Debütalbum "Be Sensational" von Jeanne Added

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Achtung! Diese News stammen vom 12.02.2016. Die auf dieser Seite veröffentlichten Informationen und Links sind unter Umständen nicht mehr aktuell.
Einer mittelmäßigen Ouvertüre folgt kaum eine großartige Oper, einem stereotypen ersten Satz folgt selten nur ein guter Artikel und einem bestenfalls akzeptablen Song in den seltensten Fällen ein umwerfendes Album. Anders herum bleibt aber auch eine Seltenheit, selbst Haydn positionierte den legendären Paukenschlag seiner nach demselben benannten Sinfonie ziemlich genau in der Mitte des Werkes. Jeanne Added ist da weitaus mutiger. Schon das Cover ihres Debüt-Albums ziert der ziemlich offensive Titel „Be Sensational“. Und was das eventuell heißen könnte, damit fällt dann gleich der erste Song wie mit der Tür ins Haus. „A War Is Coming“ zählt zu den aufregendsten Tracks dieses Jahres, das ja nun nicht mehr viel Zeit vor sich hat. Zu düsteren Klängen schallt ihre extraordinäre Stimme zunächst wie hinter der verschlossenen Tür des Vorzimmers hervor, bis ein stupender, leicht schleppender Beat einsetzt und die Vokalisen zunehmend an Klarheit gewinnen. Zu solchen Extravaganzen hätte sich vielleicht vor 40 Jahren einmal Patti Smith hinreißen lassen, seither aber fahndet der Connaisseur nach Ähnlichem – leider! – vergebens. Voilà, die junge Französin hat das im Repertoire. Wer sich hier bisweilen an die wolkenverhangenen Wave-Sounds einer Anne Clarke ohne deren zwanghaft depressive Lyrik erinnert fühlt, darf sich wundern, dass Added ihre musikalische Laufbahn zunächst mit dem Studium klassischen Gesangs und Cellos in ihrer Geburtsstadt Reims begann, um danach in Paris als erste Sängerin überhaupt im Jazzfach zugelassen zu werden. Heute spielen Namen wie Dan Levy und The Dø eine tragende Rolle in ihrem Schaffen, aber davon später mehr. Von ihren klassischen Wurzeln, sagt Jeanne Added, sei inzwischen „nur noch wenig in meiner Musik übrig geblieben, ich selbst würde sogar sagen: eigentlich gar nichts“. Allerdings könne sie da auch einer Selbsttäuschung unterliegen, „all diese Jahre lassen sich vermutlich nicht einfach mal so auslöschen, als habe es sie gar nicht gegeben“. Sie liegt hier aber goldrichtig, denn von einem Jazzalbum kann im Falle von „Be Sensational“ nicht ernsthaft die Rede sein. Stattdessen begegnet der Hörer einer Art von elaboriertem Pop, der irgendwie zwischen den Dekaden herum wandelt und sich in ihnen die stets schönsten Blüten pflückt, ohne sie deshalb gleich zu einem kompatibel hübschen Sträußchen zu binden. Der apokalyptisch anmutende Titelsong etwa wirkt verstörend und bleibt doch Faszinosum zugleich. Seine tief dräuenden Klänge besitzen cyneastische Kraft, und hätte Regisseur Peter Jackson sie für seine Trilogie des „Herrn der Ringe“ zur Verfügung gehabt, dann wäre Mittelerde nicht bloß eine gefährliche Umgebung, sondern womöglich unbewohnbares Terrain gewesen. Und Jeanne Added hätte ihn mit dem nächsten Song „Lydia“ vermutlich gezwungen, Tolkiens umfangreichem Cast eine weitere Figur zu schenken. Einigermaßen erstaunlich für Kenner der europäischen Pop-Szene bleibt bis zum letzten Ton, dass dieses Werk ausgerechnet in Frankreich entstanden ist. Dort jedenfalls darf „Be Sensational“, mehr noch als im Rest der Welt, Einzigartigkeit für sich reklamieren. „Als Unikat“, sagt indes Jeanne Added, „sehe ich mich nun wirklich nicht“. Sie fühle sich auch keineswegs als Teil der Pop-Kultur eines, nicht einmal ihres Landes, „zumindest hoffe ich, dass ich es nicht bin“. Frankreich sei für sie niemals ein Land gewesen, welches sich über seine Musik definiert habe, „außer vielleicht zu Zeiten Ravels, Debussys und Poulencs zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Lange her. John Lennon hat einmal gesagt, französischer Rock’n’Roll sei in etwa vergleichbar englischem Wein. Vielleicht, glaube ich, ist da tatsächlich was dran.“ Das Team, mit dem sich die 35-Jährige bei der Produktion ihres Debüt-Albums umgab, ist ein überschaubares. Sie selbst singt, spielt Bass und Keyboards, Dan Levy spielt ebenfalls Keyboards und ist außerdem für Drums und Programming zuständig, Marielle Chatain ist seltener Gast an Mikro, wiederum Keyboards und Percussions. Mit anderen Worten: Dieses kleine Wunderwerk geht in der Sparte Electronic Music ins Rennen, ist aber weit mehr und klingt dabei nach allem Anderen als Synthie Pop. Eher schon nach Singer/Songwriter 2.0, nach einer Vision dessen, was im digitalen Zeitalter mit dessen Mitteln noch berühren könnte und auch wirklich kann. 2011 lud das Indie-Pop-Duo The Dø Jeanne Added als Toursupport ein, kurz darauf machte sie sich mit rund 40 Auftritten als Duo mit Marielle Chatain von The Dø einen Namen in der französischen Indie-Szene, gleichzeitig lud sie der algerischstämmige Rockstar Rachid Taha ein, auf seinem Album „Zoom“ mitzuspielen: Zusammen nahmen sie ein orientalisch angehauchtes Remake von Elvis’ „Now Or Never“ auf. So fangen Pressetexte normalerweise ja an. In diesem Falle aber ist das ohne große Relevanz, denn „Be Sensational“ sollte über jede Form eines Achtungserfolges hinaus gehen. Because it is sensational.

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