Wie meldet man sich nach einer zwischenzeitlichen Auflösung zurück? Leise anklopfen, vorsichtig die Lage sondieren und erst einmal schauen, ob überhaupt noch jemand zu Hause ist? Naja, das wäre schon eine Möglichkeit. Sie passt nur eben gar nicht zu einer Band, die 'Massive Ego' heißt. Also wird die Tür gleich aus den Angeln gehoben, der Nebelwerfer angeworfen und aus dem eigenen Zusammenbruch eine ziemlich große Show gemacht. Seit ihrer Gründung im Jahr 1996 haben 'Massive Ego' eine bemerkenswerte Wandlung hingelegt. Was im Umfeld des kurzlebigen Romo-Revivals und mit deutlicher New-Romantic-, Hi-NRG- und Synthpop-Schlagseite begann, entwickelte sich über die Jahre zu einer wesentlich dunkleren Mischung aus Darkwave, elektronischem Rock und Glam. Nach 'Church For The Malfunctioned' aus dem Jahr 2019 folgten die EP 'The New Normal', die Auflösung 2022 und schließlich die Rückkehr im Jahr 2024. 'Symphony Of Flies' ist damit nicht einfach das nächste Album, sondern das erste vollständige Studioalbum seit sieben Jahren – und zugleich das Werk zum 30-jährigen Bandjubiläum. Veröffentlicht wurde es am 8. Mai 2026 über 'Out Of Line Music'.
Der Albumtitel klingt zunächst wie ein Konzertabend, bei dem man besser nicht nach dem Zustand des Buffets fragt. Offiziell stehen die Fliegen für Überwachung, Giftigkeit, Verfall und Transformation – für jene unsichtbaren Kräfte, die einen Menschen beobachten, auslaugen und langsam untergraben. Für mich steckt darin aber noch etwas anderes: Fliegen sind hartnäckige Überlebenskünstler. Sie erscheinen dort, wo etwas endet, lassen sich aber kaum dauerhaft vertreiben. So betrachtet handelt 'Symphony Of Flies' nicht nur vom persönlichen Absturz, sondern ebenso von der wenig eleganten Kunst, danach trotzdem weiterzumachen. Musikalisch treten 'Massive Ego' mit einer Mischung aus Darkwave, Synthpop, EBM, Glam und elektronischem Rock an. Das klingt auf dem Papier nach einem ziemlich gut gefüllten Kleiderschrank, funktioniert auf dem Album aber erstaunlich geschlossen. Die elektronischen Rhythmen geben einen festen, häufig tanzbaren Puls vor, während dunkle Synthesizerflächen für die nötige Schwere sorgen. Darüber liegen Gitarren, die weniger klassische Rockarbeit verrichten, sondern den Songs zusätzliche Schärfe und Größe verleihen.
Der Bass sitzt tief, die Drums besitzen ordentlich Druck und viele Refrains öffnen sich weit in Richtung Pop. Dabei ist „Pop“ ausdrücklich nicht als Vorwurf gemeint. 'Massive Ego' verstehen es, düstere Musik eingängig zu gestalten, ohne ihr gleich sämtliche Zähne zu ziehen. Die Melodien bleiben hängen, während darunter weiterhin etwas Unruhiges arbeitet. Das Album kann im Club funktionieren, möchte dort aber offenbar nicht nur tanzen, sondern zwischendurch auch noch ein längeres Gespräch über Verlust, Selbstzweifel und menschliche Abgründe führen.
Beim ersten Hören war mir diese Produktion beinahe ein wenig zu makellos. Alles sitzt an seinem Platz, jeder elektronische Schlag trifft zuverlässig und selbst die Verzweiflung erscheint ordentlich ausgeleuchtet. Nach einigen Durchläufen zeigt sich allerdings, dass unter der glänzenden Oberfläche durchaus Risse verlaufen. Kleine Wechsel in der Intensität, zurückgenommene Passagen und die nicht immer kontrollierte Stimme von 'Marc Massive' verhindern, dass aus dem Album lediglich ein schönes schwarzes Hochglanzprodukt wird. Gerade diese Stimme dürfte weiterhin darüber entscheiden, ob man 'Massive Ego' liebt oder eher mit hochgezogener Augenbraue betrachtet. 'Marc Massive' ist kein Sänger, der technische Perfektion vor Persönlichkeit stellt. Er klingt mal erschöpft und brüchig, dann wieder trotzig, dramatisch und beinahe angriffslustig. Mich erreicht sein Gesang vor allem dort, wo er hörbar an seine Grenzen gerät. In diesen Momenten fällt ein Teil der Inszenierung ab, und hinter dem sorgfältig gepflegten Erscheinungsbild kommt tatsächlich ein verletzter Mensch zum Vorschein.
