Midge Ure - A Man Of Two Worlds

Midge Ure - A Man...

Es gibt da immer diese Künstler, bei denen ein einzelner Name reicht und sofort steht eine ganze Klangwelt im Raum. Bei 'Midge Ure' ist das bei mir genau so. Da kommen keine losen Erinnerungsfetzen, sondern ganze Bilder: kühle Synthesizer, große Melodien, diese besondere Mischung aus Eleganz, Pathos und britischer Melancholie. Als Stimme und prägende Kraft von 'Ultravox' hat er Anfang der Achtziger einen Sound mitgeformt, der bis heute nachwirkt. 'Vienna' beispielsweise war nie einfach nur ein Song, sondern eher ein Monument im Nebel. 'Dancing With Tears In My Eyes' verband Pop mit Weltuntergangsstimmung, ohne dabei lächerlich zu wirken – was man erst einmal schaffen muss. Dazu kommt sein Anteil an 'Fade To Grey' von 'Visage', sein Engagement bei 'Band Aid' und natürlich seine Solokarriere, die mit 'If I Was' ebenfalls große Momente hatte. Kurz gesagt: 'Midge Ure' gehört zu diesen Musikern, bei denen man nicht lange erklären muss, warum sie wichtig sind.

Umso spannender ist nun 'A Man Of Two Worlds'. Kleine Orientierungshilfe, bevor im Plattenregal, im Stream oder im eigenen Kopf alles durcheinanderfliegt: Das Doppelalbum heißt 'A Man Of Two Worlds'. Die beiden Welten heißen 'World One: Music' und 'World Two: Songs'. Die eine Seite ist instrumental, die andere gesungen. Klingt simpel, wird aber durch unterschiedliche Plattform-Schreibweisen erstaunlich schnell verwirrend. Wer also irgendwo über 'A Man Of Two Worlds (World Two: Songs)' stolpert, hat es nicht mit einem anderen Album zu tun, sondern mit der gesungenen zweiten Hälfte dieses Doppelwerks.

Zwölf Jahre nach dem letzten Soloalbum mit neuem Material legt 'Midge Ure' damit also kein gewöhnliches Comeback vor. 'A Man Of Two Worlds' pendelt bewusst zwischen zwei Formen: erst Musik ohne Worte, dann Musik mit Worten. Erst Atmosphäre, dann Stimme. Erst ein Raum, dann jemand, der diesen Raum betritt. Das klingt auf dem Papier vielleicht ein wenig nach Konzeptkunst mit erhobenem Zeigefinger, funktioniert aber viel natürlicher, als man vermuten könnte. Die beiden Hälften wirken nicht wie zufällig zusammengeklebt, sondern wie ein Werk, das sich langsam aus dem Nebel schält und nach und nach Sprache findet. Die Idee zur instrumentalen Seite entstand meiner Recherche nach teilweise während der Lockdown-Zeit, als 'Midge Ure' viel Instrumentalmusik hörte und in seiner Sendung 'The Space' bei 'Scala Radio' auch Musik präsentierte, die im normalen Radiobetrieb eher selten stattfindet. Das merkt man 'World One: Music' an. Diese erste Hälfte will keine schnellen Refrains liefern sondern sie arbeitet mit Stimmung, Raum und langsamer Entwicklung. Die Stücke wirken für mich oft wie kleine Filmszenen ohne Bilder. Man kann dabei an weite Landschaften denken, an leere Straßen im Morgenlicht, an alte Science-Fiction-Filme, in denen mehr über Licht und Schatten erzählt wird als über Dialoge. Das ist Musik, die nicht laut erklärt, was sie will. Sie legt eine Atmosphäre aus und lässt den Hörer darin herumlaufen.

