Phosgore – Priority Targets

Phosgore – Priority Targets

Best-of-Alben hatten früher eine ziemlich eindeutige Aufgabe: Sie bündelten die bekanntesten Stücke einer Band, schlossen eine Schaffensphase ab und boten Neulingen einen kompakten Einstieg. Im Streaming-Zeitalter wirkt dieses Konzept zunächst weniger zwingend. Diskografien stehen nahezu vollständig bereit, Playlists lassen sich in wenigen Minuten zusammenstellen und die meistgehörten Titel werden von den Plattformen ohnehin an prominenter Stelle angezeigt. Umso interessanter ist es, wenn ein Projekt wie Phosgore dennoch eine sorgfältig kuratierte Rückschau als eigenständiges Album veröffentlicht. „Priority Targets“ ist keine beliebige Ansammlung gut funktionierender Clubtracks, sondern ein bewusst gesetzter Querschnitt durch eine Geschichte, die 2008 begann und nach einer langen Veröffentlichungspause wieder deutlich an Fahrt aufgenommen hat.

Das am 26. Juni 2026 über ProNoize, ein Label der deutschen Dark Dimensions Label Group, erschienene Album umfasst vierzehn Stücke aus den Jahren 2009 bis 2026. Die Auswahl greift auf die drei bisherigen Studioalben „Domination“ von 2009, „Warhead“ von 2011 und „Pestbringer“ von 2015 zurück. Hinzu kommen die jüngeren Veröffentlichungen „Slaves to the Bassline“ und „Noise Cannon“, mit denen Phosgore nach rund zehn Jahren ohne neues Studiomaterial zurückkehrten. „Priority Targets“ ist digital und als limitierte Digipak-CD erhältlich. Gerade in der schwarzen Szene besitzt eine solche physische Ausgabe weiterhin einen besonderen Stellenwert. Artwork, Gestaltung und das bewusste Sammeln von Tonträgern gehören dort noch immer zum Musikerlebnis und verleihen einer Werkschau mehr Gewicht als einer rasch zusammengestellten Streaming-Playlist.

Phosgore wurde 2008 von Flo D. gegründet, nachdem er zuvor etwa zehn Jahre als DJ im Umfeld von Electro, EBM und Industrial gearbeitet hatte. Bereits diese Vorgeschichte erklärt einen wesentlichen Teil der musikalischen Ausrichtung. Hier komponiert niemand aus sicherer Entfernung für einen theoretischen Club. Die Stücke sind erkennbar aus dem Wissen heraus gebaut, wie eine Tanzfläche reagiert, wann ein Beat körperlich greift und wie lange eine rhythmische Idee tragen kann. Nach der zunächst selbst veröffentlichten Promo-CD „Club Domination“ folgte die Zusammenarbeit mit ProNoize. Das Debüt „Domination“ erschien 2009 und legte den Grundstein für jenen kompromisslos technoiden Electro-Industrial-Sound, mit dem sich Phosgore einen festen Platz in der Szene erarbeiteten.

Seit 2010 ist Phosgore jedoch kein Soloprojekt mehr. In diesem Jahr kam Sonja hinzu, und aus der ursprünglichen Idee wurde ein Duo. Dieser Punkt ist für die Betrachtung von „Priority Targets“ wichtig, weil der weitaus größte Teil des versammelten Materials aus der gemeinsamen Phase stammt. Das offizielle Labelmaterial zu „Pestbringer“ bezeichnet Flo und Sonja ausdrücklich als die kreativen Köpfe hinter Phosgore. Genau so sollte das Projekt auch wahrgenommen werden: nicht nur als musikalische Handschrift eines Gründers, sondern als über Jahre gewachsene Zusammenarbeit zweier Menschen, die eine sehr klare Vorstellung davon entwickelt haben, wie Phosgore klingen und wirken soll. Über eine genaue interne Aufgabenverteilung geben die offiziellen Quellen keine belastbare Auskunft. Deshalb wäre es unseriös, Sonja oder Flo bestimmte Produktions-, Bühnen- oder Kompositionsrollen zuzuschreiben. Sicher ist hingegen, dass beide gemeinsam die Identität des Projekts prägen.

