Wenn hier plötzlich ein Review zu 'Poppy' auftaucht, darf man sich ruhig kurz wundern. Zwischen EBM, Industrial und düsteren Elektronik-Exzessen wirkt das zunächst wie ein kleiner Stilbruch – oder zumindest wie ein Ausflug in fremdes Terrain. Aber genau solche Reibungen sind oft die spannendsten. Denn 'Poppy' ist längst mehr als nur ein schräges Pop-Phänomen. In den letzten Jahren hat sie sich konsequent in Richtung härterer, kantigerer Sounds bewegt und dabei immer wieder mit Industrial-Einflüssen, metallischer Wucht und elektronischer Kälte gespielt – ohne ihre Pop-Wurzeln komplett zu kappen. Mit 'Empty Hands', ihrem aktuellen Release über 'Sumerian Records', landet sie genau in diesem Zwischenraum. Und genau dieser Zwischenraum ist es, der das Album plötzlich auch für all jene interessant macht, die sonst eher bei Maschinenrhythmen als bei Chartmelodien zuhause sind – also genau da, wo man sich sonst freiwillig Ohrstöpsel statt Pop-Refrains einlegt.
'Poppy' macht nämlich keine Musik für Menschen, die gern wissen, was sie erwartet. Sie macht Musik für Menschen, die sich freiwillig in einen Raum setzen, in dem es nach fünf Minuten anfängt zu flackern – und dann hoffen, dass es schlimmer wird. 'Empty Hands' liefert genau das: ein Album, das sich anfühlt, als hätte jemand Pop, Metal und industriell angehauchte Elektronik in einen Hochleistungsmixer geworfen und anschließend vergessen, den Deckel draufzuschrauben. Und ja – das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint. Und auch ein bisschen wie die musikalische Version von „Das hätte nicht passieren dürfen – aber jetzt läuft es halt.“ Schon seit Jahren bewegt sich 'Poppy' irgendwo zwischen kalkulierter Kunstfigur und kontrolliertem Wahnsinn. Was bei anderen wie ein Imageproblem wirken würde, ist bei ihr längst das Konzept. 'Empty Hands' treibt dieses Spiel weiter – und wirkt dabei wie ein Werk, das genau weiß, wie es funktioniert, aber trotzdem so tut, als würde es sich jeden Moment selbst zerlegen. Dieses Spannungsfeld ist kein Zufall. Es ist der Motor.
Musikalisch ist das Album meiner Meinung nach ein einziger Drahtseilakt zwischen Kontrolle und Eskalation. Massive Gitarren treffen auf kalte, fast klinische Elektronik, darüber schwebt diese unverwechselbare Stimme, die gleichzeitig distanziert und seltsam einnehmend wirkt. Es klingt, als würde ein perfekt gestaltetes System langsam anfangen zu glitch-en – erst elegant, dann irritierend, dann unübersehbar kaputt. Und genau in diesem Moment wird es richtig gut – so gut, dass man fast vergisst, dass man das Ganze eigentlich noch vor ein paar Jahren vorschnell in die „Pop“-Schublade einsortiert hätte. Was 'Empty Hands' für mich besonders macht: Es ist kein stumpfer Hybrid, kein „Wir nehmen jetzt einfach alles mit“. Es ist ein bewusst gebauter Kontrollverlust. Die Musik wirkt nicht wie eine lose Sammlung von Genre-Versuchen, sondern wie ein System, das absichtlich instabil gehalten wird. Das Album zieht an, lässt los, baut Spannung auf und bricht sie wieder – und genau dieses Spiel hält einen permanent bei der Stange. Das ist nicht einfach nur abwechslungsreich. Das ist dramaturgisch ziemlich clever. Oder anders gesagt: Hier weiß jemand sehr genau, wann man dich festhält – und wann man dich einfach mal kurz fallen lässt.
Nun, dieses Album klingt, als hätte jemand versucht, einen Hit zu schreiben – und sich dann entschieden, ihn im letzten Moment absichtlich gegen die Wand zu fahren. Natürlich ist 'Empty Hands' nicht unantastbar. Immer dann, weNun, nn sich 'Poppy' zu nah an bekannten Alternative-Metal- oder Metalcore-Strukturen bewegt, verliert das Ganze ein Stück seiner Unberechenbarkeit. Dann klingt es plötzlich weniger nach Ausnahmezustand und mehr nach „sehr gut gemachter Gegenwart“. Das ist handwerklich stark – aber eben auch der Moment, in dem man kurz merkt: Ah, so klingt es, wenn Chaos geschniegelt wird. Sauber, druckvoll, effektiv – und ein kleines bisschen zu geschniegelt für das, was es eigentlich sein will. Und genau hier liegt der einzige echte Kritikpunkt: 'Poppy' ist dann am besten, wenn sie sich nicht an Regeln hält. Sobald sie anfängt, sie nur noch elegant zu benutzen, wird aus Faszination kurzzeitig Routine. Nicht schlimm – aber spürbar. 'Poppy' ist am spannendsten, wenn sie wirkt, als hätte sie die Kontrolle verloren – und am schwächsten, wenn sie zeigt, dass sie sie die ganze Zeit hatte. Trotzdem: Die Wandlungsfähigkeit dieses Albums ist beeindruckend. 'Empty Hands' wirkt wie das Werk einer Künstlerin, die genau weiß, wie weit sie gehen kann – und sich trotzdem entscheidet, noch einen Schritt weiter zu gehen. Es ist unbequem genug, um interessant zu bleiben, zugänglich genug, um nicht im reinen Experiment zu verschwinden, und clever genug, um sich nicht selbst im Chaos zu verlieren. Und vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Albums: Es will nicht gefallen. Es will funktionieren – auf seine ganz eigene, leicht kaputte Art.
'Empty Hands' ist aus meiner Perspketive gesehen ein mutiges, clever konstruiertes und über weite Strecken elektrisierendes Album von 'Poppy', das ihre Rolle als Grenzgängerin eindrucksvoll bestätigt. Passend ist dieses Release für alle, die Musik mögen, die gleichzeitig glänzt, beißt und gelegentlich so tut, als hätte sie einen kleinen Systemfehler eingebaut – für Fans von Alternative Metal, elektronischer Härte und industriell geprägten Klangästhetiken.
Poppy - Empty Hands
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