Auf einer 4-CD-Box hat man viel Platz – genauer gesagt genug Platz, um für den Geschmack eines jeden Anhängers düsterer Elektroklänge etwas dabei zu haben. Das dachte sich auch das Label „Alfa Matrix“ und veröffentlichte 4 fulltime CDs unter dem Namen „Endzeit Bunkertracks [act 1]“. Der auf weltweit nur 1.666 Exemplare limitierte Sampler ist eine Ansammlung der besten Dark Electro Acts weltweit. Unter den insgesamt 60 Tracks befinden sich 50 bisher unveröffentlichte oder rare Versionen. Neben den ganz Großen der Szene, wie Dive, Hocico, Assemblage 23, Combichrist oder auch [:SITD:], findet man auch die neue Liga des Dark Electro, so beispielsweise Run Level Zero, Terrorfakt, Sero:Overdose oder Shnarph!. Die luxuriöse Box enthält neben den vier CDs in Hardcover-Taschen auch ein Booklet. Darin wird man höflich aber bestimmt gewarnt: „Endzeit Bunkertracks is a certified substitute for shock-therapy and excessive use may cause brain damage.“ Passend dazu hat auch jede CD ihren eigenen illustren Namen: CD 1“Evil Session“, CD 2“Torture Session“, CD 3“Damage Session“ und CD 4“Death Session“. ‚Todesmutig’ lege ich dann die erste CD in meinen Player. Bei mir stellen sich dabei zum Glück aber keine Gehirnschäden, sondern eher ein dauerhaftes Zucken im Tanzbein ein. Den perfekten Auftakt zur ‚Evil Session’ bildet das energiegeladene „Redet und Atmet“ von SHNARPH! Der Song avancierte letztes Jahr zu einem überwältigenden Überraschungserfolg und ist ein würdiger Opener. Unter die bekannten und mittlerweile etablierten Elektroniker von Hocico, Plastic Noise Experience und Ayria mischen sich neue Größen wie Glis und Hioctan, die mit ungemein tanzbaren und powervollen Songs aufwarten. Letztere erinnern nicht nur vom Namen her, sondern auch in Sachen Sound ein wenig an die kleinen Mexikaner von Hocico. Nicht ganz so kraftvoll und etwas melodischer, aber mindestens genauso cluborientiert. PNE bedienen die EBM-Sparte der alten Schule. Düster und enorm eingängig zeigt sich das deutsche Urgestein. Als Vertretung für die weibliche Seite des Electro ist Ayria zuständig. Nicht minder druckvoll bohrt sich „My Revenge On The World“ direkt in die Gehörgänge. Ein Déjàvu-Erlebnis setzte bei mir bei „Razor“ von Cylone B ein. Da hatte man sich doch glatt der gleichen Samples wie Combichrist bei „Joy To The World“ bedient. Ansonsten hat der Song nicht viel gemein mit dem Sound des Ein-Mann-Projekts von Multitalent Andy. Ein wenig fad wirkt der Track durch einen monotonen Grundrhythmus. Aber es gibt ja noch 14 weitere Tracks auf ‚Evil Session“… Die ‚Torture Session’ bietet neben den bis dahin gewohnten energiegeladenen Klängen auch seichtere Töne. Die Futurepop-Tracks wurden dabei freilich noch entsprechend um einige BPM ‚getunt’. So wirken Bands wie Assemblage 23 oder Sero.Overdose keineswegs verloren bei der Foltersession und sind ein echter Gewinn für die Zusammenstellung. Ähnlich der folgenden ‚Damage Session’ verbindet diese CD die Tracks in einem bemerkenswerten Verhältnis zu einem wohlklingenden Gesamtbild. Ob Beschädigung oder Folter: der exzessive Gebrauch führt nicht zu einem Gehirnschaden, sondern zu einem Abhängigkeitsverhältnis. Einmal in diese sorgfältig ausgewählte Ansammlung von Dark-Electro Songs hinein