So ziemlich jeder Leser hier weiß, Dunkelheit allein macht noch keine intensive Musik. Es braucht vielmehr Atmosphäre, Persönlichkeit und ein Gespür dafür, wie Melancholie in echte Spannung verwandelt werden kann. Und genau darin liegt die große Stärke von 'Void Lust'. Hinter dem Solo-Projekt aus dem schönen Riverside, Kalifornien, steht 'Zaakary Void', der seine Musik weitgehend selbst schreibt, einspielt, aufnimmt und produziert. Seine Klangwelt liegt dort, wo Darkwave, New Wave, Synthpop und Gothic-Romantik einander im kalten Neonlicht begegnen – und anschließend gemeinsam beschließen, bis zum Morgengrauen nicht mehr nach Hause zu gehen. Die bisherige Diskografie ist meiner Recherche nach noch recht überschaubar, aber keineswegs ereignislos. 2018 erschien die EP 'Delirium', die sowohl als CDr im Digipak als auch auf Kassette veröffentlicht wurde. 2023 folgte die digitale Single 'To Walk The Night'. Mit 'Distortion' legt 'Void Lust' nun das erste vollständige Album vor. Veröffentlicht wurde es am 1. August 2026; sieben Stücke bringen es auf eine kompakte Spielzeit von immerhin 30 Minuten und 45 Sekunden.
Dass zwischen den frühen Veröffentlichungen und diesem Album einige Jahre liegen, erklärt sich auch durch dessen lange Entstehungsphase: Das Material wurde zwischen 2019 und 2025 aufgenommen. 'Distortion' ist somit weniger eine spontane Momentaufnahme als eine über Jahre gewachsene Sammlung musikalischer und emotionaler Zustände. Ergänzt wird das eigene Material durch eine Interpretation von 'Take Me Tonight', bekannt durch 'Kim Wilde' und ursprünglich von 'Ricky Wilde' und 'Marty Wilde' geschrieben. Diese Verbindung zur Synthpop-Tradition passt hier ausgesprochen gut zum Album, das tief in der Ästhetik vergangener Jahrzehnte verwurzelt ist, daraus jedoch auch eine eigenständige Gegenwart formt. Der Titel 'Distortion' beschreibt dabei mehr als einen technischen Effekt. Verzerrung wird zum Grundprinzip des gesamten Albums: Liebe kippt in Abhängigkeit, Spiritualität in Blasphemie, Verführung in Bedrohung und Aufbruch in Niedergeschlagenheit. Selbst musikalisch bewegt sich das Werk zwischen aufwärtsdrängenden, verzerrten Gitarren und verträumten Synthesizerlandschaften. Aus diesen Gegensätzen entsteht kein unübersichtliches Durcheinander, sondern ein erstaunlich geschlossener Kosmos – tiefschwarz, melodisch und emotional aufgeladen.
Musikalisch verbindet 'Distortion' Darkwave, Synthpop und New Wave mit Post-Punk-Anklängen, verzerrten Gitarren und elektronisch geprägter Gothic-Romantik. Die ästhetischen Gene der Achtzigerjahre sind unverkennbar, doch 'Void Lust' begnügt sich nicht damit, ein paar alte Synthesizer abzustauben und alles vorsorglich schwarz anzustreichen. Statt einer nostalgischen Stilübung entsteht hier Musik, die ihre Einflüsse kennt, ihnen aber eine eigene dramatische Sprache abgewinnt. Das Album lebt von seinen Gegensätzen. Elektronische Rhythmen sorgen für Bewegung, während flächige Synthesizer eine verträumte, bisweilen beinahe entrückte Atmosphäre erschaffen. Dazu kommen Gitarren, die nicht bloß dekorativ am Rand stehen, sondern dem Klangbild Schärfe und körperlichen Nachdruck verleihen. Wenn sie sich verzerrt nach oben stemmen, entsteht ein beinahe hymnischer Sog. Wenn sie sich zurückziehen, öffnen sich Räume, in denen Melancholie und innere Leere umso deutlicher hervortreten.