Natürlich muss man dafür offen sein. Wer bei 'Midge Ure' sofort diese Stimme erwartet, diese Refrains, dieses große melodische Ziehen im Bauch, wird bei 'World One: Music' vielleicht erst einmal ungeduldig mit dem Fuß wippen. Ich gebe zu: Auch ich habe bei reinen Instrumentalhälften schnell die innere Stimme im Ohr, die fragt, wann denn nun endlich jemand singt. Aber hier hat das schon irgendwie seinen Reiz. Die instrumentale Welt ist kein Beiwerk. Sie bereitet den Boden. Sie stellt die Farben bereit, mit denen später gemalt wird. Und wenn danach 'World Two: Songs' beginnt, versteht man besser, warum diese erste Hälfte nötig ist. Und ja: Ich war trotzdem erleichtert, als diese zweite Welt aufgeht. So sehr ich 'Midge Ure' auch als Klangarchitekten schätze, ich will bei ihm am Ende eben doch diese Stimme hören. Diese leicht brüchige, warme, sofort erkennbare Stimme, die aus einem guten Refrain noch immer mehr machen kann als andere aus einem ganzen Album. 'World Two: Songs' ist für mich der emotionalere Teil von 'A Man Of Two Worlds'. Hier bekommt die zuvor aufgebaute Atmosphäre ein Gesicht. Die Musik bleibt ruhig, oft gedämpft, selten auf direkten Effekt aus. Vieles bewegt sich im Midtempo, vieles schimmert eher, als dass es glänzt. Die Synthesizer breiten sich ruhig aus, die Gitarren setzen feine Akzente, die Arrangements sind klar und nicht überladen. Es ist Musik, die sich nicht aufdrängt. Sie setzt sich einfach in den Raum, macht das Licht etwas dunkler und wartet, bis man ihr zuhört.

Klanglich bleibt 'Midge Ure' in einem Kosmos unterwegs, den man kennt. Wer 'Ultravox' im Herzen trägt, wird hier schnell vertraute Farben erkennen: diese kühle Eleganz, diese kontrollierte Dramatik, diese Vorliebe für Melodien, die nicht breit grinsen, sondern ernst schauen. Aber 'A Man Of Two Worlds' ist kein billiger Rückgriff auf die Achtziger. Dafür ist das Album zu ruhig, zu erwachsen, zu sehr bei sich. Die großen Gesten sind noch da, aber sie werden nicht mehr in Neonlicht getaucht. Sie stehen eher im Halbdunkel. Genau das gefällt mir sehr. Es gibt auf diesem Album dann auch keine jugendliche Eile mehr. Keine Panik, noch schnell modern wirken zu müssen. Kein Versuch, mit aktuellen Produktionsmoden auf Tuchfühlung zu gehen. Das kann man vielleicht altmodisch nennen. Ich nenne es eher angenehm souverän. 'A Man Of Two Worlds' klingt nicht wie ein Künstler, der der Gegenwart hinterherrennt. Es klingt wie jemand, der lange genug unterwegs war, um zu wissen, dass man nicht jeden Trend mitmachen muss, nur weil er gerade laut durch die Gegend stolpert.

Besonders stark finde ich, wie das Album seine Melancholie trägt. Das ist keine schwere, lähmende Traurigkeit. Eher eine nachdenkliche Grundtemperatur. In den instrumentalen Stücken liegt diese Melancholie vor allem in den Flächen und Harmonien, in den gesungenen Stücken kommt sie über Stimme und Worte dazu. 'Midge Ure' singt nicht so, als wolle er den Hörer überreden. Er singt eher so, als würde er etwas aussprechen, das schon lange im Raum steht. Die Stimme ist nicht mehr die eines jungen Popstars, der alles nach vorne reißt. Sie hat Tiefe, Erfahrung und manchmal auch diese schöne Verletzlichkeit, die man nicht produzieren kann. Inhaltlich blickt 'World Two: Songs' deutlich auf eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Es geht meinem Verständnis nach um politische Spannungen, um Verantwortung, um gebrochenes Vertrauen, um eine Gesellschaft, die kälter geworden scheint. Das passt sehr gut zu diesem Klangbild. Die Songs halten keine Reden. Sie schauen eher hin. Gerade weil 'Midge Ure' durch 'Band Aid' und 'Live Aid' immer auch mit gesellschaftlicher Haltung verbunden bleibt, wirkt diese Ebene glaubwürdig. Hier singt niemand plötzlich über die Weltlage, weil es gerade gut ins Presseinfo passt. Da singt jemand, der schon vor Jahrzehnten verstanden hat, dass Popmusik mehr sein kann als hübscher Zeitvertreib.