Beim Hören von „Priority Targets“ fällt mir vor allem auf, wie geschlossen diese Musik über einen Zeitraum von siebzehn Jahren wirkt. Natürlich sind Unterschiede in Produktion, Klangbreite und Detailgrad wahrnehmbar. Dennoch entsteht nie der Eindruck, verschiedene Projekte oder unvereinbare Entwicklungsstufen würden nebeneinanderstehen. Flo und Sonja haben die musikalische Grundidee von Phosgore nicht durch modische Richtungswechsel ersetzt, sondern über Jahre hinweg verdichtet. Das kann man als begrenzten stilistischen Radius betrachten. Man kann es aber ebenso als bemerkenswerte Konsequenz würdigen. Nach mehreren Durchläufen neige ich klar zur zweiten Sichtweise. Diese Zusammenstellung zeigt kein Duo auf der Suche nach einer Identität, sondern eines, das genau weiß, welche Wirkung es erzielen will.

Der Auftakt mit „Aggression Incarnate“ macht daraus kein Geheimnis. Schon der Titel benennt eine zentrale Eigenschaft des Albums, doch die Aggression bleibt kontrolliert. Die Musik rast nicht ziellos los, sondern arbeitet mit präzise gesetzten Schlägen, klaren Wiederholungen und einem Bassfundament, das den Raum förmlich besetzt. „Pain Tutorial“ aus dem Debütalbum folgt als knapper, direkter Angriff. Beide Stücke eignen sich gut, um eine wesentliche Qualität von Phosgore zu beschreiben: Die Produktionen klingen hart, schmutzig und bedrohlich, sind in ihrem Aufbau aber erstaunlich diszipliniert. Hinter der martialischen Oberfläche steckt eine ausgeprägte Ordnung. Jeder Impuls hat seinen Platz, jedes Sample erfüllt eine Funktion und selbst die Verzerrung dient nicht bloß dazu, alles möglichst laut erscheinen zu lassen.

Mit „20 Ways to Kill Someone“ erreicht die Zusammenstellung einen der markantesten Titel aus der „Warhead“-Phase. Der drastische Name gehört zu jener überzeichneten Bildwelt aus Gewalt, Technik, Horror und militärischer Bedrohung, die Phosgore seit den frühen Jahren begleitet. Man sollte diese Ästhetik nicht mit realistischer Erzählkunst verwechseln. Die Titel funktionieren eher wie Warnschilder, Kommandos oder Fragmente aus einem dystopischen Computerspiel. Sie schaffen unmittelbar eine Atmosphäre, ohne eine zusammenhängende Geschichte ausformulieren zu müssen. Das gilt ebenso für Stücke wie „VX“, „Contagion“, „Demon Core“ oder „Detonate Devastate Annihilate“. Sprache wird hier selbst zum Bestandteil des Sounds: kurz, hart und auf Wirkung reduziert.

Dass Phosgore dabei nicht ausschließlich von der Vergangenheit leben, verdeutlicht „Slaves to the Bassline“. Die Veröffentlichung vom 14. März 2025 beendete eine zehnjährige Phase ohne neues Material. Für ein Comeback hätte man einen vorsichtigen Neustart, eine stilistische Modernisierung oder zumindest eine ausführliche Erklärung erwarten können. Flo und Sonja entschieden sich stattdessen für einen Titel, der das eigene Programm in wenigen Worten zusammenfasst. Der Bass ist keine Begleitung, sondern die zentrale Autorität. Er gibt die Richtung vor, kontrolliert die Bewegung und zieht die übrigen Elemente mit sich. Als Musiker achte ich bei elektronischen Produktionen besonders darauf, ob tiefe Frequenzen nur Lautstärke erzeugen oder tatsächlich eine kompositorische Aufgabe übernehmen. Bei Phosgore tragen sie den gesamten Aufbau. Ohne dieses Fundament würden viele Details ihre Wirkung verlieren.

