Interview mit Recoil (Alan Wilder)




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Achtung! Dieses Interview stammt vom 23.05.2007. Die auf dieser Seite veröffentlichten Informationen und Links sind unter Umständen nicht mehr aktuell.
Alan Wilder ist zurück. Der britische Soundgott, der noch heute von vielen Depeche Mode Fans schmerzlich vermisst wird, hat ein neues Recoil-Album im Gepäck. „subHuman“ heißt das neue Werk, auf das Alan seine Fans seit Jahren warten ließ. Der neue Opus aus dem Hause Recoil ist ein klanggewaltiges und beeindruckendes Album, das wie alle Produktionen von Alan Wilder einen schweren, fast magischen Charme besitzt. Getragen werden Wilders einmalige Soundwelten diesmal durch die Stimmen von Bluesmann Joe Richardson und Sängerin Carla Trevaskis.
Ich traf Alan Wilder Ende Mai im Berliner Q!-Hotel um mit ihm über die Produktion und die Botschaften des neuen Albums „subHuman“ zu sprechen.


Vom letzten Recoil-Album bis zum neuen Werk „subHuman“ hat es einige Jahre gedauert. Was hast Du in der Zeit gemacht?


Diese Frage stellt mir jeder zuerst. Mir ist es fast unangenehm sie so oft zu beantworten.
Ich habe nichts wirklich Aufregendes getan. Nach dem ich das letzte Album machte war ich sehr müde und ich fühlte, dass ich eine Pause brauchte. Ich habe also alltägliche Dinge getan, bin durch Europa gereist und habe viel Zeit mit meiner Familie verbacht.


Gab es besondere Höhepunkte oder schwierige Momente während der Produktion des neuen Albums?


Die schwierigste Phase während der Produktion ist für mich die Zeit, in der die Sänger noch nicht involviert sind. Ich muss eine ganz genaue Vorstellung davon entwickeln, in welche Richtung das Album geht, ohne dabei zu wissen wie es wirklich wird. Es kann sehr frustrierend sein, wenn man an der Musik arbeitet ohne einen Fokus zu haben. Erst der Gesang bringt die Struktur in die Kompositionen.
Die ersten Monate waren also sehr schwierig. Ich musste erst wieder lernen wie man das Equipment benutzt und welche Software momentan aktuell ist.


Wie war die Zusammenarbeit mit Joe Richardson und Carla Trevaskis?


Beide Zusammenarbeiten waren sehr gut – aus unterschiedlichen Gründen.
Joe hat die meisten der Songs gesungen. Es war überraschenderweise sehr einfach mit ihm zu arbeiten. Als ich das erste Mal ein Foto von ihm sah, dachte ich, dass es schwierig werden könnte, aber ich lag komplett falsch. Joe war sehr offen und experimentierfreudig. Er hatte viele Ideen und hat diese auch schnell und unkompliziert umgesetzt. Ich fuhr zu ihm nach Texas um dort die Gesangsaufnahmen zu machen. Anschließend habe ich das aufgenommene Gesangsmaterial wieder mit nach Hause genommen und es in meinem Studio in ProTools eingeladen um dann dort damit weiterzuarbeiten.
Die Zusammenarbeit mit Carla fand erst einige Zeit später statt. Nachdem ich die Songs mit Joe fertiggestellt hatte, wollte ich für die restlichen Liede eine völlig andere Stimme um somit einen Bruch zu machen. Ich suchte also nach einer weiblichen Sängerin, die aus einem komplett anderen musikalischen Hintergrund kommt als Joe.


Was denkst Du über die neuen Möglichkeiten digitaler Klangerzeugung?


Ich bin kein Experte in Sachen Musiksoftware, aber ich bin gut genug um das aus den Programmen herauszuholen was ich haben möchte. Es ist sehr hilfreich einen Computer zu haben, den man mit Sounds füttern kann, die man dann beliebig auswählt und verarbeitet. Diese neue Möglichkeit des Musikmachens finde ich sehr interessant, da sie mir ermöglicht Klänge zu erzeugen, die ich selber nie spielen könnte. Es ist eine komplett andere, viel strukturiertere Arbeitsweise.


