Alte Songs neu aufzunehmen, ist ein bisschen wie ein Klassentreffen: Man erkennt alle wieder, aber irgendetwas hat sich doch etwas verändert – und irgendjemand behauptet garantiert, früher sei alles besser gewesen. 'The Cassandra Complex' stellen sich dieser Diskussion auf diesem Release ganz freiwillig. Schon seit den Achtzigern lassen sie Elektronik, Post-Punk und Industrial Rock aufeinanderprallen; auf 'Generating Station Complex' spielen sie nun einige prägende Stücke ihrer eigenen Geschichte neu ein. Die Frage ist hier nur: Bekommen die Klassiker ein zweites Leben, oder vermisst man am Ende ausgerechnet die Kratzer?
Im Mittelpunkt der Band steht bis heute 'Rodney Orpheus', dessen Stimme selbst dann eine gewisse Angriffslust behält, wenn ein Song gerade einen melancholischen Umweg nimmt. Für dieses Album hat er mit 'Paul Dillon' und 'Andy Booth' sowie 'Volker Zacharias' am Bass Stücke aus den frühen Jahren der Band neu eingespielt. 'Generating Station Complex' erschien am 4. September 2026 digital; CD und Vinyl sind für den 30. Oktober angekündigt. Ganz neu ist die Idee für die Band nicht: Bereits 2024 nahm sie das frühere Album 'Sex & Death' als 'Death & Sex' noch einmal auf. Diesmal greift sie auf Songs aus mehreren Veröffentlichungen der Achtziger und frühen Neunziger zurück. Hier steht also nicht ein einziges altes Album erneut im Aufnahmeraum, sondern ein prägender Abschnitt der Bandgeschichte verlangt seinen Platz am Mischpult.
Gerade die stilistische Spannweite dieser frühen Stücke macht das Projekt interessant: 'The Cassandra Complex' hatten nie nur einen Sound. Mal trieben Schlagzeugmaschinen und Synthesizer die Musik voran, mal drängten die Gitarren mit der Höflichkeit eines unangemeldeten Abrisskommandos dazwischen. Die neuen Aufnahmen versuchen, beides zusammenzubringen. Elektronische Strukturen treten deutlicher hervor, während die Gitarren ihre Schärfe behalten, aber nicht jeden Raum für sich beanspruchen. Darüber liegt der Gesang von 'Rodney Orpheus', dessen trockene, manchmal fast trotzige Art den Liedern weiterhin eine unverwechselbare Persönlichkeit gibt.
Für mich steht und fällt ein solches Projekt damit, ob die Band ihren alten Songs noch etwas hinzuzufügen hat. Eine sauberere Aufnahme allein wäre ein ziemlich dünner Anlass für das Wiedersehen. Bei 'Moscow Idaho' fühle ich die Elektronik stärker im Vordergrund, die nervöse Energie bleibt aber erhalten. 'Nightfall' wirkt durch die neue Gewichtung weniger kühl und abweisend. Am deutlichsten spüre ich den Eingriff bei 'March': Die einst beinahe schmerzhaft lärmenden Gitarren treten zurück, die Konturen des Stücks werden klarer. Dabei werden Details hörbar, die im Lärm des Originals leicht untergehen. Ganz ohne Verlust ist diese Klarheit allerdings nicht: Die alte Wildheit rückt in den Hintergrund.
Die Originale sind schließlich keine fehlerhaften Entwürfe, die jahrzehntelang auf eine bessere Aufnahme gewartet hätten. Übersteuerung und Unruhe gehörten zu ihrer Wirkung. Wer diese Kanten abrundet, muss an anderer Stelle etwas gewinnen. Bei 'March' ist der Gewinn für mich hörbar, auch wenn ich die ursprüngliche Wucht nicht missen möchte. Genau deshalb lohnt sich der direkte Vergleich mit den alten Fassungen. Die Auswahl bringt Stücke aus unterschiedlichen Jahren zusammen und macht damit auch die Bandgeschichte greifbar: Elektronik, Gitarren und dunkle Clubmusik waren bei 'The Cassandra Complex' schon früh eng miteinander verbunden. Und sie haben mehr zu bieten als Klang und Druck. Hinter dem trockenen Vortrag von 'Rodney Orpheus' wechseln sich Spott, Unbehagen und erstaunlich verletzliche Momente ab. In 'One Millionth Happy Customer' steht der freundliche Werbeton des Titels einer Liebe gegenüber, bei der selbst Nähe gefährlich erscheint. Solche Gegensätze erklären besser als jedes Genre-Etikett, warum die Band zugleich auf die Tanzfläche drängt und dort Streit anfängt. Für ein museales Selbstporträt ist das erfreulich schlechtes Benehmen.
Mein Anspieltipp ist demnach auch 'March': Wer die Band noch nicht kennt, kann mit der neuen Fassung beginnen und anschließend zum Original zurückgehen. Fans bekommen dabei reichlich Stoff für eine Diskussion darüber, wie viel Krach ein guter Song eigentlich braucht. Ein kleiner Hinweis für Sammler: Die digitale Ausgabe enthält auch '(In Search Of) Penny Century', das meiner Recherche nach auf der neun Stücke umfassenden Vinylfassung fehlt. 'Generating Station Complex' richtet sich damit an Hörerinnen und Hörer zwischen Post-Punk, Electro, Industrial Rock und düsterer Clubmusik, besonders aber an Menschen, die Klassiker nicht für unantastbar halten. Die Klassiker bekommen hier ein zweites Leben, allerdings nicht alle im gleichen Maß. 'Moscow Idaho' behält seinen Kern, während die stärkere Elektronik neue Akzente setzt. 'Nightfall' verändert seine Wirkung deutlicher; 'March' wagt den größten Eingriff und zeigt zugleich dessen Preis. Gerade weil die neuen Fassungen ihre Vorbilder nicht durchweg übertreffen, macht der Vergleich ziemlich Spaß. Für mich überzeugt das Album als lebendige Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Beim Klassentreffen muss schließlich niemand wieder in die Jeans von 1986 passen. Aber etwas zu erzählen sollte man schon haben.
Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).