Seit dem Tod von 'Bruno Kramm' am 25. September 2026 widmen wir uns verstärkt dem älteren Katalog von 'Das Ich'. Bei 'Re_Laborat' führt dieser Rückblick zunächst mitten auf die Tanzfläche: Für viele dürfte 'Destillat (Remixed By VNV Nation)' der erste Berührungspunkt mit dem Album gewesen sein. Mit seinem euphorischen, beinahe triumphalen Vorwärtsdrang schob sich der Remix in die Clubs. Wer dadurch bei 'Das Ich' landete, entdeckte weit mehr als den nächsten Futurepop-Favoriten: eine Band, die elektronische Härte und dunkles Theater zu ihrer eigenen Sprache gemacht hatte.
1999 jährte sich die Gründung der Band zum zehnten Mal. Zu diesem Anlass ließ sich 'Das Ich' von befreundeten Bands beschenken: Die reguläre Ausgabe von 'Re_Laborat' versammelt 13 Neuinterpretationen, die auf einer limitierten Doppel-CD um die zweite Hälfte 'Re_Animat' mit elf weiteren Titeln ergänzt wurden. Die Gästeliste zeigt die stilistische Breite der damaligen schwarzen Szene. Zu den beteiligten Acts zählten 'And One', 'Funker Vogt', 'Deine Lakaien', 'L’Âme Immortelle', 'wumpscut', 'VNV Nation' und 'Atrocity' – Künstler, die Songs aus dem 'Das Ich'-Kosmos mit ihrer jeweils eigenen Handschrift neu deuteten.
Das Ergebnis ist weniger ein geschlossenes Album als ein Gruppenporträt. Die Stücke werden aus ihrem ursprünglichen Rahmen gelöst und in unterschiedliche elektronische Räume gestellt. Mal treiben stoische Beats und harte Sequenzen die Musik an, mal rücken dunkle Flächen, kalte Synthesizer und melodischere Futurepop-Elemente nach vorn. An anderer Stelle wird der industrielle Druck verstärkt oder die dramatische, fast theatralische Seite des Ausgangsmaterials betont. Der rote Faden bleibt dabei die expressive Stimme von 'Stefan Ackermann': Selbst wenn das musikalische Umfeld wechselt, klingt sie, als würde sie die nächste Weltuntergangsprophezeiung direkt aus dem Maschinenraum vortragen. Der Reiz liegt in der Reibung zwischen diesen Handschriften. 'Das Ich' war nie bloß ein weiteres Tanzflächenprojekt mit schwarzer Garderobe. Die Band verband elektronische Härte mit expressionistischer Sprache und großen, bewusst übersteigerten Gesten. Auf 'Re_Laborat' wird dieses Material nicht einfach auf Clubmaß gestutzt. Die Remixer verschieben Akzente und legen neue Rhythmen frei, ohne die Herkunft der Stücke ganz auszulöschen. So wird hörbar, wie wandelbar die Kompositionen sind – und wie verschieden die Szene auf sie reagierte.
Der unbestrittene Türöffner bleibt 'Destillat (Remixed By VNV Nation)'. Das Original bezieht seine Spannung aus der eigenwilligen Dramatik von 'Das Ich'; der Remix setzt dagegen auf einen breiten, euphorischen Sog: klare elektronische Konturen, ein kräftiger Puls und eine Melodieführung, die den Blick nach oben zieht, obwohl der Text tief im düsteren Theater bleibt. Das macht ihn nicht unbedingt zum stärkeren 'Das Ich'-Stück, wohl aber zur wirkungsvolleren Clubversion – mit erhobenem Arm und beträchtlicher Reichweite. Als Anspieltipp zeigt er sofort, warum der Remix auf der Tanzfläche funktioniert, und macht zugleich neugierig auf die übrigen Verwandlungen. Wer nur diesen Hit mitnimmt, verpasst allerdings das eigentliche Konzept der Platte.
Denn 'Re_Laborat' ist nicht durchgehend gleich stark. Die Stilwechsel gehören zum Programm, können aber den Albumfluss zerfasern. Manche Bearbeitungen wirken wie konsequente Neuinterpretationen, andere eher wie Grüße aus den jeweiligen Remix-Werkstätten: interessant für Fans und Szenearchivare, aber weniger zwingend für alle, die ein geschlossenes Album mit klarer Dramaturgie erwarten. Nicht jede Transformation bewahrt die eigentümliche Balance aus Pathos, Härte und Melodie der Originale. Einige Fassungen gewinnen an Zugkraft, andere wirken im Vergleich weniger eigenständig. Die Abwechslung ist der größte Trumpf dieses Gemeinschaftswerks – und gelegentlich auch sein ungeduldiger Redakteur.
Die Doppel-CD lohnt sich besonders für alle, die tiefer in dieses Panorama eintauchen möchten. 'Re_Animat' erweitert das Bild um elf weitere Titel und macht die Jubiläumsveröffentlichung zu einer umfassenderen Bestandsaufnahme. Zugleich ist die längere Fassung eher eine Fundgrube als ein durchkomponiertes Hörerlebnis. Man darf sich treiben lassen, vergleichen und einzelne Stücke wiederentdecken. Für einen konzentrierten Einstieg reicht die kompaktere 'Re_Laborat'-Ausgabe; für Sammler und langjährige Fans ist die Doppel-CD das vollständigere Dokument.
Mit dem Tod von 'Bruno Kramm' gewinnt 'Re_Laborat' zusätzliches Gewicht als Zeugnis seines Einflusses. Hier begegnet man nicht allein den Kompositionen von 'Das Ich', sondern auch den Antworten jener Künstler, die sich mit ihnen auseinandersetzten. Das Album hält damit einen Moment fest, in dem ein ganzes Szenennetzwerk hörbar auf die Arbeit von 'Bruno Kramm' und 'Stefan Ackermann' reagierte.
'Re_Laborat' ist Zeitkapsel, Remix-Sammlung und Einladung, 'Das Ich' neu zu entdecken. Es ist nicht makellos und verlangt mit seiner wechselnden Handschrift mehr Offenheit als ein gewöhnliches Studioalbum. Wer elektronische Musik der späten Neunziger, die schwarze Clubszene oder die vielen möglichen Gesichter von 'Das Ich' spannend findet, bekommt hier reichlich Stoff. Und wer bisher nur den euphorischen VNV-Nation-Remix kannte, kann hören, in welch finsterem und erstaunlich weitläufigem Haus dieser Clubhit eigentlich wohnt.