„Noise Cannon“, am 20. März 2026 veröffentlicht, setzt diese Rückkehr konsequent fort. Der Track klingt nicht nach einem Projekt, das ein Jahrzehnt lang den Anschluss verloren hätte. Vielmehr wurde die vertraute Handschrift technisch geschärft und mit zeitgemäßem Druck versehen. Auffällig ist, dass die neueren Stücke auf „Priority Targets“ nicht wie Fremdkörper zwischen dem älteren Material stehen. Sie wirken in der Produktion moderner und räumlicher, bleiben aber dem Grundsatz unmittelbarer Clubwirkung treu. Gerade dadurch erhält das Best-of-Album eine zusätzliche Berechtigung: Es zeigt nicht nur, was Phosgore früher waren, sondern stellt eine Verbindung zur Gegenwart her.

Nicht jeder der vierzehn Titel muss einzeln zerlegt werden, um die Entwicklung des Duos zu verstehen. Die Auswahl verdeutlicht auch so, dass sich die Musik zwischen kompromisslosem Rhythmus, kalten Flächen, elektronischen Störgeräuschen und sorgfältig platzierten Sprachsamples bewegt. Melodien sind vorhanden, drängen sich jedoch selten als klassische Leitmotive in den Vordergrund. Sie erscheinen eher als scharfe Konturen innerhalb einer massiven Rhythmusarchitektur. Konventioneller Gesang spielt ebenfalls keine tragende Rolle. Stattdessen formen Sprachfetzen, Kommandos und verfremdete Stimmen die Atmosphäre. Dadurch bleibt der menschliche Anteil häufig anonymisiert und technisch überformt. Genau das passt zu einer Klangwelt, in der Maschinen, Waffen, Krankheit und Kontrollverlust immer wieder als Motive auftauchen.

„Dein Licht“ setzt inmitten der englischsprachigen und international verständlichen Titel einen auffälligen Akzent. Das Stück öffnet die Klangwelt jedoch nicht plötzlich in Richtung Romantik oder Wärme. Vielmehr zeigt es, dass Phosgore auch innerhalb ihres bewusst eng gesetzten Stils unterschiedliche Spannungen erzeugen können. Ähnliches gilt für „The Holy Inquisition“, dessen Titel religiöse Autorität und Gewalt miteinander verbindet. Solche Begriffe bleiben bewusst offen. Sie liefern keine ausformulierten Botschaften, sondern erzeugen Assoziationen, die von historischen Bildern bis zu modernen Machtstrukturen reichen können. Ob man darin tiefere Konzepte erkennt oder die Worte vor allem als Teil einer düsteren Inszenierung versteht, bleibt den Hörenden überlassen.

Besonders deutlich wird der technoide Charakter in jenen Passagen, in denen die Stücke beinahe auf ihre rhythmische Mechanik reduziert erscheinen. Genau dort zeigt sich die Cluberfahrung, aus der Phosgore ursprünglich hervorgegangen sind. Ein guter Clubtrack muss nicht ständig neue Einfälle präsentieren. Er muss Spannung halten, Übergänge vorbereiten und Wiederholungen so einsetzen, dass sie nicht als Stillstand empfunden werden. Flo und Sonja beherrschen diese Balance. Die Musik ist repetitiv, ohne beliebig zu werden. Kleine Veränderungen in Klangfarbe, Sampleeinsatz oder Intensität reichen aus, um die Bewegung aufrechtzuerhalten. Wer ausschließlich mit Kopfhörern und geringer Lautstärke hört, bekommt davon nur einen Teil mit. Diese Stücke sind für große Lautsprecher und körperlich spürbare Frequenzen gedacht.

Das bedeutet allerdings auch, dass „Priority Targets“ kaum um Zugänglichkeit außerhalb des eigenen Terrains wirbt. Vierzehn Titel mit ähnlicher Grundhaltung können am Stück anstrengend wirken, besonders wenn man mit harschem Electro-Industrial wenig anfangen kann. Das Album bietet keine ruhige Gegenwelt und nur wenige Momente, in denen der Druck merklich nachlässt. Diese Konsequenz ist Stärke und Einschränkung zugleich. Für die Zielgruppe dürfte gerade die fehlende Beschwichtigung attraktiv sein. Neue Hörerinnen und Hörer könnten sich dagegen eine größere dramaturgische Öffnung wünschen. Ich empfinde die Spielzeit dennoch als gut bemessen. Die Stücke bleiben überwiegend kompakt, und die Zusammenstellung versucht nicht, jede Facette der Diskografie vollständig abzubilden.