„subHuman“ liegt das Konzept des ‚Untermenschen’ zu Grunde. Eine Thematik, die aufgrund der momentanen Weltlage und im Zuge der Diskussionen um Vereinbarkeit von Religion und Politik sehr aktuell ist. Wie wichtig ist es für Dich, mit Deiner Musik nicht nur zu unterhalten, sondern auch einen Sinn zu vermitteln?


Wenn man ein Album gemacht hat, muss man einen Weg finden um es zu präsentieren. Man braucht einen Titel, der die Stimmung der Songs und der Texte in sich vereint. Ich finde, dass das Wort „subHuman“ dies sehr gut vermag. Es ist provokativ und kraftvoll. „subHuman“ beschreibt nicht nur politische Umstände, sondern vielmehr grundsätzliche, zwischenmenschliche Zusammenhänge und Missstände. Es gibt in der menschlichen Natur eine Großzahl von Beispielen, wo jemand einen anderen unterdrückt. Dies kann sich auf einer großen globalen Ebene - wie einem Weltkrieg, einem Krieg der Religionen oder der verschiedenen Klassen – aber auch in den intimsten Bereichen wie der Sexualität abspielen.


Bist Du ein politischer Mensch? Hast Du vielleicht je überlegt – ähnlich wie Bono oder andere Musiker – selbst politisch aktiv zu werden?


Nein, ich bin nicht sehr politisch. Natürlich kann man sich den aktuellen Geschehnissen auf der Welt nicht entziehen, aber ich bin kein Aktivist.


Wie findest Du es, wenn Musiker sich als Politiker üben? Empfindest Du solch ein Engagement eher peinlich und fehlplatziert oder denkst Du, dass es durchaus sinnvoll und wichtig ist?


Solange sie informiert sind ist das absolut in Ordnung. Viele Musiker sind politisch sehr naiv – wahrscheinlich bin ich auch einer davon. Um sich wirklich ernsthaft zu engagieren muss man wissen worüber man redet.
Die Debatte, ob Musik die Politik beeinflusst gibt es schon seit Ewigkeiten. Ich glaube, dass Musik zwischenmenschliche Dinge ändern kann, nicht aber die Weltpolitik.


Kann es Recoil live geben? Lässt sich Deine Musik auf der Bühne umsetzen?


Alles ist möglich, wobei die Umsetzung sicherlich sehr schwierig wäre. Es ist allerdings nicht mein momentanes Ziel Recoil live zu präsentieren. Vielleicht passiert es eines Tages...


Vermisst Du manchmal den großen Trubel, der Dich umgab als Du noch bei Depeche Mode warst?


Nein, ich vermisse diese Hektik nicht wirklich. Natürlich gibt es einige tolle Momente, die einem irgendwie fehlen, aber grundsätzlich genieße ich lieber die Zeit, die ich nun für meine Familie und für mich habe.


Auf YouTube gab es immer wieder kleine selbstgedrehte Videos von Dir zu sehen, in denen Du den Fans Einblicke in Dein Studio und in die Produktion von „subHuman“ gewährst. Wie wichtig ist es für Dich, so eine direkte Verbindung zu den Fans zu haben und so mit ihnen zu kommunizieren?


Wenn man etwas zu sagen hat, ist es durchaus wichtig. Ich habe über fünf Jahre nichts von mir hören lassen, da war es nun mal wieder an der Zeit mit den Fans zu kommunizieren. Ich glaube, die Leute mögen diese Art der persönlichen Kommunikation. Sie bekommen alle aktuellen Infos zum neuen Album direkt vom Künstler. Das ist eine tolle Sache. Die Reaktionen auf die YouTube-Videos sind auch sehr gut.


Was treibt Dich an, trotz langer Pausen immer wieder Musik zu machen?


