Blac Kolor - Arca

Blac Kolor - Arca

Schwere Rhythmen, strenge Strukturen, maximale Spannung – und darunter ein permanentes Gefühl von Unsicherheit. Genau aus diesem Widerspruch lebt 'Arca'. 'Blac Kolor' entwirft hier eine Klangwelt, in der alles kontrolliert scheint und doch jederzeit kippen könnte. Die biblischen Plagen fungieren hier nicht als historische Chiffren oder religiöse Zitate, sondern als Symptome eines Systems, das wir selbst erschaffen haben – gesellschaftlich wie persönlich. 'Arca' wirkt dadurch weniger wie ein Kommentar von außen, sondern wie ein Blick nach innen, dorthin, wo Ordnung und Chaos untrennbar miteinander verwoben sind.

Am 7. November 2025 erschien 'Arca', das mittlerweile siebte Full-Length-Album von Blac Kolor – ja, wir wissen: Wir sind spät dran. Sehr spät sogar. Aber manche Alben wollen nicht einfach „abgehakt“, sondern mit Zeit und Konzentration gehört werden. Und genau so ein Release ist 'Arca'. Hinter dem Projekt steht der Leipziger Produzent und DJ Hendrick Grothe, der hier ein Werk vorlegt, das auch mit Abstand nichts von seiner Intensität verloren hat.

Der Einstieg gelingt sofort eindrucksvoll. Bereits 'Lake Of Sunken Worries' setzt den Ton: spärisch arrangiert, kühl und kontrolliert, zugleich aber stetig vorwärtsdrängend. Der Track entwickelt früh eine unterschwellige Spannung, die nicht explodiert, sondern sich festsetzt – wie ein langsamer Druck, der den Hörer unmerklich in das Album hineinzieht. Genau diese Zurückhaltung erweist sich als Stärke, denn sie schafft Raum für Atmosphäre statt für bloße Wucht. Mit 'Fragile Moments' folgt für mich einer der zentralen Momente des Albums – und ganz klar mein persönlicher Lieblingstrack. Der Titel beginnt ruhig, beinahe tastend, baut sich Schicht für Schicht auf und gewinnt kontinuierlich an Energie. Im ersten Drittel kippt die Zurückhaltung schließlich in eine treibende Dynamik, ohne den zuvor aufgebauten Spannungsbogen zu zerstören. Dieser kontrollierte Übergang von Fragilität zu Druck ist exemplarisch für das, was 'Arca' insgesamt auszeichnet.

Roh und direkter präsentiert sich anschließend 'Trapped'. Der Track wirkt kantig, reduziert und kompromisslos, erinnert mich in seiner Grundhaltung stellenweise an frühe Industrial-Ästhetik im Umfeld von Haus Arafna – allerdings mit deutlich stärkerem Fokus auf Melodie und Struktur. Gerade diese Mischung aus Härte und unterschwelliger Musikalität verleiht dem Stück eine besondere Spannung, ohne nostalgisch zu wirken. In der Folge hält 'Arca' ein konstant hohes Niveau. Die Tracks greifen ineinander, verdichten das zuvor etablierte Klangbild weiter und treiben die Atmosphäre konsequent voran. Es ist kein Album, das auf permanente Höhepunkte setzt, sondern eines, das auf Wirkung durch Kontinuität baut. Für mich bleibt diese Phase bewusst homogen – intensiv, aber ohne einzelne Songs, die sich sofort herauslösen.

Erst mit 'Ark' tritt wieder ein deutlicher Akzent hervor. Der Track sticht heraus, weil er die bisherige Dichte aufbricht, ohne sie zu relativieren. Hier verdichten sich Rhythmus, Struktur und Atmosphäre zu einem besonders markanten Moment, der noch einmal verdeutlicht, wie souverän Grothe mit Spannung und Dynamik umgeht. Das Finale bildet schließlich 'Artificial Ignorance', das den thematischen und klanglichen Rahmen konsequent schließt. Verzerrte, geräuschhafte Strukturen dominieren, ergänzt durch düstere Samples, die weniger kommentieren als verstören. Der Track wirkt wie ein kontrollierter Kontrollverlust: sperrig, rau und bewusst unangenehm. Als Abschluss passt das hervorragend, weil es keinen versöhnlichen Ausweg anbietet, sondern das Album in einem Zustand latenter Unruhe enden lässt.

Über das gesamte Album hinweg bleibt die Produktion tief in analoger Ästhetik verankert. Schwere Industrial-Rhythmen, EBM-nahe Sequenzen, rhythmischer Noise und dunkle Techno-Elemente greifen präzise ineinander. Hypnotische Loops, cineastische Passagen und gezielt eingesetzte Leerräume sorgen dafür, dass 'Arca' weniger als Sammlung einzelner Tracks, sondern als geschlossenes Ganzes funktioniert. Meine persönliche Einschätzung: 'Arca' fordert mich, ohne mich aber zu ermüden. Es ist kein radikaler Neuanfang, sondern eine reife, konzentrierte Weiterentwicklung des bisherigen Schaffens von 'Blac Kolor'. Nicht jede Idee schreit nach Aufmerksamkeit, aber genau diese kontrollierte Zurückhaltung macht das Album für mich glaubwürdig und nachhaltig.

Auch physisch unterstreicht 'Arca' seinen Anspruch. Neben CD und Digitalformat erschien das Album als 2×12"-Vinyl, limitiert auf 100 Exemplare, gepresst auf schwarzem Vinyl mit bedruckter Innenhülle. Dass diese Edition bereits ausverkauft ist, überrascht kaum und dürfte das Release zusätzlich für Sammler interessant machen. 'Arca' ist damit ein intensives, konsequent gedachtes Album, das Zeit und Aufmerksamkeit verlangt – und genau dadurch gewinnt. Geeignet ist es vor allem für Hörerinnen und Hörer, die Industrial-, EBM- und Techno-nahe Musik als Erfahrungsraum begreifen und sich auf dichte, dunkle Klanglandschaften einlassen wollen.  Für mich bleibt ein sehr positives Gesamtbild: 'Blac Kolor' liefert hier kein lautes Ausrufezeichen, sondern ein dunkles, nachhaltiges Statement. 'Arca' wirkt – langsam, kontrolliert und lange nach.

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