn schreit sich förmlich die Seele aus dem Leib. Was mit einem beinahe schon verspielten Intro beginnt, steigert sich im Verlauf immer mehr zu einem bombastischen Rocksong. Und was ursprünglich noch ein liebliches Duett war, wird zu einem Zweikampf der Stimmen, der bei „Dies ist offensichtlich“ seine Fortsetzung findet. Hier wird der Gegensatz durch unterschiedliche Instrumentierung noch unterstrichen. Dem hellen A-capella Gesang der beiden Sopranistinnen folgt die rauhe Stimme Rosendorns begleitet von düsteren Electroklängen und einer einsamen Violine. Die nahende Katastrophe läutet schließlich die Uhr ein, die das Zwiegespräch „Schlafe wohl“ begleitet und mit Glockenschlag zum Intro von „Träume weiter, schönes Kind“ führt. Die ernüchternde Erkenntnis, dass beiden Protagonisten die innigste Verbundenheit verwehrt bleibt wird, kommt durch harte Beats zum Ausdruck, die beinahe den gesamten Song überlagern.

Das Erwachen des Tages kündigt das sphärisches Instrumental „Ein Sehnen“ an. Doch bald schon drängen beide wieder hinaus in ihre Welt. „Spinnenbein und Falkenherz“, martialische Percussions, Metalgitarren und Mittelalterelemente markieren den Aufbruch. An die vergangene Nacht erinnert nur die Wiederaufnahme des musikalischen Themas aus „Träume weiter, schönes Kind“. Und am Ende bleibt nichts als „Bitteres im Glas“(Zitat aus „Kalt, dieser Morgen“), während die Uhr in der „Morgenstille“ tickt.

Das inzwischen zum Septett angewachsene Projekt Adversus um Mastermind Rosendorn zieht auch bei seiner zweiten Veröffentlichung musikalisch alle Register. Puristisch, melodisch, klassisch aber auch agressiv, metallisch, mittelalterlich. Und wie bereits bei „Winter, so unsagbar Winter...“ bilden Rezitative oder Instrumentals Brücken zwischen den opulenten Hymnen. Dabei wird Mezzosopranistin Susanne Stitz nun von Manja „Tyrae“ Gückel, ebenfalls einer ausgebildeten Sopranstimme, unterstützt. Des weiteren sind mit Lestaria (Violine), Tanja (Piano, Klarinette) und dem „Bassmeister“ (Kontrabass) weitere klassische Musiker als feste Bandmitglieder hinzugekommen. Den modernen Sound steuert das ebenfalls neue Mitglied Thommy Steuer mit seinen Gitarren bei. Wie bereits beim ersten Album ist Thomas Zöller (Estampie/Qntal) wieder an den Dudelsäcken tätig und mit ASP und Max Testory (Chamber) wurden diesmal zwei männliche Gastsänger verpflichtet, die keiner Vorstellung mehr bedürfen. Abgerundet wird das Opus durch ein aufwendiges Artwork, das von Rosendorn selbst gestaltet wurde.

Dringende Kaufempfehlung also für alle, die auf vertrackte, vielschichtige Klangebilde stehen und für Besitzer der ersten Scheibe sowieso.

Facts:

Label:
Sonorium

Mediatype:
CD-Album

Genre:
Gothic / Medieval / Darkwave

Review-Datum:
01.01.2006

VÖ-Datum:
01.11.2005

Leserwertungen:
1

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Autor:
Claudia

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Claudia hat bereits 171 Reviews für den Medienkonverter verfasst und die Durschnittsbewertung beträgt 4 Sterne. 2006-01-01 1 5

Tracklist:

01. Dämmerung
02. Die Letzte Glocke
03. Komm’ Oh Tod
04. Abendklang
05. Die Nihilistenhymne (seelenwinter Ii)
06. Die Zeit Steht Still

Nacht:
07. Und Dann: Ein Blick
08. Deiner Schönheit Gewahr
09. Borderlineprinzessin
10. Stille Atmet Leise Nach
11. Dies Ist Offensichtlich
12. Schlafe Wohl
13. Träume Weiter, Schönes Kind

Morgen:
14. Ein Sehnen
15. Spinnenbein Und Falkenherz
16. Kalt, Dieser Morgen
17. Morgenstille

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