Bei aller Nachdenklichkeit ist 'A Man Of Two Worlds' aber kein hoffnungsloses Album. So ruhig und gedämpft vieles klingt, so sehr steckt in diesen Melodien noch immer ein Rest Licht. Kein billiger Trost, kein „Wird schon alles gut“-Kitsch mit Synthesizer-Schleifchen. Eher dieser kleine helle Streifen am Horizont, den 'Midge Ure' schon früher so gut setzen konnte. Seine Musik durfte immer traurig sein, aber sie war selten leer. Auch hier bleibt etwas Menschliches zurück. Natürlich ist 'A Man Of Two Worlds' irgendwo auch nicht perfekt. Das Album ist sehr geschlossen, manchmal fast zu geschlossen. Die Stücke bleiben häufig in ähnlichen Tempi und Stimmungen. Wer große Ausbrüche erwartet, wird gelegentlich auf dem Sofa sitzen und denken: „Jetzt aber, gib dem Ding doch einmal richtig die Sporen.“ Aber er tut es nicht. Er bleibt kontrolliert. Er bleibt konzentriert. Er bleibt bei seinem Ton. Auch die Produktion ist eher auf Atmosphäre als auf Kante angelegt. Alles klingt sauber, weit, bewusst gesetzt. Gelegentliche elektronische Bearbeitungen der Stimme passen grundsätzlich zum Gesamtbild, dürften aber nicht jedem gefallen. Mir persönlich sind diese Momente nicht zu viel, aber ich verstehe, wenn jemand sagt, dass hier und da etwas mehr Rohheit gutgetan hätte. Ein bisschen mehr Luftzug durch das perfekt eingerichtete Zimmer hätte dem Album an manchen Stellen zusätzliche Spannung gegeben. Aber mich stört das am Ende weniger, als es vielleicht sollte. Weil ich mich in diese Stimmung hineinfallen lassen kann. Weil ich genau diese Art von Musik von 'Midge Ure' hören möchte. Weil seine Stärke nicht darin liegt, alles einzureißen, sondern Räume zu bauen, in denen Melodien nachhallen.

Für mich ist 'A Man Of Two Worlds' deshalb ein sehr schönes, sehr würdiges Spätwerk. Nicht spektakulär im billigen Sinne. Nicht überraschend um der Überraschung willen. Aber warm, stilsicher, nachdenklich und erstaunlich berührend. Es ist kein Album, das die Welt noch einmal verändern will. Es ist eher eines, das akzeptiert hat, dass die Welt sich längst verändert hat – und nun versucht, in diesem Durcheinander noch Würde und Melodie zu finden. Das ist vielleicht weniger glamourös als früher, aber auf eine leise Art ziemlich stark. Auch als physische Veröffentlichung passt das Konzept. Dass 'A Man Of Two Worlds' als 2CD-Mediabook mit Booklet und auch als Doppelvinyl erscheint, ist mehr als Sammlerfutter. Dieses Album fühlt sich tatsächlich wie ein Werk an, das man nicht nur streamen, sondern besitzen möchte. Eines, bei dem man das Artwork betrachtet, die Aufteilung versteht, die beiden Welten nacheinander hört. Bei vielen Veröffentlichungen wirkt so etwas heute wie Nostalgie-Zubehör. Hier ergibt es Sinn.

Am Ende ist 'A Man Of Two Worlds' vor allem ein Album für Menschen, die Musik nicht nur als Hintergrundrauschen brauchen. Wer von 'Midge Ure' erwartet, dass er noch einmal exakt den jugendlichen Druck von 'Ultravox' reproduziert, sucht an der falschen Stelle. Diese Zeit ist vorbei, und das ist auch gut so. Niemand braucht ein künstlich verjüngtes Denkmal mit Botox im Synthesizer. Wer aber seine Musik liebt, wer diese Stimme, diese Melodien und diese melancholische Noblesse schätzt, bekommt hier sehr viel. Für Fans ist das Album fast so etwas wie ein spätes Wiedersehen mit jemandem, der sich verändert hat, aber immer noch genau die richtigen Sätze sagen kann. Nicht laut. Nicht aufdringlich. Aber mit Wirkung. Ich mag dieses Album wirklich. Nicht, weil es perfekt ist. Sondern weil es für mich echt wirkt. Weil es sich Zeit nimmt. Und weil 'Midge Ure' auch im Jahr 2026 noch diese besondere Fähigkeit besitzt, kühle Elektronik und menschliche Wärme so zusammenzubringen, dass man hängen bleibt. Vielleicht nicht sofort mit offenem Mund. Aber mit diesem leisen Gefühl im Bauch, das sagt: Ja, genau deshalb bin ich Fan.

Midge Ure - A Man Of Two Worlds
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