Also, bei anderen Bands fragt man sich vor einem neuen Album ja meistens: Sind die Songs gut? Gibt es ein paar starke Refrains? Hat die Band noch etwas zu sagen? Bei 'Muse' kommt da automatisch noch eine andere Frage dazu: Hat während der Aufnahmen irgendjemand versucht, mit dem Jupiter Kontakt aufzunehmen? Diese Band denkt nämlich selten klein. Wenn 'Matthew Bellamy' eine Melodie anstimmt, klingt es oft so, als sei im Kontrollzentrum gerade eine rote Lampe angesprungen und niemand wisse so genau, ob jetzt die Welt gerettet oder endgültig falsch abgebogen ist.
Aber fangen wir mal vorne an: 'Muse' stammen aus 'Teignmouth' in England, einem Ort, der auf den ersten Blick eher nach Küste, Regenjacke und Tee aussieht als nach intergalaktischem Rock-Wahnsinn. Von dort aus haben 'Matthew Bellamy', 'Chris Wolstenholme' und 'Dominic Howard' eine der eigenwilligsten Karrieren der letzten Jahrzehnte hingelegt. Mit Alben wie 'Origin Of Symmetry', 'Absolution' und 'Black Holes And Revelations' wurden sie zu einer Band, die Alternative Rock, Prog, Elektronik, Operngeste, Weltuntergang und Stadionpathos so lange ineinanderschob, bis daraus im Grunde eine eigene Schublade entstand: 'Muse'. Mehr Etikett braucht es eigentlich nicht.
Später wurde das Verhältnis zu dieser Band allerdings etwas komplizierter. 'Muse' blieben groß, laut und ehrgeizig, aber nicht immer zwingend. Manchmal war das brillant, manchmal klang es ein bisschen so, als hätte jemand aus Versehen den ganz großen Alarmknopf gedrückt und dann vergessen, wofür. Und genau deshalb ist 'The Wow! Signal' so spannend. Denn dieses Album ist keine einfache Rückkehr zu alter Form. Es ist eher der Moment, in dem 'Muse' ihren eigenen Größenwahn wieder produktiv bekommen. Das Raumschiff wackelt, ja. Aber es fliegt.
'The Wow! Signal' erschien schon am 26. Juni 2026 über 'Warner Music' / 'Helium-3' und ist das zehnte Studioalbum von 'Muse'. Veröffentlicht wurde es unter anderem digital, auf CD und Vinyl. Zehn Songs umfasst das Album, mit 'Ellie Goulding' als Gaststimme auf 'Hush'. Der Titel bezieht sich auf das rätselhafte Radiosignal, das 1977 empfangen wurde und bis heute Spekulationen über außerirdisches Leben befeuert. Für 'Muse' ist das natürlich kein kleiner Aufhänger, sondern praktisch ein gedeckter Tisch: Weltraum, Zweifel, Sehnsucht, Kontaktaufnahme, Katastrophenromantik. Bitte einmal alles, gerne mit Chor.
Musikalisch ist 'The Wow! Signal' ein Album, das nicht einfach losläuft, sondern ganz sachte anrollt. Die Gitarren drücken schwer nach vorne, die Synthesizer flimmern und blenden, der Bass schiebt ordentlich Luft durch den Raum, und 'Dominic Howard' hält das Ganze zusammen, auch wenn um ihn herum ständig jemand einen neuen Notausgang ins Weltall bohren möchte. Über allem steht 'Matthew Bellamy', dessen Stimme wieder zwischen verletzlicher Ballade, Falsett-Akrobatik und prophetischem Ausnahmezustand pendelt. Und ich gebe zu: Ich bin an dieses Album nicht ohne Misstrauen herangegangen. Bei 'Muse' weiß man ja irgendwie nie so genau, ob man gleich einen genialen Moment erlebt oder ob jemand die Musical-Abteilung der NASA unbeaufsichtigt gelassen hat. Aber 'The Wow! Signal' erwischt einen öfter, als man vielleicht erwartet. Die Platte ist groß, übertrieben und manchmal komplett unverschämt in ihrem Willen zur Geste. Aber sie hat wieder Zug. Sie klingt nicht nach Pflichtübung, sondern nach einer Band, die tatsächlich wieder Lust auf Risiko hat.