gehört, möchte man keine andere Compilation mehr hören. Der Mix aus aktuellen und älteren Tracks, aus altbekannten und erfrischend neuen Bands und unterschiedlichen Härtegraden macht die CDs zu einem außergewöhnlich vielfältigen Hörerlebnis. Run Level Zero, Terrorfakt und (endlich mal wieder) S.I.N.A. bieten klasse Power-Electronic. Mit Neikka RPM und XP8 kommt der geneigte Hörer auch in den überraschenden Genuss von modernen Dance-Elementen. Sero.Overdose vertreten zusammen mit Skoyz den deutschsprachigen Electrobereich. Winterstahl, Terrorfakt, God Module und Grendel geben kräftig was auf die Ohren. Aggressiv haut der Sound so richtig rein und dank dem X-Fusion-Remix wird auch „Under The Gun“ von der skandinavischen Formation Run Level Zero zu einem echten Kracher. Gar noch besser als das Original. Diese Anerkennung kann auch dem Großteil der anderen Remixe ausgesprochen werden. Sie geben den gewählten Songs den letzten Feinschliff für eine derartig interessante Compilation. In der ‚Death Session’ habe ich dann meinen Favoriten der 4 CDs gefunden. Eine wilde, cluborentierte Mischung aus energiegeladenen Krachern, die sofort in Mark und Bein gehen. Bands wie Yelworc, The Retrosic, Agonoize, :Wumpscut: und Dive sind ein kleiner Vorgeschmack für das, was den Hörer bei der ‚Teufelssitzung’ erwartet. Mein Favorit dieser CD ist jedoch ein gänzlich Unbekannter für mich. Lok-8 schaffen mit „Defy“ ein vielschichtiges und außergewöhnliches Electro-Arrangement. Durch mehrere Melodie- und Tempowechsel erzeugt die Band eine scheinbar greifbare Atmosphäre. Ohne von schwachen Lückenfüllern Gebrauch zu machen folgen schließlich große auf kleine Clubkracher und andersrum. Dabei können die hoffungsvollen und talentierten Newcomer spielend mit ihren großen Kollegen konkurrieren. Da wirkt Unter Null mit „Sick Fuck“ nach dem großartigen Dive mit „Heart And Soul“ (fast) ebenbürtig. Und für alle Kritiker, die sich derzeit fleißig an der Diskussion um die musikalische Neuorientierung von :Wumpscut: beteiligen, wurde sicher auch eine vertretbare Lösung gefunden. „The March Of The Death“ ist gewiss nicht mehr der neuste Track, aber gehört immer noch in einigen Clubs zum allabendlichen Musikprogramm und passt dabei ideal in das Konzept der ‚Evil Session’. Mit Synaptic Defect und Agonised By Love endet „Endzeit Bunkertracks“ etwas gediegener als es anfing, aber genauso perfekt. Bei der Masse der Kracher abschließend ein oder mehrere Anspieltipps exemplarisch zu benennen, ist schier unmöglich. Hier hilft nur eines: reinhören und zwar in alle vier CDs. Diese Compilation ist ein echtes Highlight auf dem überschwemmten Markt für Electro-Sampler. Mit „Endzeit Bunkertracks“ ist Alfa Matrix ein großer Wurf gelungen. Sorgfältig ausgewählte Tracks, die einen gelungenen Querschnitt durch die Dark Electro Szene bieten. Und dabei kostet diese energiegeladene 4-CD-Box nur 28 Euro. Und so etwas wird vom Elektro-Volk belohnt: der Sampler verteidigt gegenwärtig seit mehreren Wochen die Pole Position der Top 10 der DAC (Deutsche Alternative Charts). Wer nun neugierig auf den Sampler geworden ist, der sollte in Windeseile den nächsten CD-Händler aufsuchen, denn die stark limitierte Compilation wird mit Sicherheit schnell vergriffen sein.