Wenn ihr schon einige Reviews von mir gelesen habt, wisst ihr, dass ich immer ein kleines Problem habe, wenn es um Songtexte geht, deren Sprache ich nicht verstehe. Doch dann kam die internationale Folk-Metal-Band Vanaheim, die sich 2015 im niederländischen Tilburg formierte. Zugegeben: "Ik kan een beetje Nederlands spreken". Und so kam es, dass ich mich komplett in diesem Album verloren habe. Es war kein „mal eben reinhören und was Nettes schreiben“ – es war Liebe auf den ersten Ton. Jetzt legen Vanaheim nach ihrer 2017 erschienenen Debüt-EP The House Spirit und dem Konzeptalbum Een verloren Verhaal aus dem Jahr 2022 ihr neuestes Werk nach. Mit dem frisch erschienenen "Roede voor de Borst" beweist die internationale Kombo erneut, was unter Epic Folk Metal zu verstehen ist.
Die Geschichtenerzähler von Vanaheim nehmen ihre Hörer mit auf eine Reise in die niederländische Folklore, die schon im Opener „Geestenmist“ eine unheilvolle Atmosphäre schafft. Der Song geht – auch wenn man die Lyrics vielleicht nicht versteht – schnell unter die Haut und direkt ins Ohr. Mit „Kroos en Slijk“ ziehen Vanaheim das Tempo deutlich an, um es bei „Het laatste Licht“ wieder zu drosseln. Hier dröhnt Zinos Grunzen über sanfte Chorgesänge, während Akkordeonklänge eine gruselige Stimmung erzeugen. Die Angst und Hoffnungslosigkeit des Protagonisten – des Müllers, der von der Gemeinschaft zunächst gemieden wird – sind deutlich spürbar. Der nächste Track „Eendracht maakt Macht“ bringt nicht nur die Geschichte des Konzeptalbums weiter: In der Nummer spürt man förmlich die Spielfreude der Künstler. Ich freue mich schon jetzt, diesen Song auf der epischen „Valhalla Calling Europe“-Tour live zu hören. „De Overtocht“ ist eine emotionale Reise zu sich selbst, die in einem emotionalen Rausch endet. Zinos flehende Stimme sehnt sich nach Leben und möchte es nicht verblassen lassen; Angst und Trauer, aber auch Hoffnung schwingen mit. Das Konzeptalbum endet mit dem für mich besten Song: dem titelgebenden „Roede voor de Borst“. Textlich ein lyrisches Meisterwerk (die übersetzten Texte findet ihr auf Vanaheim.nl), musikalisch die perfekte Liaison aus folkigen Sounds, harten Riffs und dem epischen Einsatz des 30-köpfigen IJssel and Waal Choir unter der Leitung von Roline Zieverink. Der Titeltrack geht sofort ins Ohr und bohrt sich ins Herz – ein epischer Ohrwurm, der bei mir die Liebe zu Vanaheim entfacht hat. Geschaffen wurde dieses bombastische Werk mit Hilfe des erfahrenen Produzenten Joost van den Broek, der dem Vanaheim-Sound einen cineastischen und wuchtigen Klang eingehaucht hat. Eine besondere Ehre für die Band war die Zusammenarbeit mit Mika Jussila, der das Album in Helsinki gemastert hat. Da die Vanaheim-Musiker allesamt Fans der großen finnischen Metalbands sind, ist die Kooperation mit Jussila, der schon Alben von Nightwish oder Ensiferum gemastert hat, sicherlich ein besonderes Highlight in der Entstehung von Roede voor de Borst gewesen.
Für mich persönlich ist dieses Album das Highlight des Jahres. Das Konzeptalbum hat mich emotional geschafft. Nie zuvor habe ich ein Album mehr als vier Wochen am Stück Tag für Tag gehört und konnte noch immer nicht genug davon bekommen. Jede Emotion, die Vanaheim ihrem Protagonisten musikalisch mit auf die Reise geben, habe ich selbst durchlebt. In jeder Note spürt man die Leidenschaft, die die Musiker an den Tag legen. Die Geschichtenerzähler von Vanaheim gehen im November mit Týr, Dragonland und Twilight Force auf eine umfangreiche Tour durch Europa – ein episches Event, das ihr keinesfalls verpassen solltet!
