U96 - Das Boot

U96 - Das Boot

Es ist wieder Wochenende. Also lassen wir den Alltag kurz vor der Tür stehen und nehmen uns Zeit für eine Reise zurück ins Jahr 1992. In eine Zeit, in der Musik auf CDs glänzte, auf Kassetten rauschte und ein Sonargeräusch plötzlich genügte, um eine Tanzfläche in Alarmbereitschaft zu versetzen. 'U96' veröffentlichten damals ihr Debütalbum 'Das Boot' – und lieferten den passenden Sound zu einer Zukunft, die nach Synthesizern, Maschinen und ziemlich wenig Schlaf klang. Was für eine herrlich eigenwillige Idee: Eine Filmmelodie wird zur Techno-Hymne, eine Computerstimme zum Erkennungszeichen, und auf einmal klingt die Hitparade, als hätte jemand im Maschinenraum die Partybeleuchtung eingeschaltet. 34 Jahre später stellt sich die Frage: Trägt diese Begeisterung noch ein ganzes Album?

Hinter 'U96' standen zur Zeit des Debüts der Hamburger DJ und Produzent 'Alex Christensen' sowie das Produzententeam 'Matiz' mit 'Ingo Hauss', 'Hayo Lewerentz' und 'Helmut Hoinkis'. Das war eine Studiokonstellation, bei der Cluberfahrung und elektronische Produktionsarbeit zusammenkamen. Auch der Projektname gehörte zum Konzept: Er bezog sich auf das U-Boot aus dem 1981 erschienenen Film 'Das Boot' von 'Wolfgang Petersen'. Die Verbindung zur Kinowelt lieferte damit gleich eine musikalische Vorlage, einen Namen und eine ganze Geräuschkulisse. Andere Projekte suchen monatelang nach ihrer Identität. Hier meldete sie sich per Sonar.

Der entscheidende Ausgangspunkt war die Titelmelodie von 'Klaus Doldinger'. 'U96' überführten sie bereits 1991 in eine elektronische Dance-Version, die von Januar bis April 1992 dreizehn Wochen lang die deutschen Singlecharts anführte. Techno existierte selbstverständlich schon vorher. Aber dieser Erfolg machte deutlich, wie weit eine Musik mit maschinellem Rhythmus, synthetischer Stimme und vergleichsweise wenig klassischem Gesang inzwischen reichen konnte. Das war Clubmusik mit einem Motiv, das sich unmittelbar einprägte. Man musste weder den Film kennen noch die Funktionsweise eines Sequenzers erklären können, um einen Zugang zu finden.

Für mich liegt die besondere Wirkung dieser Idee im Wechsel der Perspektive. Die Melodie von 'Klaus Doldinger' bringt Spannung, Ernst und die Verbindung zu einer bedrohlichen Filmwelt mit. Der Tanzrhythmus verwandelt diese Spannung in körperlichen Antrieb. Die Dramatik verschwindet dabei nicht; sie bekommt einen anderen Einsatzort. Genau deshalb wirkt das Ergebnis stärker als eine bekannte Melodie, unter die jemand beiläufig eine Bassdrum geschoben hat. Das unruhige, technische Ambiente gehört zur musikalischen Wirkung. Zwischen Gefahrensignal und Tanzaufforderung entsteht eine merkwürdige Euphorie, die den Charakter dieses Debüts prägt.

Das in Deutschland im März 1992 über 'Polydor' veröffentlichte Album erreichte Platz elf der deutschen Albumcharts. Laut einem Bericht von 'Billboard' aus dem Jahr 1993 wurde 'Das Boot' innerhalb eines Monats im Hamburger 'Matiz'-Studio aufgenommen. Für mich passt dazu der Eindruck einer Momentaufnahme: Die Platte greift die markante Welt ihres Ausgangshits auf und erkundet von dort aus unterschiedliche elektronische Richtungen. Ein erstaunlich vielseitiges Ergebnis für eine so kurze Aufnahmezeit. Dabei bewegt sich 'Das Boot' zwischen frühem Techno, House, Rave und atmosphärischer Elektronik. Sonarsignale, Funk- und Unterwassergeräusche stehen neben Synthesizermotiven und Stimmen. Diese kleinen akustischen Szenen geben dem rhythmischen Vorwärtsdrang eine eigene Umgebung: technisch, stellenweise dunkel, aber melodisch zugänglich genug, um auch außerhalb eines Clubs zu funktionieren. Die Musik möchte Bewegung auslösen und gleichzeitig Bilder im Kopf erzeugen.

