Was jetzt folgt, ist das genaue Gegenstück zu beinhartem EBM, melancholischer Düsternis oder synthetisch erzeugter Klaustrophobie. Zusätzlich ist dieser Mini-Einleitung noch beizufügen, dass es sich bei dem „übergeschnappten Jungen“ um ein Solo-Projekt eines Herren namens Jurgen Desmet handelt. Und nicht um die alternativ rockende Band gleichen Band-Namens. Der hier agierende Sickboy hat mit handgepleckten Gitarren nämlich ungefähr soviel zu tun hat, wie ein alter Dolly Buster-Film mit Jim Knopf von der Augsburger Puppenkiste. Denn es wird sich nicht an der Langaxt mit sechs Saiten, sondern eher am Sampler und einigen anderen elektronischen Klangerzeugern vergangen. Der hier im Fokus stehende Sickboy tut dies so extrem, dass er sich sein Gesäß richtig gehend - bzw. sitzend - platt samplet. Nichts, das ihm kurz vor der bevorstehenden Digitalisierung noch heilig scheint. Sprach-Samples aus Filmen, Nachrichten und bekannten Hits anderer (Hand-)musizierender Künstler-Kollegen werden schamlos gefleddert. (Ob er sich vor seinen „Schandtaten“ wohl noch die nötigen Rechte im Angesicht des bereits wartenden musikalischen Fleischwolfes eingeholt hat…?) Auch rhythmisch entgeht nichts der schreddernden Verwurstung. Vertrackte Breakbeats, housige Shuffle-Rhythmen und Technoides trifft man auf „Time to play“ an. Letzt genannte Einflüsse - wenn wir es jetzt mal ein wenig wohlwollend ausdrücken wollen – sind dabei z.B. gar nicht allzu weit von ganz alten Prodigy-Soundlandschaften entfernt. Erinnernd an die Zeiten, als die wilden Briten noch nicht dem harten Electro-Punk samt dem dazugehörigen Outfit frönten und noch ganz „Ruff in the Jungle“ waren. Selbst Drum n Bass-Patterns („Doofemilius“) werden aus der noch jungen Musik-Gruft ans Tageslicht geholt und Jurgen Desmet manipuliert sie für die Fundamentierung eines Unterbaus, der dann kurze Zeit später mittels 90er Jahre Tekkno-Sequenzen aufgestockt wird. Auch Freunde des Gabbas („Spartan Gabba“) werden mit ca. 170 BPM wohlwollend bedacht. Was nicht passt, wird halt brutalst möglich passend gemacht. Ungefähr so, wie einst wir versierten kulinarischen Sextaner fast schon gewaltsam ein Snickers auf dem Pausenhof zwischen zwei Brötchenhälften gedrückt, zerquetscht und anschließend vertilgt haben. Mr. Sickboy hingegen verquickt beim vorliegenden Musik-Mahl in ähnlicher Weise vermeintlich Nicht-Harmonierendes zu einem teils unsäglich im Electro-Mixer durchgequirlten Gesamt-Gericht. Kommt es in seiner Höllen-Küche noch doller, dann fließt darüber hinaus noch Tabasco über Schokolade und es kommt als prickelnder Nachtisch auch schon mal Senf auf den Brocolli-Pudding. Lecker schmeckt! Manchmal passt es halt. Manchmal aber auch nicht. Auf diese Weise kann sich das mutig-juvenil zusammengestellte Musik-Potpourri aber auch schon mal rasch als völliger Rohrkrepierer bzw. als gänzlich ungenießbar erweisen. Und ist auf diese Weise zum Nachkochen absolut nicht zu empfehlen. Also: Dont try this in your own kitchen! Liebhaber von durchstrukturierten Songs, oder gar von echten Refrains mit Gesang sowie alle Anhänger der im ersten Absatz genannten Klänge sollten diesen Silber-Flachling meiden wie ein Vampir den Knoblauch und der Musi-Deivel das Weihwasser. Was wiederum nicht heißen soll, dass das Ganze - vor allem laut aufgedreht - beizeiten nicht richtig Spaß machen kann. Denn witzig ist es allemal, wenn urplötzlich ein originales, nur leicht effekt-beladenes Blink 182-Refrain-Sample durch`s wilde Sample-Kurdistan reitet. Auch wenn es zwar überhaupt keine tragende Rolle im wüsten „Arrangement“ innehat, aber dafür das Gesamt-Szenario nur umso abgedrehter und unüberschaubarer macht. Krassomat! Dabei geht der langhaarige, offensichtlich überaus gut gelaunte Voll-Elektronikant, der an mit Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine musikalische Ausbildung für seine Kreationen zu genießen brauchte, so höchstgradig fucked-up zu Werke, dass seine Audio-Eruptionen vor allem etwas für die Party nach drei Uhr morgens sind. Dann, wenn die Stimmung schon so dermaßen ausgelassen ist, dass man eh nicht mehr auf seinen guten Ruf zu achten hat und sich die ersten Zungen schon derart „unheilbar“ und alkohol-getränkt verknotet haben, dass quasi eh alles egal ist, was sozial eigentlich völlig illegal ist. Auch das Automobil mit CD-Player auf dem Weg zur sprichwörtlich heißen Grill-Party könnte ich mir als geeignetes Habitat für des Electro-Sickos Werk, das mittlerweile schon gut ein Dreiviertel-Releasejahr auf dem Buckel hat, vorstellen. Mehr als drei leicht gummierte Punkte können aber trotzdem nicht vergeben werden.