Im Vergleich zu 'Will Of The People' wirkt 'The Wow! Signal' deutlich lebendiger. Wo der Vorgänger manchmal wie ein Selbstzitat mit Blaulicht klang, hat dieses Album mehr innere Spannung. Auch 'Simulation Theory' hatte seine Momente, wirkte aber stellenweise sehr stark nach Neon-Konzept mit eingebauter Plastikverkleidung. 'The Wow! Signal' ist ebenfalls künstlich, groß und theatralisch, aber es fühlt sich organischer an. Die Riffs haben Biss, die Elektronik sitzt tiefer im Klang, die Melodien greifen schneller, und die großen Momente wirken häufiger verdient. Natürlich ist das alles nicht subtil. 'Muse' ohne Pathos wäre ungefähr wie ein Feuerwerk mit Energiesparmodus. Aber genau darin liegt hier wieder der Reiz. Wenn die Band die Streicher auffährt, die Synths aufleuchten lässt und die Gitarren plötzlich losbrechen, dann ist das manchmal gefährlich nah an der Selbstparodie. Aber eben nur manchmal. Viel häufiger entsteht dieser alte 'Muse'-Sog: Man weiß, dass das eigentlich viel zu viel ist, und geht trotzdem mit. Vielleicht sogar genau deshalb.
Besonders gelungen ist, dass der ganze Weltraum-Überbau nicht nur Dekoration bleibt. Hinter den Signalen aus dem All, den dunklen Bildern und der großen Sci-Fi-Geste steckt überraschend viel Menschliches. Es geht nicht nur um die Frage, ob da draußen jemand ist. Es geht auch darum, ob hier drinnen noch jemand antwortet. Einsamkeit, Verlust, Sehnsucht nach Verbindung: Das sind die eigentlichen Triebwerke dieses Albums. Wenn 'Muse' diesen emotionalen Kern treffen, wirkt der Bombast nicht leer, sondern wie ein Verstärker Nicht jeder Moment sitzt perfekt wie ich finde. Manchmal ist ein Refrain zu sehr auf Kniefall gebürstet. Manchmal ist ein Arrangement so voll, dass man kurz prüfen möchte, ob noch Sauerstoff im Raum ist. Aber selbst dann bleibt das Album interessant. Es klingt nach einer Band, die sich wieder mit sich selbst streitet, statt nur ihre bekannten Tricks abzuspulen. Und genau das macht 'The Wow! Signal' so stark: Der Größenwahn ist nicht verschwunden, aber er arbeitet wieder für die Songs.
Also, 'The Wow! Signal' ist sicher kein perfektes Album. Dafür ist es zu sehr 'Muse': zu groß, zu dramatisch, zu randvoll mit Ideen, zu wenig interessiert an elegantem Understatement. Aber es ist schobn ein sehr starkes Album. Vielleicht sogar das stärkste 'Muse'-Album seit vielen Jahren. Die Band findet hier wieder eine Form, in der ihre Übertreibung nicht wie ein Problem wirkt, sondern wie ein Antrieb. Wer 'Muse' für ihre Mischung aus Alternative Rock, Elektronik, Prog, harten Gitarren, großen Melodien, Falsett, Chor und gepflegtem Weltuntergang liebt, bekommt hier reichlich Futter. Wer bei Stadionpathos, Weltraum-Metaphorik und großen Gesten grundsätzlich nervös wird, dürfte auch diesmal die Augen verdrehen. Verständlich. Aber dann verpasst man eben auch den Spaß, einer Band zuzuhören, die ihren eigenen Irrsinn wieder erstaunlich gut im Griff hat.
Am Ende passt der Titel sogar ziemlich wunderbar. Nicht jedes Signal ist sauber. Nicht jede Botschaft ergibt sofort Sinn. Manches rauscht, manches flackert, manches klingt kurz so, als hätte jemand den Synthesizer mit einem Satellitentelefon verwechselt. Aber diesmal kommt wieder etwas an. 'Muse' senden nicht nur. Sie erreichen einen auch wieder. Und das ist nach den wechselhaften letzten Jahren vielleicht die beste Nachricht aus diesem ganzen überdrehten, funkelnden, herrlich unvernünftigen Universum. Fein :-)