Moonspell - Far From God

Moonspell - Far From God

Seit mehr als drei Jahrzehnten kultivieren 'Moonspell' ihre eigene Form der Finsternis. Die Portugiesen haben den rauen Charme von 'Wolfheart', die verführerische Schwärze von 'Irreligious', elektronische Experimente und progressive Abzweigungen längst hinter sich. Auf 'Hermitage' rückten zuletzt Atmosphäre, Melancholie und Nachdenklichkeit stärker in den Mittelpunkt. Stillstand kann man der Band also kaum vorwerfen. Nun also, gut fünf Jahre später erschien dann am 3. Juli 2026 mit 'Far From God' das inzwischen dreizehnte Studioalbum der Band. Acht Stücke bringen es auf gut 42 Minuten. Für Produktion, Mix und Mastering war erneut 'Jaime Gomez Arellano' verantwortlich, das ausdrucksstarke Artwork stammt von 'Eliran Kantor'. Schon die äußeren Daten vermitteln den Eindruck eines konzentrierten, sorgfältig ausgearbeiteten Werks – und genau so klingt es auch.

Gleich am Anfang sei gesagt, 'Far From God' ist ein gutes Album. Um das direkt festzuhalten. Es ist stimmungsvoll, handwerklich stark und unverkennbar 'Moonspell'. Ein Meilenstein ist es für mich trotzdem nicht. Musikalisch bewegt sich die Band zwischen atmosphärischem Gothic Metal und dunklem Gothic Rock. Die Gitarren setzen häufiger auf Flächen, Melodien und schwere Akkorde als auf prägnante Riffs. Dezente Keyboards erweitern den Raum, während Bass und Schlagzeug für ein organisches Fundament sorgen. Die Produktion klingt warm, druckvoll und erfreulich natürlich. 'Jaime Gomez Arellano' hat die Gruft fachgerecht ausgeleuchtet, ohne gleich Energiesparlampen einzubauen.

Mit 'Cross Your Heart' beginnt das Album ausgesprochen geschmeidig. Dunkle Melodien, ein fließender Rhythmus und 'Fernando Ribeiros' tiefe Stimme führen unmittelbar in die vertraute Welt der Band. Der Opener ist eingängig, ohne sich dem Hörer aufzudrängen, und gehört für mich zu jenen Songs, die das Album zwar nicht revolutionieren, aber seine Qualitäten sehr präzise zusammenfassen. Der Titelsong verbindet diese dunkle Eleganz mit deutlich mehr Dramatik. Inhaltlich geht es um tragische vampirische Liebe, wobei 'Ribeiro' den 2024 erschienenen 'Nosferatu' von 'Robert Eggers' als wichtige Inspiration genannt hat. Damit schließt sich auch der Kreis zur romantischen Vampirfigur, die bei 'Moonspell' nie bloß Dekoration war. Der Vampir ist hier kein glitzernder Teenager mit Beziehungssorgen, sondern wieder ein tragischer Außenseiter zwischen Begehren, Verlust und Verdammnis. Dafür darf man die Vorhänge gern etwas früher schließen.

Im Mittelpunkt steht natürlich 'Fernando Ribeiro'. Sein tiefer Klargesang klingt charismatisch, würdevoll und stellenweise beinahe beschwörend. Sobald er in seine rauere Stimme wechselt, gelten wieder die alten Hausregeln: Kerzen anzünden und gegebenenfalls die Apokalypse hereinbitten. Diese Wechsel zwischen kontrollierter Melancholie und aggressiven Ausbrüchen gehören zu den größten Stärken des Albums. Gleichzeitig liegt hier eine seiner Schwächen. Mehrere Stücke folgen meinem Empfinden nach einem ähnlichen Spannungsbogen: atmosphärischer Beginn, langsamer Aufbau, emotionale Verdichtung und schließlich der erwartbare Ausbruch. Spätestens beim dritten Durchlauf lässt sich häufig erahnen, wann 'Ribeiro' seine Stimmbänder wieder aus dem Samtetui holt. Das funktioniert zuverlässig, verliert über die gesamte Spielzeit aber etwas von seiner Wirkung.

Besonders im Mittelteil wird das hörbar. 'Your Promise Of Light' bietet abwechslungsreichen Gesang und hält die melancholische Stimmung aufrecht, bleibt kompositorisch jedoch lange im gleichen getragenen Tempo. 'For The Love Of Mortals' gefällt mit seinen weitläufigen Klangflächen und dem atmosphärischen Aufbau, mir fehlt darin aber ein wirklich markanter melodischer Mittelpunkt. Beide Songs sind keineswegs schwach, ihre Refrains und Strukturen setzen sich für mich jedoch weniger deutlich voneinander ab. Nach dem Ende verschwimmen sie schneller mit dem Gesamtbild, als es einem herausragenden Album guttun würde.Ein stärkerer Treffer ist 'Biblical'. Das Stück verbindet wuchtige Gitarren, eine kraftvolle Gesangsdarbietung und einen Refrain, der sich unmittelbar festsetzt. Hier gelingt der Band genau die Balance aus Eingängigkeit, Atmosphäre und Härte, die andere Songs nur andeuten. Wer einen ersten Eindruck vom Album sucht, sollte hier beginnen.

