Doublespeak - Doublespeak

Doublespeak - Doublespeak

Nunja, manchmal entstehen Projekte eben nicht aus großer Strategie sondern aus einer dieser Ideen, die erst harmlos wirken und sich dann plötzlich wie ein alter Synthesizer im feuchten Keller benehmen: Sie brummen, knistern, leben weiter und weigern sich, wieder ausgeschaltet zu werden. 'Doublespeak' scheibnt genau so ein Fall zu sein. Hinter dem Projekt stehen drei bbekannte Namen bei denen viele Freunde elektronischer Popmusik sofort etwas aufrechter sitzen dürften: 'Vince Clarke', Gründungsmitglied von 'Depeche Mode', später prägende Kraft bei 'Yazoo' und 'Erasure'; 'Neil Arthur', Stimme und Gesicht von 'Blancmange'; und 'Benge', Produzent, Analog-Zauberer, Klangarchivar und Mann mit vermutlich mehr alten Maschinen im Studio als andere Menschen Tassen im Schrank haben.

Dass dieses Trio nun ein gemeinsames Album vorlegt, klingt im ersten Moment fast zu naheliegend. Natürlich mussten diese drei irgendwann einmal gemeinsam an Knöpfen drehen. Natürlich musste dabei etwas entstehen, das nach Vergangenheit riecht, aber nicht wie ein Museum klingt. Und natürlich ist 'Doublespeak' kein Album geworden, auf dem man den Staub von 1982 nur liebevoll neu sortiert. Vielmehr wirkt es wie ein Treffen von drei Herren, die genau wissen, woher sie kommen, aber noch lange nicht vorhaben, sich in der eigenen Legende einmotten zu lassen. Das wäre ja auch zu einfach. Und langweilig. Und vermutlich gegen die Hausordnung im Maschinenraum.

Der besondere Dreh: 'Doublespeak' ist ein Coveralbum. Elf Stücke aus mehreren Jahrzehnten werden hier durch den analogen Fleischwolf gedreht, wobei Fleischwolf in diesem Fall natürlich nach edlem Vintage-Gerät klingt und nicht nach Metzgerei kurz vor Feierabend. Die Auswahl reicht meinem Gefühl nach von elektronischem Underground über Post-Punk bis hin zu Pop-Klassikern und eher versteckten Perlen. Es geht also nicht darum, noch einmal brav bekannte Songs nachzuspielen. Das hier ist auch keine Seniorenfahrt im Reisebus Richtung Nostalgiepark. 'Doublespeak' nehmen die Vorlagen auseinander, prüfen die Knochenstruktur und setzen sie mit kalten Drums, warmen Synthesizern und 'Neil Arthur's markanter Stimme neu zusammen.

Schon der Einstieg mit 'Back To Nature' von 'Fad Gadget' zeigt, wohin die Reise geht. Der Song wirkt in dieser Version nicht wie eine glatte Verneigung, sondern eher wie ein Wiedergänger aus der frühen 'Mute'-Ära der 2026 kurz aus dem Kabelschacht steigt, sich umsieht und feststellt: Viel besser ist die Welt auch nicht geworden. Elektronisch, trocken, leicht bedrohlich und zugleich erstaunlich frisch. Genau da liegt eine der Stärken des Albums. Es klingt nicht nach billigem Retro-Trick, sondern nach einer bewussten Rückkehr zu einer Denkweise: weniger Überproduktion, mehr Spannung. Weniger Hochglanz, mehr Schatten auf dem Linoleum. Auch 'Brand New Life' von 'Young Marble Giants' passt wunderbar in diese neue Welt. Die karge Grundstimmung des Originals wird nicht zugeschüttet, sondern eher noch vergrößert. Das Stück wirkt dunkel, aber keinesfalls leer. Majestätisch, aber nicht aufgeblasen. So, als hätte jemand einen sehr traurigen Raum neu gestrichen und dabei vergessen, das Licht einzuschalten. Gerade diese Mischung aus Reduktion und Wärme macht für mich den Reiz von 'Doublespeak' aus. Die Songs atmen, aber sie schwitzen nicht. Alles bleibt kontrolliert, manchmal fast spröde, dann wieder erstaunlich emotional.

