Wer 'Reinhard Lakomy' ausschließlich mit 'Der Traumzauberbaum' verbindet, kennt nur einen Flügel seines erstaunlich weitläufigen musikalischen Hauses. In der DDR gehörte er neben den 'Puhdys' zu den Künstlern mit den meisten offiziellen Veröffentlichungen. An musikalischen Zimmern herrschte also ebenfalls kein Mangel. Hinter einer der weniger bekannten Türen standen Synthesizer, Klangmaschinen und allerlei elektronische Gerätschaften. Dort entstand schon im Jahr 1991 'Aër' – das vierte Elektronikalbum des 2013 verstorbenen Komponisten und eines jener Werke, die in der turbulenten Nachwendezeit beinahe geräuschlos aus dem Blickfeld verschwanden. Im Jahr, in dem 'Lakomy' 80 Jahre alt geworden wäre, ist das Album nun über 'Lacky Musik' erneut auf CD und erstmals überhaupt auf Vinyl erschienen.
Möglich wurde die Wiederveröffentlichung, weil 'Monika Ehrhardt-Lakomy' die ursprünglichen Masterbänder aufbewahrt hatte. Dazu kommt ein vollständig neues Cover, dessen gemäldeartiger Eindruck nicht etwa das Ergebnis eines besonders ehrgeizigen Grafikfilters ist: Das Motiv wurde tatsächlich von der Künstlerin 'Anja Spindler' gemalt. So bekommt ein lange schwer erhältliches Album endlich eine angemessene zweite Bühne.
Die elf instrumentalen Kompositionen bewegen sich zwischen Ambient, klassischer Musik, Jazz und elektronischer Klangmalerei. 'Lakomy' verstand seine Arbeit dabei weniger als fest umrissene elektronische Musik, sondern als Musik, die ohne Berührungsängste orchestrale und elektronische Mittel mit allem verbindet, was klanglich gerade möglich erschien. Entsprechend entstehen keine endlosen Sequenzerautobahnen nach dem Vorbild der Berliner Schule, sondern kleine akustische Landschaften: ruhig, detailreich, gelegentlich verspielt und von einer eigentümlich organischen Wärme durchzogen. Selbst die zu hörenden Grillen sind kein Effekt aus der Konserve, sondern wurden tatsächlich auf Elba aufgenommen – Feldarbeit statt Insekten-Plug-in.
Für mich liegt die eigentliche Stärke von 'Aër' darin, dass die Elektronik nie nach technischer Vorführung klingt, sondern fast immer Bilder und Stimmungen erzeugt. Flächige Synthesizer, orchestrale Farben, jazzige Beweglichkeit und mediterrane Eindrücke greifen erstaunlich selbstverständlich ineinander. Natürlich hört man einigen Klangfarben ihr Entstehungsjahr an. Manche Sounds tragen ihre frühe Neunzigerjahre-Garderobe mit sichtbarem Stolz und benötigen heute vermutlich keinen Retro-TÜV mehr. Über die rund 56 Minuten hält zudem nicht jede Passage dieselbe Spannung; gelegentlich entschwebt die Musik etwas zu bereitwillig in Richtung angenehmer Hintergrundbeschallung. Das schmälert den Gesamteindruck, zerstört ihn aber nicht.
'Aër' ist deshalb weit mehr als ein nostalgischer Nachschlag für DDR-Sammler. Die Neuauflage erinnert daran, mit welcher Experimentierfreude elektronische Musik im Osten entwickelt wurde. Freunde historischer Elektronik, atmosphärischer Instrumentalmusik und geduldiger Klangreisen sollten unbedingt hineinhören. Wer dagegen harte Beats, schnelle Höhepunkte oder moderne Bassgewitter erwartet, dürfte sich in dieser Luft etwas verloren fühlen. Als Anspieltipp bietet sich 'Stille Mit Italienischen Gedanken' an – ein besonders schöner Einstieg in die schwebende und bildhafte Welt von 'Aër'.
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