Noch stärker wirkt auf mich 'The Great Wolf In The Sky'. Die von 'Alicia Nurho' eingespielten Streicher verleihen dem Stück zusätzliche emotionale Tiefe, ohne es in sentimentalen Kitsch abgleiten zu lassen. Das Lied ist dem verstorbenen Freund und Fan 'Pedro Pires' gewidmet, den seine Familie liebevoll 'den Wolf' nannte. Dieses Wissen erklärt die spürbare Trauer, aber auch die Wärme der Komposition. Für mich ist es der bewegendste und zugleich beste Song des Albums. Wer die härtere Seite von 'Moonspell' bevorzugt, sollte außerdem 'Our Freedom To Fall' anspielen. Hier gewinnt das Album an Biss und körperlicher Energie. Das abschließende 'Reconquista' besitzt ebenfalls starke Momente, wechselnden Gesang und ein markantes Gitarrensolo, wirkt auf mich mit seinen gut sechs Minuten aber etwas überdehnt. Als monumentaler Schlusspunkt ist das nachvollziehbar, als Song hätte es etwas Straffung vertragen. Thematisch bewegt sich 'Far From God' auf vertrautem Terrain. Es geht um Begehren und Schuld, Glauben und Zweifel, Vergänglichkeit, innere Leere und jene Kreaturen der Nacht, die bei 'Moonspell' vermutlich Anspruch auf einen eigenen Eintrag im Melderegister hätten. Die Texte sind bildhaft und ernst, wirken diesmal jedoch weniger provokant oder gefährlich als früher.

'Fernando Ribeiro' beschreibt den Albumtitel als Metapher für Distanz: für die Entfernung der Menschen voneinander, von sich selbst und von ursprünglichen spirituellen Lehren. Darin liegt auch eine verhüllte Kritik an monotheistischen Religionen, die sich von ihren eigenen Grundgedanken entfernt hätten. Für mich funktioniert 'Far From God' deshalb weniger als plumpe Abrechnung mit dem Glauben denn als Beschreibung eines Verlusts von Nähe, Orientierung und Empathie. Das verleiht dem zunächst recht plakativ wirkenden Titel zusätzliche Substanz Dass die Band das Werk als eine Art 'Irreligious' für das 21. Jahrhundert angekündigt hat, weckt allerdings Erwartungen, die das Album kaum vollständig erfüllen kann. Gemeinsamkeiten sind vorhanden: die Verbindung von Härte und Eingängigkeit, die dunkle Sinnlichkeit und 'Ribeiros' dominierende Stimme. Doch 'Irreligious' lebte von seiner unmittelbaren Wirkung, markanten Refrains und einer fast unverschämten Dichte an wiedererkennbaren Momenten. 'Far From God' ist kontrollierter, nachdenklicher und weniger zwingend. Für mich setzt es eher den Weg von 'Hermitage' fort und verbindet ihn mit Elementen der eigenen Vergangenheit.

Eine erfahrene Band darf selbstverständlich anders klingen als in ihrer frühen Phase. Jugendlicher Hunger lässt sich nicht konservieren, und 'Moonspell' müssen niemandem mehr beweisen, dass sie Dunkelheit überzeugend vertonen können. Trotzdem vermisse ich gelegentlich jene Unberechenbarkeit, die aus einem guten Album ein besonderes macht. 'Far From God' besitzt viel Souveränität, aber vergleichsweise wenig Gefahr. Was für das Album spricht, ist mehr seine Glaubwürdigkeit. Nichts wirkt hier hastig zusammengestellt oder wie eine bloße Wiederholung früherer Erfolge. 'Moonspell' behandeln ihre Ästhetik weder als selbstironische Folklore noch als bloße Bühnenrequisite. Sie meinen diese Musik weiterhin ernst – und das hört man.

Unterm Strich ist 'Far From God' ein dichtes, reifes und sehr gut produziertes Album, das seine größten Stärken in der Atmosphäre, im Gesang und in einzelnen emotionalen Höhepunkten besitzt. 'Biblical' und 'The Great Wolf In The Sky' sind meine klaren Anspieltipps, während 'Our Freedom To Fall' die härtere Seite vertritt. Zum wirklichen Highlight reicht es für mich dennoch nicht: Dafür ähneln sich einige Spannungsbögen zu stark, manche Stücke besitzen zu wenig eigenes Profil und insgesamt fehlen die ganz großen Melodien und Riffs. Fans der melancholischen und atmosphärischen Seite von 'Moonspell' dürften viel daran finden. Wer vor allem auf die unmittelbare Wucht von 'Wolfheart', 'Irreligious' oder 'Memorial' hofft, wird dagegen vermutlich mit etwas Abstand vor der Gruft stehen. 'Far From God' ist keine göttliche Offenbarung, aber eine sorgfältig inszenierte schwarze Messe: überzeugend, stimmungsvoll und mit einigen bewegenden Momenten.

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