Spannend ist, wie unterschiedlich die bekannten Vorlagen behandelt werden. 'The Visitors' von 'ABBA' wird nicht zur Discokugel-Übung, sondern bekommt eine kalte, paranoide Färbung. Aus Pop wird hier eine Art elektronischer Beobachtungsraum. Man hört nicht mehr nur Melodie, sondern irgendwie auch so etwas wie Überwachung, Fluchtreflex und das leise Gefühl, dass hinter der Tür jemand steht, der garantiert nicht nur den Zählerstand ablesen will. 'Goodbye To Love' von 'The Carpenters' dagegen wird zum analogen Torch Song. Das ist keine Ironie, kein Augenzwinkern, kein billiger Kontrast zwischen süßem Original und dunkler Elektronik. Es funktioniert, weil 'Neil Arthur' diese Art von Verletzlichkeit tragen kann, ohne dabei in Zuckerguss zu ertrinken. Bei 'Rock On' von 'David Essex' wird es dann etwas kantiger. Hier trifft Glam-Rock-Gespenst auf elektronische Kälte, irgendwo zwischen 'Kraftwerk', 'Suicide' und einer Neonröhre, die seit drei Wochen flackert und niemand repariert. Das Stück hat Druck, bleibt aber minimalistisch. Es stampft nicht blind nach vorne, sondern bewegt sich mit diesem seltsamen, leicht gefährlichen Hüftknick, den gute elektronische Musik haben kann. Man merkt hier besonders stark, wie wichtig 'Benge' für den Klang des Albums ist. Die Produktion hält die Stücke zusammen. Sie gibt ihnen einen gemeinsamen Raum. Einen Raum mit alten Geräten, schlechten Träumen und sehr gut sortierten Kabeln.

Die dunkleren Post-Punk-Momente gehören ohnehin zu den überzeugendsten Seiten des Albums. 'I Can't Escape Myself' von 'The Sound' trägt schon im Titel diese perfekte Mischung aus existenzieller Müdigkeit und britischem Regenmantel. In der Version von 'Doublespeak' wird daraus keine große Tragödie mit erhobenem Zeigefinger, sondern ein kühles, intensives Stück elektronischer Innenraumvermessung. Das ist Musik für Menschen, die wissen, dass Melancholie nicht immer weinen muss. Manchmal reicht es, wenn sie sich an den Küchentisch setzt und schweigt. 'Day Breaks, Night Heals' von 'Thomas Leer And Robert Rental' zeigt wiederum, wie sehr dieses Album in der frühen elektronischen Musik verwurzelt ist. Es ist nicht nur Synthpop im hübschen Hemd. Es ist auch Post-Punk, Experiment, Minimal Wave und Kunstschul-Keller. Der Sound wirkt stellenweise bewusst kantig. Nicht kaputt, aber auch nicht glatt gebügelt. Man hört Maschinen, die nicht nur dekorativ herumstehen, sondern Charakter haben. Das ist ein großer Unterschied. Viele moderne Retro-Produktionen klingen, als hätte jemand ein Plugin mit „1981“ beschriftet und dann stolz Tee gekocht. 'Doublespeak' klingt eher so, als hätten die Geräte selbst mitentschieden.