Die energischeren Passagen beziehen ihren Reiz aus kurzen, scharf umrissenen Synthesizerfiguren und einem hartnäckigen Puls. Gerade diese kantige Direktheit gefällt mir. Die einzelnen Bestandteile behalten ihre Konturen: Beat, Bass, Stimme, Effekt. Das klingt mitunter schroff, hat aber eine Präsenz, die sich nicht allein über Lautstärke erklären lässt. Die markante Computerstimme verstärkt diesen Eindruck. Ihre steife Aussprache und der Wechsel zwischen deutschen und englischen Fragmenten geben der Musik etwas eigentümlich Unmenschliches und zugleich Unterhaltsames. Heute hat künstliche Sprache keinen Neuigkeitswert mehr. Hier funktioniert sie trotzdem als Figur: kühl, bestimmt und vollkommen frei von dem Bedürfnis, sympathisch zu wirken. Als hätte die Bordelektronik beschlossen, den DJ zu vertreten. Ihre soziale Kompetenz ist überschaubar, ihr Wiedererkennungswert ausgezeichnet.

Hinter dieser Technikbegeisterung stehen jedoch auch ältere musikalische Bezugspunkte. Besonders deutlich wird das an 'I Wanna Be A Kennedy', für das 'U96' auf das 1980 veröffentlichte 'Fade To Grey' von 'Visage' zurückgriffen. Elektronischer Pop der Achtziger wurde hier in einen neuen rhythmischen Zusammenhang gestellt. Das erklärt einen Teil der melodischen Zugänglichkeit: Die Platte verbindet den Wunsch nach einem damals aktuellen Clubsound mit einem Gespür für Motive, die bereits eine eigene Stimmung mitbringen. Die Zukunft hatte also durchaus eine Plattensammlung. Die ruhigeren Abschnitte öffnen dazu einen anderen Raum. Der körperliche Antrieb rückt zurück, weichere Flächen und sparsame melodische Figuren werden wichtiger. Diese Seite wirkt auf mich eher verträumt und geheimnisvoll als behaglich. Sie bewahrt die kühle Umgebung, nimmt ihr aber die unmittelbare Alarmbereitschaft. Gerade das macht sie interessant: Die Musik wird gelassener, ohne ihre Identität abzulegen.

Ganz gleichmäßig gelingt der Wechsel allerdings nicht. Die gesprochenen Passagen und stärker ausgestellten Gesangseinwürfe bringen eine demonstrative Unterhaltungsgeste ins Spiel, die für meinen Geschmack weniger gut zur geheimnisvollen Grundstimmung passt. Ihre Wirkung zielt unmittelbar nach vorn, während die reizvolleren Instrumentalpassagen Raum für eigene Assoziationen lassen. Dieser Wechsel kann beleben, wirkt aber stellenweise wie ein Bruch zwischen zwei musikalischen Haltungen. Auch bei den Wiederholungen entscheidet die Entwicklung im Hintergrund: Bleiben Rhythmus und melodische Figur über längere Strecken ähnlich, verliert ein wiederkehrendes Sprachfragment seinen Überraschungseffekt. An solchen Stellen wünsche ich mir eine stärkere Veränderung des Arrangements, statt erneut denselben Effekt als Höhepunkt serviert zu bekommen.

Die reguläre Titelfassung am Anfang und die kurze 'Klassik Version' am Ende geben dem Album einen passenden Rahmen. Dazwischen steckt mehr Vielfalt, als der Ruf des berühmten Hits vermuten lässt. Für mich entsteht dennoch keine vollkommen geschlossene Reise: Die Übergänge zwischen kühler Geräuschwelt, verträumter Elektronik und offensiver Dance-Unterhaltung wirken nicht immer schlüssig. Das Debüt besitzt einen starken Charakter, aber nicht durchgehend eine ebenso starke Dramaturgie Mein zusätzlicher Anspieltipp neben dem unvermeidlichen Titelstück ist deshalb 'Art Of U96'. Die klavierartigen Töne und die ruhigere, geheimnisvolle Synthesizerstimmung zeigen besonders gut, dass diese Platte auch abseits ihrer offensiven Tanzflächenmomente etwas zu bieten hat. Die Nähe zur atmosphärischen Elektronik von 'Art Of Noise' ist dabei eine passende klangliche Assoziation. Wer 'U96' vor allem mit Computeransagen und vorwärtsdrängenden Beats verbindet, bekommt hier einen guten Anlass, das Bild zu erweitern.

Heute begeistert mich an 'Das Boot' vor allem das Zusammentreffen von melodischem Gespür, technischer Eigenart und einer ziemlich unbefangenen Lust auf Wirkung. Man hört dieser Platte ihre Zeit an. Manche Stimmen und Effekte wirken inzwischen überdeutlich, manche Ideen werden länger wiederholt, als es ihnen guttut. Aber zwischen diesen Grenzen steckt genug Atmosphäre und musikalische Neugier, um den Rückblick zu belohnen. Fans früher Dance-Elektronik, melodischer Synthesizer und der Übergänge zwischen Achtziger-Pop und Neunziger-Rave sollten hier wieder einsteigen. Ein makelloses Album ist 'Das Boot' für mich nicht. Ein Debüt mit unverwechselbarer Persönlichkeit sehr wohl – und für ein Wochenende, an dem die Vergangenheit ruhig ein bisschen lauter werden darf, ist das eine ausgezeichnete Eigenschaft.

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