Im Gespräch mit Mike Seidel (Bass)
Wenn ihr nach dem Album noch tiefer in die Welt von Vanaheim eintauchen wollt, lest hier weiter, denn Vanaheim-Bassist Mike Seidel gewährt uns einen Einblick in die Arbeit der Band, indem er unter anderem auch berichtet, wie eine Band über Landesgrenzen hinweg arbeitet und wieso man am Merchandisestand Käse findet. Vielen Dank, Mike, dass du Rede und Antwort gestanden hast.
Daniela:
Hallo Mike, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, um uns von Medienkonverter.de ein paar Fragen zu beantworten.
Mike Seidel:
Vielen Dank an dich und den Medienkonverter dafür, dass Ihr uns eine Chance gebt unser neues Konzeptalbum hier zu präsentieren.
Daniela:
Mit „Roede voor de Borst“ ist kürzlich euer neues Konzeptalbum erschienen, in dem ihr die Hörer mit auf eine Reise in die düsteren Schatten des Daseins nehmt. Die poetischen Texte besitzen schon für sich genommen eine gewaltige Bildsprache, die durch die harten Sounds noch eindringlicher zur Geltung kommen.Nun hat es ganze vier Jahre gedauert, bis ihr euren Fans ein neues Werk präsentieren konntet. Auch der Abstand zwischen eurer ersten EP „The House Spirit“ und dem ersten Konzeptalbum „Een Verloren Verhaal“ betrug fünf Jahre. Wie lange dauert bei euch die Umsetzung von der ersten Idee bis zum fertigen Album und wann war euch klar, dass es wieder ein Konzeptalbum werden würde?
Mike Seidel:
Das hängt ganz stark davon ab, wie beschäftigt wir damit sind zu touren und Konzerte zu spielen. Die EP mit dem Namen “The House Spirit“ ist unser erstes Werk, das wir jemals veröffentlicht haben. Damals war die Band noch in der Findungsphase und gleichzeitig hatten wir andere Prioritäten. Erst mit der Veröffentlichung unseres Debütalbums “Een Verloren Verhaal“ ging es so richtig los. Wir haben während des “The House Spirit“ Zyklus gemerkt, dass die Band ein großes Potenzial hat, denn wir waren schon relativ früh international unterwegs. Deshalb haben wir uns dazu entschieden mit “Een Verloren Verhaal“ jegliche Level für Produktion, Anspruch, Qualität so weit nach oben zu schrauben, wie es nur geht. Wir wollten mit diesem Album ein Level an Qualität erreichen, welches man nur von wirklich etablierten Bands kennt. Ich denke, das haben wir geschafft, denn die Resonanz zu “Een Verloren Verhaal“ war einfach großartig!
Nach der Veröffentlichung des Debütalbums entstand ein neues Problem, welches wir vorher so nicht kannten. Wir waren derartig mit Auftritten bei Festivals und dem Touren beschäftigt, dass wir kaum Zeit dafür hatten ein neues Album zu schreiben. Das klingt jetzt erstmal nach einem Luxusproblem. Es ist allerdings so, dass einem die Zeit durch die Finger rinnt, wenn man neben der Band einen normalen Vollzeitjob hat. Ende 2023 haben wir also den Entschluss getroffen, dass wir den Fokus jetzt auf das neue Album legen müssen, damit wir nicht wieder fünf Jahre Zeit bis zur nächsten Veröffentlichung brauchen. Dazu kommt, dass unsere Musik sehr komplex ist. Die Musik von Vanaheim besteht nicht nur aus einer einfachen Metalband. Es kommen zahlreiche Orchestrationen, Folkinstrumente und Chöre hinzu. Für “Roede voor de Borst“ hatten wir die Ehre mit einem dreißigköpfigen Chor zu arbeiten, welcher in jedem neuen Song zu hören ist. Das braucht einfach Zeit. Wir arbeiten allerdings daran in der Zukunft neue Alben schneller zu veröffentlichen.
Daniela:
Eine große Europatour steht bald bei Vanaheim an. Wie organisiert ihr als internationale Band die logistischen Herausforderungen einer solchen Tour? Startet ihr alle gemeinsam oder reist jeder von seinem jeweiligen Wohnort an?
