Xotox - Eisenkiller

Xotox - Eisenkiller

Es gibt Musiker die feiern Jubiläen mit einer Akustikgitarre und einem nachdenklichen Blick aus dem Fenster. Bei 'Xotox' darf man eher damit rechnen, dass anschließend das Fenster fehlt. Das 1998 von 'Andreas Davids' gegründete Projekt verbindet industrielle Härte mit Rhythmen, die selbst sperrige Geräuschattacken auf die Tanzfläche bringen. Einer seiner bekanntesten Clubtitel, 'Eisenkiller', erschien ursprünglich 2002 auf 'Silberfieber' und erreichte später über 'Lichtlos' ein größeres Publikum. Zum zehnten Geburtstag folgte 2012 über 'Pro Noize' eine eigene EP mit aktualisierter Fassung, Original, Remixen und zusätzlichem Material. Ein Rückblick auf diese Veröffentlichung zeigt, wie viel sich aus einem vermeintlich längst ausgereizten Titel noch herausholen lässt.

Was mich an 'Eisenkiller' begeistert, ist seine unmittelbare körperliche Wirkung. Harte elektronische Schläge, mahlende Geräuschschichten und markante Signale erzeugen einen Sog, der ohne gesungenen Refrain auskommt. Die Wiederholung verdichtet den Druck und lässt aus kantigen Einzelteilen einen hypnotischen Rhythmus entstehen. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel aus einem beharrlichen Puls und den Geräuschen, die sich darüber reiben, kreischen und festsetzen. Die Musik klingt roh und mechanisch, besitzt aber genug Wiedererkennungswert, um sich zwischen all dem Lärm regelrecht ins Gedächtnis zu fräsen.

Dazu kommt eine Atmosphäre, die weit über bloße Härte hinausgeht. Verzerrte Sprachfragmente und bedrohliche elektronische Klangfarben geben der Musik etwas Verstörendes; die Synthesizer wirken stellenweise wie Signale aus einer schlecht beleuchteten Zukunft. Rhythm’n’Noise, brachiale EBM und Hardtechno greifen ineinander. Die 2012er Überarbeitung konzentriert sich damit besonders auf den unerbittlichen Vorwärtsdrang und setzt dazu markante Synthesizerbässe mit Science-Fiction-Flair. Mir gefällt gerade diese Verbindung aus funktionaler Clubenergie und unheimlicher Spannung: Man weiß ziemlich schnell, wohin sich die Füße bewegen sollen, während der Kopf noch überlegt, was hier eigentlich lauert. Fein!

Den eigentlichen Mehrwert der EP liefern für mich die unterschiedlichen Bearbeitungen von 'Bahntier', 'Autoclav1.1', 'After White Smoke' und 'Jean Bach'. Sägende elektronische Basslinien und federnde, gebrochene Beats verschieben das Material in Richtung Electro und technoider EBM. Melodisches Klavier und streicherartige Flächen öffnen dagegen einen überraschend gefühlvollen Raum. Anderswo schießen die Rhythmen mit der nervösen Energie von Drum’n’Bass voran oder kippen aus geradlinigem Vorwärtsdrang in stotternde, zerhackte Rhythmusfolgen. Die vertrauten Signale halten die unterschiedlichen Fassungen zusammen, ohne deren Eigenständigkeit einzuschränken. Besonders reizvoll finde ich den Wechsel zwischen mechanischer Strenge und melodischer Wärme. Plötzlich zieht Romantik in eine Klangwelt ein, deren Einrichtung überwiegend aus Beton bestehen dürfte.

Als Anspieltipp bietet sich meiner Meinung nach der 'Eisen Rostet-Mix' von 'Autoclav1.1' ganz prima an. Klavier und streicherartige Flächen zeigen hier besonders deutlich, wie weit sich das Ausgangsmaterial öffnen lässt, wenn eine Bearbeitung mehr verändert als die Schlagkraft des Beats. Die dunkle Tanzfläche bekommt Gefühle, ohne deshalb gleich zum Stehblues überzugehen. Zusammen mit dem Original lässt sich hier der musikalische Spielraum der EP besonders gut nachvollziehen. Auch das zusätzliche Material trägt zum Reiz der Veröffentlichung bei. Die damals unveröffentlichte Version von 'Digitale Demenz' und die rauen Demoaufnahmen von 'Schwanengesang' und 'Notwehr' erweitern den Blick über die verschiedenen Fassungen des Titelstücks hinaus. Dicht komprimierte Rhythmusattacken, eine eigentümlich verspielte Note und besonders aggressive Geräuschflächen zeigen, dass zur Klangsprache von 'Xotox' ebenso eine gewisse Schrulligkeit wie kompromisslose Härte gehört. Gerade diese Mischung hält die Musik für mich interessant: Sie kann einen mit voller Wucht treffen und im nächsten Moment mit einer unerwarteten Idee überraschen.

Die Grenze liegt dann vor allem irgendwo im Format. Mehrere Fassungen desselben Stücks verlangen Freude daran, vertraute Elemente in wechselnden Zusammenhängen wiederzuentdecken. Wer vor allem möglichst viele eigenständige Kompositionen sucht, bekommt hier naturgemäß weniger neues Ausgangsmaterial. Für mich wird das durch die deutlich unterschiedlichen Ansätze überzeugend aufgefangen. Die Härte selbst gehört ohnehin zum Versprechen dieser Veröffentlichung; wer weiche Klangflächen und gefällige Refrains erwartet, dürfte mit anderen Platten glücklicher werden. 'Eisenkiller' überzeugt mich als Jubiläums-EP schon ziemlich, weil die Remixe tatsächlich unterschiedliche musikalische Möglichkeiten freilegen. Der Titel besitzt einen starken, sofort erkennbaren Kern, der sowohl brachiale Zuspitzung als auch melodische Öffnung verträgt. Fans von Rhythm’n’Noise, Industrial und harter elektronischer Clubmusik bekommen damit eine ausgesprochen lohnende Veröffentlichung. 'Xotox' feiert hier einen Klassiker mit genügend Ideen, damit die Wiederholung zum Vergnügen wird. Rost hört sich jedenfalls anders an.

Medienkonverter.de

Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).