Gary Numan + Tubeway Army - Replicas

Gary Numan + Tubeway Army...

Langspielplatten sind für mich mehr als bloße Tonträger. Sie sind kleine Reliquien, Heiligtümer aus einer beinahe vergessenen Zeit. Manche von ihnen öffnen die Tür zur Vergangenheit so mühelos, dass mehr als vier Jahrzehnte plötzlich verschwinden. Bei „Replicas“ führt mich diese Tür zurück ins Jahr 1981 – auf eine Klassenfahrt und in ein Appartement, das ich mir mit zwei oder drei Mitschülern teilte. Ich ging damals in die sechste Klasse, und meine musikalischen Erfahrungen beschränkten sich noch weitgehend auf die Klänge der späten Siebziger, die im Radio liefen. Einer meiner Mitschüler hatte ein Tape von einer Band dabei, deren Name sich fortan in mein Gedächtnis einbrennen sollte: Tubeway Army. Noch nie zuvor hatte ich solche Musik gehört. Diese Mischung aus Punk und analoger Elektronik brachte etwas in mir zum Klingen. Der Sänger der Band war Gary Numan, und auf dem Tape befand sich eine Kopie des zweiten Albums von Tubeway Army: „Replicas“.

Ich liebte diese Musik – insbesondere „Are ’Friends’ Electric?“ und „Down In The Park“. Ersterer verhalf Gary Numan zum Durchbruch, brachte ihn zu „Top of the Pops“ und machte ihn zu einem Star der New Wave. „Down In The Park“ schaffte zwar keine Chartplatzierung, gehört aber gemeinsam mit „Are ’Friends’ Electric?“ zu seinen am häufigsten gecoverten Songs. Die Verarbeitung von „Are ’Friends’ Electric?“ durch die Sugababes als musikalisches Grundgerüst ihres Hits „Freak Like Me“ dürfte außerdem noch diversen Leserinnen und Lesern im Gehörgang stecken.

Die Stimmung, die von den Tracks auf „Replicas“ ausgeht, ist für mich bis heute eine ganz besondere. Hinter die eigentliche Bedeutung der Songs kam ich allerdings erst sehr viel später. „Replicas“ ist ein Konzeptalbum und erzählt von den letzten Menschen, von Maschinen und sogenannten Machmen – Androiden mit geklonter menschlicher Haut – sowie von den Gräueltaten, denen die verbliebenen Menschen ausgesetzt sind. Gary Numan verarbeitete darin Elemente einer selbst geschriebenen, aber nie veröffentlichten Science-Fiction-Novelle aus seiner Jugend.

Seltsamerweise verbreiten die Songs auf „Replicas“ eine eigenartige Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die so gar nicht zu ihren Inhalten und den beinahe horrorartigen Geschehnissen dieser fernen Zukunft passen wollen. Doch gerade dieses Zusammenspiel funktioniert perfekt: düstere Themen treffen auf eingängige Songs mit einfachen Strukturen, die für ihre Zeit dennoch revolutionär und neu waren – im wahrsten Sinne des Wortes ungehört.

Hinzu kam der perfekte Antistar: schlank, ein bisschen Punk, ein wenig androgyn und vor allem fremdartig. Dazu eine beinahe roboterhafte Bühnenperformance, die vermutlich in erster Linie Gary Numans Lampenfieber zuzuschreiben war. Er schien wie geschaffen dafür, die Inhalte von „Replicas“ zu verkörpern. Und dann war da noch dieser näselnde, nölende, beinahe pennälerhafte Gesang. Dieses Erscheinungsbild, das damit verbundene Image und vor allem dieses demonstrative Anderssein waren vermutlich auch Gründe für die Ressentiments, die ihm Teile der britischen Musikpresse entgegenbrachten.

Als Anspieltipp taugt nahezu jeder Song des Albums. Besonders hervorzuheben sind jedoch „Are ’Friends’ Electric?“, „Down In The Park“ sowie die Instrumentalstücke „I Nearly Married A Human“ und „When The Machines Rock“. Auch innerhalb von Gary Numans Diskografie nimmt „Replicas“ eine besondere Stellung ein. Das Album brachte ihm den Durchbruch und bildete zugleich den Abschluss des Kapitels Tubeway Army: Es war das letzte Studioalbum, das unter diesem Namen erschien. „Replicas“ und seine Songs haben unzählige Künstler inspiriert. Irgendeinen Grund wird es schließlich haben, dass sich so viele Menschen ihrer Wirkung nicht entziehen konnten. Für mich war dieses Album der Einstieg in eine musikalische Welt, die ich seither liebe und nicht mehr missen möchte. Meinen Schulkameraden von damals kann ich deshalb nur ein großes „Danke!“ zurufen: Ihr habt mich angefixt. Gut gemacht. Die angegebene Tracklist entspricht der CD-Neuauflage von Beggars Banquet und enthält einige zusätzliche Bonustracks.

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