Gerade dieser Wechsel zwischen Vorwärtsdrang und Versinken gibt 'Distortion' seine Spannung. Das Album besitzt genügend Energie für einen nächtlichen Dancefloor, weigert sich aber, dort zur bloßen Hintergrundmusik zu werden. Die Rhythmen laden zur Bewegung ein, während die Atmosphäre ständig daran erinnert, dass unter der Oberfläche etwas Unruhiges arbeitet. Man kann zu dieser Musik tanzen – nur eben nicht unbedingt, um glücklich zu werden. Eher tanzt man den eigenen Dämonen ein paar Schritte voraus und hofft, dass sie den Einsatz verpassen. Im Zentrum stehen die Synthesizer. Sie erzeugen nicht nur Melodien, sondern formen den Raum, in dem sich das Album bewegt. Mal wirken sie kühl und weit, mal weich und traumartig, dann wieder bedrückend und beinahe sakral. Ihre Wirkung liegt weniger in technischer Effekthascherei als in der Art, wie sie Licht und Schatten verteilen. Selbst die zugänglicheren Passagen behalten dadurch eine eigentümliche Fremdheit. Unter dem melancholischen Glanz bleibt stets eine Spur von Unbehagen zurück. Gleichzeitig schlägt unter der dunklen Oberfläche ein erstaunlich großes Pop-Herz – vermutlich eines, das sicherheitshalber ebenfalls schwarzen Nagellack trägt. Die Melodien sind eingängig, ohne die Musik gefällig erscheinen zu lassen. 'Void Lust' versteht es, Zugänglichkeit und emotionale Schwere miteinander zu verbinden. Die Hooks öffnen schnell einen Zugang, während die tieferen Stimmungen erst nach und nach ihre Wirkung entfalten. Dadurch funktioniert 'Distortion' unmittelbar, verliert aber auch bei wiederholtem Hören nicht seinen geheimnisvollen Charakter.
Von besonderer Bedeutung ist der Gesang. Er klingt düster, unheimlich, sphärisch und packend und wird damit zum emotionalen Mittelpunkt des Albums. Die Stimme schwebt nicht einfach über den Arrangements, sondern scheint aus ihnen aufzusteigen. Bisweilen wirkt sie wie ein intimes Geständnis, dann wieder wie eine Beschwörung aus einem verlassenen Kirchengewölbe. Nähe und Distanz, Hingabe und Bedrohung liegen dabei auffallend eng beieinander. Gerade diese Stimme hat mich an 'Distortion' am stärksten gepackt. Sie versucht nicht, jede Empfindung durch Lautstärke oder übertriebene Gesten zu erzwingen. Stattdessen entfaltet sie eine kontrollierte Intensität, die sich langsam festsetzt. Selbst in melodisch offenen Momenten bleibt der Eindruck bestehen, dass hinter der nächsten klanglichen Ecke etwas Unheimliches wartet. Der Gesang lockt den Hörer tiefer in die Musik, ohne zu verschweigen, dass der Rückweg möglicherweise weniger gemütlich ausfällt. Vollkommen neutral dürfte diese Art des Vortrags allerdings niemanden lassen. Der konsequent düstere und stellenweise pathetische Ausdruck gehört untrennbar zur Identität von 'Void Lust', kann aber auch polarisieren. Wer Gesang ausschließlich nüchtern, beiläufig oder naturalistisch bevorzugt, wird diese theatralische Aura vermutlich als zu viel empfinden. Für mich ist sie hingegen genau richtig dosiert: groß genug, um die Musik mitzureißen, aber kontrolliert genug, um nicht in unfreiwilliges Gothic-Theater abzurutschen.
Auch inhaltlich folgt 'Distortion' dem Prinzip der Verzerrung. Religiöse Vorstellungen, Schuld, Blasphemie, Tod, Verlust und obsessive Liebe bilden keine voneinander getrennten Themenfelder, sondern greifen ineinander. Das Heilige erscheint nicht zwangsläufig als Schutzraum. Es kann ebenso zum Gefängnis, zur Quelle von Angst oder zur Projektionsfläche unerfüllbarer Sehnsüchte werden. Umgekehrt erhält das Profane bisweilen eine beinahe spirituelle Intensität. Dieses naja, fast schon religiöse Bildwelt dient nicht nur der kalkulierten Provokation. Sie bildet den Hintergrund für Konflikte zwischen Hingabe und Aufbegehren, Erlösung und Selbstbestimmung. Zwar ist die Symbolik nicht immer subtil – Kerzen werden hier eher mit dem Flammenwerfer als mit einem diskreten Streichholz entzündet –, doch gerade diese Konsequenz passt zur emotionalen Direktheit des Albums. 'Distortion' möchte nicht vorsichtig andeuten. Es möchte verführen, verstören und im nächsten Moment wieder auffangen.
Ähnlich kompromisslos behandelt das Album die dunklen Seiten romantischer Leidenschaft. Liebe ist hier kein sicherer Hafen, sondern ein berauschender Zustand zwischen Begehren, Abhängigkeit und Selbstverlust. Körperlichkeit und Schmerz, Verlangen und Trauer lassen sich kaum voneinander trennen. Die emotionale Verzerrung besteht darin, dass etwas Himmlisches jederzeit ins Zerstörerische umschlagen kann. So entsteht eine Romantik, die nicht beruhigt, sondern fiebrig glüht. Bemerkenswert ist, wie eng Musik, Gesang und Themen miteinander verbunden sind. Die Gitarren verkörpern den Drang nach oben, nach außen und vielleicht sogar nach Befreiung. Die Synthesizer ziehen die Stimmung wieder nach innen, in Traum, Erinnerung und Niedergeschlagenheit. Dazwischen steht die Stimme wie eine Figur, die beide Richtungen gleichzeitig kennt. Genau aus diesem Spannungsverhältnis entwickelt 'Distortion' seinen Sog.