Trotzdem ist das Album kein reines Nerd-Fest für Menschen, die beim Wort Sequencer feuchte Augen bekommen. Dafür ist 'Neil Arthur's Stimme zu präsent. Er gibt den Stücken einen menschlichen Mittelpunkt. Mal kühl, mal verletzlich, mal stoisch, mal fast beschwörend. Gerade bei Songs wie 'Smoke And Mirrors', 'Richard!' oder dem abschließenden 'End Credits' zeigt sich, dass 'Doublespeak' nicht nur an Klangfarben interessiert sind. Es geht um Stimmung. Um Atmosphäre. Um das leise Verschieben der emotionalen Temperatur. 'End Credits' wirkt dabei tatsächlich wie ein passender Schlusspunkt: reduziert, ruhig, fast filmisch. Kein großes Feuerwerk. Eher ein letzter Blick auf eine nächtliche Straße, während irgendwo im Hintergrund noch ein Synthesizer nachglimmt. Natürlich ist nicht alles an diesem Album sensationell oder weltbewegend. Manchmal bleibt 'Doublespeak' etwas zu respektvoll. An einzelnen Stellen wünscht man sich, das Trio würde noch brutaler eingreifen, die Originale noch stärker verbiegen, ihnen noch beherzter die Tapete von den Wänden reißen. Der Klang ist zwar wunderbar geschlossen, aber genau diese Geschlossenheit kann auch dazu führen, dass manche Stücke ähnlicher wirken, als sie müssten. Wer also ein wildes, völlig unberechenbares Coveralbum erwartet, bekommt eher kontrollierte Alchemie als brennendes Labor. Aber gut: Vielleicht ist das auch besser so. Brennende Labore sehen auf Fotos spannend aus, sind aber versicherungstechnisch schwierig.

Die große Stärke von 'Doublespeak' liegt meiner Meinung nach darin, dass dieses Album nicht wie sowas wie eine lose Sammlung von Coverversionen wirkt. Ja, es klingt tatsächlich eher wie das Debüt einer neuen Band. Einer Band, die ihren Stammbaum nicht versteckt, aber ihn auch nicht ständig wie einen Personalausweis vorzeigt. 'Vince Clarke' bringt diese unverkennbare elektronische Präzision mit, ohne aber alles an sich zu reißen. 'Neil Arthur' sorgt für Stimme, Charakter und eine gewisse schiefe Würde. 'Benge' hält erkennbar den Laden zusammen und verleiht dem Album diesen analogen, leicht körnigen, sehr eigenen Klang. Das Ergebnis ist elegant, dunkel, warm, manchmal kühl, manchmal schon fast gespenstisch. Also im Grunde wie ein sehr guter Abend, nur eben ohne Menschen, die ungefragt von ihrem Weinkeller erzählen.

Ist 'Doublespeak' damit nun ein gutes Album geworden? Ja, eindeutig. Ist es ein revolutionäres Album? Eher Nein. Muss es aber auch gar nicht sein. Es ist vielmehr ein sehr sorgfältig gebautes, geschmackssicheres und erstaunlich geschlossenes Werk, das zeigt, wie lebendig alte Songs klingen können, wenn man sie nicht konserviert, sondern neu atmen lässt. Für Fans von 'Blancmange', 'Erasure', früher 'Mute'-Elektronik, Minimal Wave, Synthpop und düsterem Post-Punk ist das hier fast Pflichtprogramm. Wer mit Coveralben grundsätzlich fremdelt oder bei analogen Synthesizern sofort an Männer denkt, die stundenlang über Kabel reden, könnte vielleicht etwas Abstand halten. Wobei: Auch diese Menschen sollten dem Album eine Chance geben. Man muss ja nicht gleich mit dem Oszillator frühstücken. Persönlich finde ich 'Doublespeak' gerade deshalb spannend, weil es nicht auf den schnellen Effekt setzt. Das Album drängt sich nicht billig und plump auf. Es steht eher selbstbewusst in der Ecke, beobachtet den Raum und wartet, bis man merkt, dass es längst die Kontrolle übernommen hat. Es ist kein schlechtes Album, kein enttäuschendes Album und schon gar kein überflüssiges Veteranentreffen. Es ist eine stilvolle, manchmal etwas zu höfliche, aber sehr atmosphärische Platte von Musikern, die nicht beweisen müssen, dass sie wichtig waren. Sie zeigen lieber, dass sie noch immer etwas zu sagen haben.

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