Der Albumtitel „Priority Targets“ ist treffend gewählt. Er fügt sich in die militärisch-technische Ästhetik ein und beschreibt zugleich die Funktion der Auswahl. Diese vierzehn Stücke wurden als vorrangige Ziele aus dem bisherigen Katalog markiert. Dass dabei nicht nur ältere Favoriten, sondern auch die beiden aktuellen Veröffentlichungen berücksichtigt werden, verhindert den Eindruck einer abschließenden Grabrede. Das Album blickt zurück, ohne einen Schlusspunkt zu setzen. Die Rückkehr mit neuem Material und die erneute Livepräsenz zeigen vielmehr, dass Flo und Sonja die Geschichte von Phosgore wieder aktiv fortschreiben.

Auch die Reihenfolge überzeugt. Die Stücke wurden nicht streng chronologisch angeordnet. Dadurch vermeiden Phosgore eine museale Präsentation, bei der man sich von Jahr zu Jahr vorarbeitet. Altes und Neues wird unmittelbar miteinander konfrontiert. So hört man stärker auf Gemeinsamkeiten als auf technische Altersunterschiede. Der Titelsong von „Pestbringer“ steht etwa zwischen Material verschiedener Phasen und wirkt trotzdem wie ein natürlicher Bestandteil des Ablaufs. „Demon Core“ schließt die Zusammenstellung schließlich mit einem Titel, dessen Name Wissenschaft, unsichtbare Gefahr und menschliche Selbstüberschätzung verbindet. Als Finale passt er ausgezeichnet zu einer Musik, die seit jeher von Kräften fasziniert ist, die sich der vollständigen Kontrolle entziehen.

Ich persönlich schätze an „Priority Targets“ vor allem die Ehrlichkeit der künstlerischen Haltung. Flo und Sonja versuchen nicht, die Vergangenheit von Phosgore nachträglich vielfältiger, melodischer oder massentauglicher erscheinen zu lassen, als sie war. Ebenso wenig wird das ältere Material durch unnötige Neubearbeitungen geglättet. Die Zusammenstellung dokumentiert einen Sound, der aus einer bestimmten Clubkultur hervorgegangen ist und seine Funktion nie verleugnet hat. Er soll antreiben, überfordern, Druck erzeugen und den Körper stärker ansprechen als den Verstand. Dass dabei dennoch eine klare kompositorische Disziplin hörbar bleibt, unterscheidet diese Musik von bloßem elektronischem Lärm.

„Priority Targets“ ist damit sowohl ein sinnvoller Einstieg als auch eine überzeugende physische Werkschau für langjährige Anhänger. Wer Phosgore bisher nur dem Namen nach kannte, erhält einen repräsentativen Überblick über die drei Alben und die jüngste Rückkehr. Wer die Diskografie bereits besitzt, bekommt zwar nur wenig grundsätzlich Neues, dafür aber eine schlüssige Auswahl in einem limitierten Digipak. Der größte Verdienst liegt jedoch darin, die Kontinuität sichtbar zu machen. Zwischen „Domination“ und „Noise Cannon“ liegen siebzehn Jahre, doch die zentrale Idee hat kaum an Durchschlagskraft verloren.

Ein Best-of-Album muss im Jahr 2026 mehr leisten, als lediglich bekannte Titel zusammenzufassen. „Priority Targets“ gelingt das, weil es einen klaren Zusammenhang herstellt: von den frühen, noch roher wirkenden Clubattacken über die verdichtete Phase von „Warhead“ und „Pestbringer“ bis zu den aktuellen Veröffentlichungen. Phosgore präsentieren sich nicht als nostalgischer Szeneact, sondern als Duo, dessen alte und neue Stücke dieselbe Sprache sprechen. Diese Sprache ist dunkel, hart, basslastig und kompromisslos. Man muss sie nicht mögen. Missverstehen kann man sie jedoch kaum.

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