Die Produktion hält diese unterschiedlichen Kräfte überzeugend zusammen. Das Klangbild besitzt Klarheit, bewahrt aber genügend Rauheit, um nicht klinisch oder übermäßig poliert zu wirken. Die elektronischen Elemente erhalten Raum, während die Gitarren für Reibung sorgen und der Gesang seine unheimliche Präsenz entfalten kann. 'Distortion' klingt dicht, ohne vollkommen überladen zu sein. Das ist wichtig, weil ein Album mit derart viel Pathos schnell unter dem eigenen Samtvorhang begraben werden könnte. Mit einer Spielzeit von knapp 31 Minuten bleibt kaum Platz für Leerlauf. Das kommt der Wirkung grundsätzlich zugute: 'Distortion' konzentriert sich auf seine stärksten Eigenschaften und verschwindet, bevor aus Faszination Gewöhnung werden kann. Gelegentlich hätte man einzelnen Stimmungen allerdings etwas mehr Zeit zur Entfaltung gewünscht. Manche Ideen ziehen so rasch vorüber, dass sie eher wie verlockende Erscheinungen als wie vollständig ausgekostete Momente wirken. Angesichts der geschlossenen Dramaturgie ist das jedoch ein wirklich kleiner Vorbehalt – und letztlich auch ein guter Grund, das Album gleich noch einmal zu hören. Für mich liegt die größte Leistung von 'Distortion' darin, dass die Musik ihre Dunkelheit nicht mit Tiefe verwechselt und ihre Eingängigkeit nicht als Verrat am Genre betrachtet. 'Void Lust' darf melodisch sein, ohne harmlos zu werden, und pathetisch, ohne die emotionale Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Musik will nicht nur eine Szeneästhetik korrekt bedienen. Sie möchte eine eigene Welt öffnen – und sie besitzt genügend Persönlichkeit, um den Hörer darin festzuhalten.
Also, mit 'Distortion' gelingt 'Void Lust' ein wirklich empfehlenswertes, intensives, kompakt und gebautes Darkwave-Album dessen Schönheit gerade aus seinen Gegensätzen entsteht. Verzerrte Gitarren treffen auf verträumte Synthesizer, tanzbare Rhythmen auf emotionale Schwere und eingängige Melodien auf religiöse wie romantische Abgründe. Über allem liegt der düstere, unheimliche und sphärische Gesang von 'Zaakary Void', der dem Werk eine unverwechselbare Präsenz verleiht. Das Album ist besonders für Menschen geeignet, die Darkwave nicht nur als Klangfarbe, sondern als emotionales Erlebnis verstehen. Wer melancholischen Synthpop, Gothic-Romantik, New-Wave-Flair, Post-Punk-Anklänge und elektronische Tanzbarkeit liebt, dürfte sich in dieser Welt schnell zu Hause fühlen. Auch Hörerinnen und Hörer, die feine Melodien schätzen, aber auf pastellfarbene Fröhlichkeit gut verzichten können, sollten 'Distortion' unbedingt eine Nacht lang Gesellschaft leisten.
Knapp acht Jahre nach der EP 'Delirium', rund drei Jahre nach der Single 'To Walk The Night' und nach einer Aufnahmephase von 2019 bis 2025 legt 'Void Lust' ein Debütalbum vor, das nicht wie ein vorsichtiger erster Schritt wirkt. 'Distortion' klingt nach einer über lange Zeit geschärften künstlerischen Vision. Die wenigen kleinen Reibungsflächen – der polarisierende Gesang, die bisweilen ausgesprochen direkte Symbolik und die beinahe zu knappe Spielzeit – nehmen dem Album nichts von seiner Wirkung. Im Gegenteil: Sie gehören zu seiner Persönlichkeit. 'Distortion' ist düster, unheimlich, sphärisch und verführerisch, zugleich aber überraschend melodisch und voller Bewegung. Es ist ein Album über Zustände, die ihre ursprüngliche Form verlieren: Liebe wird zur Obsession, Glaube zum Konflikt, Schönheit zur Bedrohung und Melancholie zum Tanz. Genau deshalb passt sein Titel so hervorragend. Wer sich darauf einlässt, bekommt keinen bloßen Soundtrack für schwarze Kleidung und gedämpftes Licht, sondern ein Werk voller Gefühl, Spannung und künstlerischer Überzeugung. 'Void Lust' macht aus der Verzerrung keine Beschädigung, sondern eine eigene Form von Schönheit. Und die leuchtet auf 'Distortion' besonders hell – selbstverständlich in tiefstem Schwarz.
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