Also mit dreißig darf ein Album wirklich langsam mal auf seine Verdienste pochen. Es bekommt dann eine Jubiläumsausgabe, ein hübsches Aufkleberchen und einen Ehrenplatz zwischen anderen Platten, die angeblich sowieso alles besser konnten. 'Stabbing Westward' haben für ihren Klassiker allerdings einen ganz anderen Plan: raus aus der Vitrine, zurück ins Studio. Die US-Industrial-Rocker um 'Christopher Hall' und 'Walter Flakus' haben 'Wither Blister Burn & Peel' von 1996 zum dreißigjährigen Jubiläum vollständig neu aufgenommen. Das Album, das ihnen damals ihre erste Goldauszeichnung in den USA bescherte, heißt in seiner heutigen Gestalt dann aber 'Wither Rewired'. Andere organisieren zum runden Geburtstag ein Buffet. Hier wird erst einmal alles neu verkabelt.
Das am 10. September 2026 über COP International erschienene Release enthält neu eingespielte und überarbeitete Fassungen der damaligen Songs, zudem wurde ihre Reihenfolge verändert. An der Umsetzung wirken neben 'Christopher Hall' und 'Walter Flakus' auch 'Carlton Bost' an Gitarre und Bass sowie 'Bobby Amaro' am Schlagzeug mit. In der DAC-Albumliste für KW 41/2026 steht das Ergebnis dann auch gleich mal auf Platz zwei.
Ich muss allerdings ein kleines Loch in meiner musikalischen Allgemeinbildung einräumen: Das Original kannte ich bislang nicht wirklich. Einen belastbaren Vergleich kann ich deshalb nicht liefern. Mein Urteil bezieht sich auf das aktuelle Release, und die Songs müssen mich somit ohne nostalgische Starthilfe überzeugen. Sie haben also dieselben Chancen wie jedes andere Album, das auf meinem Rezensionstisch landet. Und diese Chancen nutzen sie. Mich überzeugt vor allem, wie kräftig und zeitgemäß 'Wither Rewired' klingt. Synthesizer und programmierte Rhythmen prägen die Musik, die Gitarren geben ihr zusätzlich Gewicht. Die Beats treiben an, die Riffs setzen markante Akzente, und beides greift angenehm selbstverständlich ineinander. Genau diese Verbindung gefällt mir: Die elektronische Präzision hält die Stücke in Bewegung, während die Gitarren ordentlich zupacken. Das hat Druck, bleibt gut nachvollziehbar und macht unmittelbar Lust, sich auf die Musik einzulassen. Für meinen Geschmack eine sehr gelungene Balance.
Stilistisch treffen hier Industrial Rock und elektronisch geprägter Alternative Rock aufeinander. Die Keyboards schaffen eine dunkle, stellenweise mechanische Atmosphäre; Der Gesang und Melodien geben den Songs ihre emotionale Kontur. Textlich geht es meinem Verständnis nach unter anderem um Schmerz, Konflikte und Verletzlichkeit. Das passt zur Schwere der Musik, die zugleich erstaunlich beweglich bleibt. Besonders reizvoll finde ich, dass sich diese dunkle Stimmung so gut mit dem rhythmischen Vorwärtsdrang verträgt. Hier darf man seine schlechte Laune mitbringen. Sie sollte allerdings damit rechnen, zum Tanzen aufgefordert zu werden.
Überhaupt ist er Groove für mich ein wesentlicher Grund, warum das Album funktioniert. Diese Verbindung aus elektronischem Puls und rockiger Wucht trifft einen Nerv: Die Rhythmen laden zum Mitgehen ein, während die Gitarren genug Nachdruck beisteuern. Ich kann mir die Songs sehr gut in einem Club vorstellen, in dem Synthesizer und schwere Riffs gleichermaßen willkommen sind. Als Einstieg empfehle ich 'Slipping Away', weil seine programmierte Rhythmik und sein ausgeprägter Groove die bewegliche Seite des Releases besonders gut vermitteln. Wer daran Gefallen findet, bekommt eine gute Vorstellung davon, was mich an diesem Album packt. Dabei ist die klare, moderne Produktion eine Geschmacksfrage. Wer eine Vorliebe für raue, unübersichtliche Klangwelten hat, könnte sich hier mehr Widerhaken wünschen. Mir hingegen kommt die Zugänglichkeit zugute: Ich mag, dass die Songs kräftig zupacken und ihre musikalische Idee direkt vermitteln. Das Album bietet einen gut greifbaren Zugang zu dieser Verbindung aus Rock und Elektronik.
Für mich ist 'Wither Rewired' ein wirklich überzeugendes Release. Die deutlich präsente Elektronik, der kräftige Sound und die Tanzbarkeit sind meiner Meinung nach seine großen Stärken, weil sie eben gemeinsam für Energie sorgen und die dunkle Atmosphäre in Bewegung halten. Besonders empfehlen würde ich das Album Hörern, die bei schweren Gitarren ebenso aufhorchen wie bei Synthesizern und treibenden Beats. 'Stabbing Westward' haben mich damit auch ohne persönliche Verbindung zum Original erreicht. Der musikalische Geburtstag ist also absolut gelungen. Und das Buffet kann erstmal warten – auf der Tanzfläche isst es sich ohnehin ganz schlecht.
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