Mike Seidel:
Inzwischen sind wir über drei Länder verteilt, die Niederlande, Deutschland und Belgien. Das macht einige Aspekte schwieriger in der Umsetzung. Allerdings muss man dazu auch sagen, dass es erst einmal komplizierter aussieht, als es eigentlich ist. Wir treffen uns ein paar Tage bevor die Tour startet alle in den Niederlanden und verbinden die ganze Logistik mit ein paar Bandproben. Direkt vor einer großen Tour zu proben hat den Vorteil, dass man die neue Setlist ausprobieren, Bühnenelemente und Showeinlagen perfektionieren kann, ohne dass zwischen der letzten Bandprobe und der anstehenden Tour Wochen in das Land ziehen. Alles bleibt frisch!Danach geht es in den Tourbus und quer durch Europa über zahlreiche Bühnen. Die Valhalla Calling Europe Tour mit TYR, Twilight Force und Dragonland wird unsere erste große zusammenhängende Europatour mit fünfundzwanzig Konzerten in fünfzehn Ländern. Ein absoluter Traum wird hierbei in Erfüllung gehen und wir können es kaum noch abwarten in vielen Ländern zu spielen, in denen wir vorher noch nie performt haben. Zusätzlich haben wir unser neues Album “Roede voor de Borst“ im Gepäck. Wir lieben alle unsere Songs, allerdings macht es natürlich am meisten Spaß die neuen Songs live zu performen.
Daniela:
Die Bandmitglieder von Vanaheim stammen aus drei unterschiedlichen Ländern. Gibt es auf Tour kulturelle Unterschiede, die sich im Alltag bemerkbar machen?
Mike Seidel:
Das ist so nicht ganz richtig. Die Mitglieder von Vanaheim stammen aus zwei Ländern. Vier Bandmitglieder sind Niederländerinnen und Niederländer, ich bin der einzige Deutsche dieser Band. Unser Gitarrist Michael ist allerdings vor einigen Jahren nach Belgien gezogen. Daher kommt der Ländersplitt über drei verschiedene Länder. Kulturelle Unterschiede gibt es dabei kaum. Die niederländische und die deutsche Kultur sind sich wirklich sehr ähnlich. Minimale Unterschiede kommen zwar manchmal auf, allerdings bemerkt man diese kaum, weil diese auch einfach einer unterschiedlichen Persönlichkeit zugeordnet werden könnten. Generell habe ich bemerkt, dass die Menschen aus den Niederlanden grundsätzlich wesentlich offener eingestellt sind als wir doch eher verschlossenen Deutschen. Das hilft immens dabei neue Kontakte zu knüpfen oder neue Freunde zu finden. Auch ich konnte davon viel lernen und versuche mir auch nach elf Jahren Bandgeschichte noch die eine oder andere Sache bei den Niederländern abzugucken.
Daniela:
Die Tour führt euch in viele verschiedene Länder. Viele Konzertbesucher werden die niederländischen Texte vermutlich nicht verstehen. Seht ihr darin eine Herausforderung – zum Beispiel in dem Sinne, dass ihr auf der Bühne stärker als Geschichtenerzähler agieren und eure Show so konzipieren müsst, dass die Handlung auch visuell transportiert wird?
Mike Seidel:
Wir haben über die Jahre herausgefunden, dass wir viel besser darin sind unsere Musik mit niederländischen Texten zu verzieren. Die Texte strahlen im Niederländischen viel mehr Wirkung und Emotionen aus. Ein Gegenargument könnte sein, dass Menschen, die des Niederländischen nicht mächtig sind, nicht verstehen von welchen Emotionen oder Gefühlen wir singen. Hier ist allerdings genau das Gegenteil der Fall. Es ist ein Phänomen aufgetreten, bei dem Fans oder auch Leute, die uns vor unserer Show noch nicht kannten, nach der Show zu uns gekommen sind, um sich für die tolle Show zu bedanken. Dabei erzählten sie auch welcher Song welche Gefühle in ihnen erweckt hat. Obwohl sie die Texte nicht direkt verstehen, hatten sie ein Gefühl dafür wovon die Texte und Songs handeln könnten. Zu unserem Erstaunen haben wir festgestellt, dass die Wahrnehmung zur Geschichte des Songs sehr nah an der eigentlichen Story lag. Das ist ein Phänomen, welches ich bis heute nicht ganz begreifen kann. Wie kann jemand, der eine Sprache nicht spricht, trotzdem verstehen worum es in einem Song in dieser Sprache geht? Vielleicht ist es die Musik selbst, die bestimmte Gefühle vermittelt. Vielleicht ist es unser Auftreten oder unsere visuellen Aspekte. Musik ist eine eigene Sprache, welche Sprachbarrieren durchbricht und welche jeder Mensch auf dieser Erde verstehen kann. Einfach faszinierend!
