Vor kurzem haben wir euch hier ja bereits ‘Rome’ mit ‘The Hierophant’ vorgestellt – jenem Album, das sich wie ein symbolisch aufgeladener Kommentar zur Gegenwart anfühlt und die mythisch-spirituelle Seite des Projekts betont. Doch Jerome Reuter hatte 2025 offenkundig nicht vor, sein 20-jähriges Jubiläum mit einem einzelnen Statement abzuschließen. ‘The Hierophant’ und ‘The Tower’ sind als bewusstes Doppel gedacht: zwei Werke, die miteinander sprechen, sich ergänzen und zugleich widersprechen. Wo ‘The Hierophant’ stärker nach außen weist, zieht sich ‘The Tower’ konsequent nach innen zurück. Keine Vorab-Singles, kein kalkulierter Appetithappen – stattdessen die klare Ansage: Dieses Doppelwerk will als Ganzes gehört und verstanden werden. ‘The Tower’ bildet dabei den stillen Pol, den Ort der Einkehr, an dem Reflexion wichtiger ist als Wirkung.
Musikalisch ist ‘The Tower’ vielleicht eines der reduziertesten Alben im gesamten ‘Rome’-Kosmos – und gerade darin liegt seine enorme Stärke. Jerome Reuter verzichtet nahezu vollständig auf jene Elemente, die frühere Werke stellenweise wuchtig, martialisch oder hymnisch machten. Keine stampfenden Percussion-Arrangements, keine dominanten Synthie-Wände, keine dramatischen Ausbrüche. Stattdessen stehen Akustikgitarre, fein dosierte elektronische Texturen, dezente Chöre und Reuters unverwechselbar tiefe, nachdenkliche Stimme im Zentrum. Das Album wirkt dadurch nicht karg, sondern konzentriert – wie ein Text, dem man alle überflüssigen Adjektive gestrichen hat, bis nur noch Bedeutung übrig bleibt.
Was mich persönlich besonders fasziniert: ‘The Tower’ drängt sich nicht auf. Es nimmt sich Zeit – und fordert diese Zeit auch vom Hörer ein. Die Songs entfalten ihre Wirkung nicht über große Gesten, sondern über Atmosphäre, Wiederholung und Nuancen. Unterstützt wird Reuter dabei erneut von Tom Gatti, dessen Synths, Bass und Modulationen im Hintergrund wirken wie ein feines Geflecht, das die akustische Grundstruktur zusammenhält, ohne sie je zu dominieren. So klingt das Album stets warm, organisch und lebendig, obwohl es bewusst auf Überfülle verzichtet.
Inhaltlich kreist ‘The Tower’ um Rückzug, Opfer, Sinnsuche und innere Standhaftigkeit. Der titelgebende Turm ist dabei eine vielschichtige Metapher: Bollwerk gegen den Verfall, Rückzugsort für den einsamen Geist, aber auch ein Ort des Widerstands. Reuters Texte sind erneut poetisch, oft rätselhaft und nie bequem. Sie liefern keine Antworten, sondern öffnen Räume. Gerade im Vergleich zu früheren, kämpferischeren oder politisch direkteren ‘Rome’-Phasen wirkt ‘The Tower’ reifer, ruhiger und persönlicher. Es ist weniger Anklage und mehr Selbstgespräch – ein Album, das nicht überzeugen will, sondern ehrlich bleibt.
Diese Reduktion passt bemerkenswert gut zur physischen Veröffentlichung. Die limitierte LP auf schwarzem 180g-Vinyl, hochwertig gepresst und bewusst schlicht gehalten, unterstreicht den puristischen Ansatz des Albums. Keine überladene Optik, sondern ein Sammlerstück, das Haptik, Material und Musik in Einklang bringt. ‘The Tower’ fühlt sich auf Vinyl genau so an, wie es klingt: konzentriert, ruhig, wertig – ein Werk, das man nicht nebenbei konsumiert, sondern bewusst auflegt.
‘The Tower’ ist kein Album für den schnellen Effekt und ganz sicher keines für Hörer, die bei ‘Rome’ vor allem die martialischen oder hymnischen Momente suchen. Wer jedoch bereit ist, sich auf Reduktion, Stille und poetische Tiefe einzulassen, wird hier eines der geschlossensten und reifsten Werke im gesamten Katalog entdecken. Für mich ist ‘The Tower’ nicht einfach ein weiterer Eintrag im Jubiläumsjahr, sondern dessen stilles Herzstück – ein Album, das leise spricht und gerade deshalb lange nachhallt. Geeignet für geduldige Hörer, Sammler und all jene, die Musik nicht als Hintergrund, sondern als Raum für Reflexion begreifen. Wer Lautstärke sucht, wird hier wenig finden – wer Tiefe sucht, umso mehr.
Rome - The Tower
Armin Van Buuren - Piano
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X Marks The Pedwalk - Insomnia
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