Musikmachen ist etwas, das ich einfach tun muss. Das ist was ich gelernt habe, was mich glücklich macht und was es mir erlaubt mich auszudrücken. Ich bin sehr froh darüber, dass ich in der glücklichen Lage bin selber darüber zu entscheiden wie meine Musik klingt und wann ich sie veröffentliche. Die Einnahmen mit Depeche Mode ermöglichen mir eine Unabhängigkeit, die mir erlaubt genau das zu tun worauf ich Lust habe. Für diese Freiheit bin ich sehr dankbar.


Welche Art von Musik hörst Du momentan privat?


Ich höre viele verschiedene Arten von Musik. Meine Sammlung ist sehr groß und umfasst sowohl alte als auch aktuelle Sachen. Meistens mixe ich verschiedene Stile aus unterschiedlichen Ären.
Wenn ich abends Freunde zu Besuche habe stelle ich meistens eine Playlist mit verschiedenen Sachen zusammen. Momentan höre ich gerade Nick Cave, Air oder Radiohead.


Lädst Du Dir hin und wieder etwas aus dem Internet herunter oder schwörst Du auf physische Tonträger?


Manchmal lade ich mir bei iTunes etwas runter, aber ich kaufe doch lieber richtige CDs. Die Soundqualität ist einfach besser und man hat ein richtiges Produkt in den Händen.


Vorhin im Foyer lernte ich Deine Frau kennen, die Dich hierher nach Berlin begleitet und Deine Termine managet. Ich habe auch gelesen, dass Deine Ehefrau bei den Aufnahmen in Texas dabei war.
Ist es wichtig für Dich, Deine Frau als verlässliche Konstante immer bei Dir zu haben?


Ja, absolut. Sie unterstützt mich sehr und ich kann mich vollkommen auf sie verlassen. Da sie auch Musikerin ist, weiß sie wie das Business funktioniert. Ich schätze ihre Meinung sehr.


Du lebst, soviel ich weiß recht ruhig auf dem Land mit Familie und eigenem Studio. Sind große Städte wie London für Dich uninteressant geworden oder brauchst Du die Ruhe um Deine musikalischen Ideen umzusetzen?


Ich habe großes Interesse an Metropolen, allerdings möchte ich momentan in keiner leben. Vielleicht ziehe ich eines Tages zurück in eine große Stadt, wobei ich dann sicherlich nicht nach London gehen würde. Berlin ist eine Stadt, die mich reizen würde.


Deine Frau und Du, Ihr seid bereits einige Tage in Berlin. Hattet Ihr schon die Gelegenheit Euch die Stadt anzusehen?


Ja, wir haben uns Berlin in den letzten Tagen etwas angeschaut. Leider war die Zeit viel zu knapp. Wir haben einiges an neuen Bauwerken gesehen. Außerdem waren wir im Hansaton Studio. Ich war sehr beeindruckt davon, dass es dort immer noch wie früher aussieht. Alles hat sich geändert, nur Hansaton ist gleich geblieben – wirklich komisch. Als ich das Studio das letzte Mal sah, stand die Berliner Mauer noch.


Passiert es Dir heute noch, dass Dich Menschen auf der Straße erkennen und ansprechen?


Manchmal, aber nur sehr selten. Ich glaube, ich bin inzwischen zu alt.


Gibt es neben Recoil etwas, das Du musikalisch unbedingt machen möchtest?


Nicht wirklich. Ich möchte eigentlich keine anderen Bands produzieren, da dies eine Menge Energie und Zeit kostet. Recoil ermöglicht es mir alle meine musikalischen Wünsche auszuleben, so dass ich absolut glücklich und zufrieden mit diesem einen Projekt bin.


Hast Du bereits weitere Pläne oder machst Du erst einmal wieder eine musikalische Pause?


Ich werde Euch keine fünf Jahre mehr warten lassen bis zur nächsten Veröffentlichung. Ich versuche noch am Ende diesen Jahres oder im nächsten Jahr ein neues Album aufzunehmen. Das ist der vage Plan, den ich verfolgen werde...


Facts:
Interview mit:
Recoil (Alan Wilder)

Interviewer:
Daniel

Interview-Datum:
23.05.2007

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