KMFDM - Enemy

KMFDM - Enemy

Wenn KMFDM ein neues Album veröffentlichen, dann ist das selten einfach nur ein Release. Es ist eher so, als würde irgendwo eine Maschine wieder hochgefahren werden. Eine sehr große, sehr alte, sehr zuverlässige Maschine. Man weiß ziemlich genau, wie sie klingt, wie sie funktioniert – und genau deshalb hört man trotzdem hin. Aus Gewohnheit, aus Respekt, vielleicht auch aus dieser leisen Hoffnung heraus, dass sie diesmal doch ein kleines bisschen außer Kontrolle gerät. Mit 'Enemy' steht dieses Biest nun also wieder vor uns. Und tja, die vielleicht ehrlichste erste Reaktion ist: Ja. Sie läuft. Perfekt sogar. Aber sie überrascht mich leider kein bisschen.

Schon nach kurzer Zeit des Hörens wird klar, dass 'Enemy' eben nur genau das liefert, was man von KMFDM erwartet – und zwar in einer Konsequenz, die naja, fast schon beeindruckend ist. Die Beats stampfen stoisch nach vorne, als wären sie für endlose Betonflächen gebaut. Die Gitarren schneiden sich durch den Mix wie rotierende Metallsägen, präzise, kontrolliert, ohne jemals wirklich auszubrechen. Darüber liegen diese typischen Vocals – halb gesprochen, halb gebellt, immer mit dieser Mischung aus Attitüde und Distanz, die KMFDM seit Jahrzehnten perfektioniert haben. Das ist alles handwerklich auf einem Niveau, bei dem man eigentlich nur anerkennend nicken kann. Das Problem ist nur: Man nickt. Und wartet. Und merkt irgendwann, dass man immer noch nickt. Denn was 'Enemy' fast vollständig fehlt, ist Reibung. Alles wirkt durchkonstruiert, sauber, effizient – fast schon steril in seiner Perfektion. Früher hatte diese Musik etwas Unberechenbares, etwas, das jederzeit kippen konnte. Hier hingegen läuft alles wie auf Schienen. Das Album fühlt sich weniger an wie ein Angriff, sondern eher wie eine Demonstration. „Seht her, wir können das noch.“ Und ja, sie können. Aber die spannendere Frage wäre gewesen: Wollen sie auch noch etwas anderes?

Klanglich bewegt sich das Album in einem Raum, der vertraut wirkt wie eine alte Industriehalle, in der jede Maschine ihren festen Platz hat. Der Bass drückt, die Rhythmen sind clubtauglich, die Produktion ist druckvoll und klar – vielleicht sogar zu klar. Es fehlt dieses Quäntchen Dreck, dieses leichte Übersteuern, das den Sound lebendig macht. Stattdessen bekommt man eine Version von KMFDM, die so präzise eingestellt ist, dass sie fast schon klinisch wirkt. Eine perfekt gewartete Maschine – nur leider ohne jeden Funken Gefahr. Auch inhaltlich bleibt alles auf bekanntem Terrain. Die Texte sind direkt, teilweise bissig – das gehört zur DNA der Band und funktioniert grundsätzlich auch hier. Doch vieles wirkt wie eine Fortschreibung dessen, was man schon mehrfach gehört hat. Es ist weniger eine neue Perspektive als ein Echo. Ein gut formuliertes, kraftvoll vorgetragenes Echo, aber eben eines, das keine neuen Räume öffnet. Und genau hier liegt die eigentliche Enttäuschung dieses Albums. 'Enemy' ist nicht schlecht. Im Gegenteil: Es ist ein solides, professionell produziertes Industrial-Album, das vielleicht sogar im Club funktionieren wird, das Fans abholt und das handwerklich kaum Angriffsfläche bietet. Aber es ist halt auch ein Album, das sich anfühlt, als hätte es sich selbst schon gehört, bevor es überhaupt fertig war.

Mit einem Augenzwinkern könnte man auch sagen: KMFDM haben hier den ultimativen KMFDM-Sound destilliert – so rein, so konzentriert, dass er fast schon wie eine Selbstparodie wirkt. Oder, etwas gemeiner formuliert: Wenn KMFDM sich selbst covern würden, würde das vermutlich genau so klingen. Und das ist gleichzeitig beeindruckend und ein kleines bisschen traurig. Dabei blitzt hin und wieder doch dieses eine Gefühl auf, dass mehr möglich gewesen wäre. Kleine Momente, in denen man denkt: Jetzt vielleicht? Jetzt kippt es? Aber das Album entscheidet sich jedes Mal dagegen. Es bleibt kontrolliert, diszipliniert, berechenbar. Und genau das ist am Ende das größte Problem: Diese Musik will nicht mehr überraschen. Sie will funktionieren.

Im Fazit bleibt für mich daher ein eher ambivalentes Bild. Für langjährige Fans ist 'Enemy' sicher gut geeignet. Wer genau diesen Sound liebt, wird hier sehr gut bedient – vielleicht sogar besser als auf manch anderem Release der letzten Jahre. Für alle anderen, die auf Entwicklung, Risiko oder neue Impulse hoffen, dürfte das Album jedoch eher ernüchternd ausfallen. 'Enemy' ist - ganz klar - kein totaler Absturz. Aber eben leider auch kein Aufbruch. Es ist der Sound einer Band, die genau weiß, wer sie ist – und sich entschieden hat, genau dort zu bleiben. Und während man das respektieren kann, bleibt am Ende doch dieses Gefühl zurück: Ein bisschen weniger Perfektion. Ein bisschen mehr Wahnsinn. Das hätte dieser Maschine diesemal vielleicht sogar gutgetan.

KMFDM - Enemy
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