Daniela:
Euer umfangreiches Bühnenbild ist eher für große Bühnen geschaffen. Bei kleineren Shows hat man dafür oft einen direkteren Draht zum Publikum. Spielt ihr lieber vor großem Publikum oder genießt ihr auch die Intimität in kleineren Locations und auf familiäreren Festivals?
Mike Seidel:
Das kann man so generell nicht sagen. Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. Kleinere Shows können anstrengend sein, weil man wenig Platz hat und man sich auf der Bühne oft miteinander arrangieren muss. Wer wechselt zu welchem Zeitpunkt auf welche Bühnenseite? Wo verstauen wir unser Equipment? Welches Bühnensetup können wir heute überhaupt nutzen? Bei großen Festivals oder Konzerten in einer Halle stellen sich diese Fragen auf unserem Level noch nicht, weil hier einfach ganz andere Dimensionen herrschen.Für den Vibe macht es keinen Unterschied, ob vor der Bühne 100 oder 10.000 Leute im Publikum sind. Wenn die Leute sich darüber freuen, dass wir gerade für sie spielen und dabei Emotionen in ihnen ausgelöst werden, ist das eins der größten Komplimente, die man auf der Bühne bekommen kann. Ich liebe das Gefühl, wenn wir vor einem überwiegend fremden Publikum stehen und wir das Publikum für uns gewinnen müssen. Man sieht, wie das Publikum “auftaut“ und nach 2 oder 3 Songs gehen sie dann voll mit. Einfach magisch! Dieses Gefühl bekommt man völlig unabhängig von der Größe des Publikums. Ich persönlich mag es sehr Open Airs oder Festivals an der frischen Luft zu spielen. Das Wetter kann zur Atmosphäre deiner Musik beitragen und das ist ebenfalls etwas ganz Besonderes.
Daniela:
Für mich war es überraschend zu sehen, dass ihr an eurem Merch-Stand Käse verkauft. Wollt ihr damit augenzwinkernd ein Klischee bedienen oder wie kam es zu dieser Idee?
Mike Seidel:
Nun, Klischees wollen wir nicht unbedingt damit bedienen, allerdings tun wir genau das mit dem Verkauf unseres eigenen Käses. Die Idee ist damals aus einem kleinen Ritual entstanden, das wir nach unseren Shows gepflegt haben. Nachdem das Konzert vorbei und das Equipment verstaut ist, setzen wir uns gerne gemeinsam zusammen mit einem guten Stück Käse und einem passenden Getränk. Das ist dann unser sogenannter “Cool-Down“. Andere Bands nehmen sich hier ein Bier oder andere alkoholische Getränke zur Hand und wir machen das eben mit einem Stück Käse. Einfach auch aus dem Grund, dass wir innerhalb unserer Band kaum Alkohol verzehren. Aus diesem Ritual entstand irgendwann die “Schnapsidee“, dass wir unseren eigenen Käse machen sollten. Die Idee ist dann etwas “gereift“ und wir haben den Kontakt zu einer lokalen Käsemanufaktur aufgenommen, die ebenfalls sehr begeistert von der Idee war. Zusammen haben wir dann unseren ersten Käse kreiert, den "Dubbelbier Mosterdplezier" (Bier-Senf-Käse). Zur “Roede voor de Borst“-Releaseshow gab es dann den nächsten Käse als spezielles Merchandise Item. Dieses Mal war es ein Käse mit Wacholdergeschmack. Wir können den Käse leider nicht überall mitbringen, da wir natürlich die Kühlketten einhalten müssen, um die Haltbarkeit des Produkts zu wahren. Deshalb ist und bleibt der Käse eine kleine Spezialität.
Daniela:
Danke, dass ihr euch Zeit für dieses Interview genommen und uns einen Blick hinter die Kulissen von Vanaheim ermöglicht habt – viel Erfolg und unvergessliche Abende auf eurer Europatour!