Das ist wichtig, denn inhaltlich ist 'Symphony Of Flies' schwer beladen. Psychische Krisen, Isolation, Verrat, Kontrollverlust und der Versuch eines Neuanfangs bilden den emotionalen Kern. Diese Themen wirken nicht wie hastig aus dem Gothic-Handbuch übernommene Dekoration, sondern wie Erfahrungen, die sich unangenehm tief eingegraben haben. Die Texte suchen keine sichere Beobachterposition. 'Marc Massive' stellt sich mitten in die eigenen Trümmer und beginnt dort zu singen. Unterstützung erhält er dabei von 'Boy George'. Dessen unverwechselbare Stimme passt erstaunlich natürlich in die melancholische Atmosphäre. Der Gastauftritt wirkt nicht wie ein prominenter Name, den man kurz vor Veröffentlichung noch auf die Verpackung geklebt hat. Zwischen beiden Stimmen entsteht vielmehr eine glaubwürdige Verbindung, in der Verletzlichkeit, Lebenserfahrung und eine gewisse abgeklärte Traurigkeit zusammenfinden. Dass sich 'Marc Massive' und 'Boy George' bereits seit Jahrzehnten kennen, ist dieser Zusammenarbeit durchaus anzuhören. Natürlich wäre 'Symphony Of Flies' kein Album von 'Massive Ego', wenn alle Gefühle in praktischen kleinen Portionsgrößen geliefert würden. Hier gibt es Emotionen grundsätzlich im Großgebinde. Die Synthesizer türmen sich auf, die Refrains strecken beide Arme aus und 'Marc Massive' singt nicht einfach über eine Krise, sondern stellt ihr vorsichtshalber noch eine eigene Lichtanlage auf.
Das funktioniert erstaunlich oft, weil die Band ihre große Geste mit starken Melodien und echter persönlicher Beteiligung füllt. Gelegentlich kippt das Ganze dennoch ins Überladene. Besonders im späteren Verlauf bewegen sich mehrere Stücke in ähnlichem Tempo, arbeiten mit vergleichbaren Spannungsbögen und landen wiederholt bei derselben schweren Grundstimmung. Dadurch verlieren einzelne Passagen etwas an Kontur. Ein härterer Bruch, eine schmutzigere Klangfarbe oder ein Moment vollständiger Zurückhaltung hätten dem Album zusätzliche Tiefe gegeben. Das ist für mich der entscheidende Unterschied zwischen einem sehr guten und einem herausragenden Album. 'Symphony Of Flies' besitzt eine klare Handschrift, traut sich aber nur selten, diese zwischendurch wirklich zu beschädigen. Gerade ein Werk über Kontrollverlust dürfte musikalisch gelegentlich auch einmal die Kontrolle verlieren. Stattdessen bleibt die Produktion selbst im emotionalen Ausnahmezustand bemerkenswert aufgeräumt.
Trotzdem hat mich das Album mit jedem Durchlauf stärker bekommen. Nicht, weil plötzlich alle Schwächen verschwinden, sondern weil sich hinter dem anfänglichen Bombast immer deutlicher eine Geschichte vom Zusammenbruch und Wiederaufstehen zeigt. 'Massive Ego' kehren nicht geläutert, geheilt oder plötzlich bescheiden zurück. Sie sind noch immer dramatisch, glamourös und mitunter gefährlich nah an der Übertreibung. Aber dieses Mal wirkt die große Inszenierung nicht wie ein Versteck, sondern wie die Form, in der 'Marc Massive' seine persönlichen Erfahrungen überhaupt erst ausdrücken kann.
'Symphony Of Flies' ist ein starkes Comeback und eines der persönlichsten Alben von 'Massive Ego'. Die Verbindung aus Darkwave, Synthpop, EBM, elektronischem Rock und Glam klingt druckvoll, eingängig und aufwendig produziert. Große Refrains treffen auf dunkle Elektronik, clubtaugliche Rhythmen auf Texte, die lieber in alten Wunden herumstochern, als so zu tun, als sei inzwischen wieder alles in Ordnung. Ganz zur Meisterleistung reicht es für mich nicht. Dafür ähneln sich einige Passagen im späteren Verlauf zu stark, und die makellose Produktion hält das musikalische Chaos manchmal fester an der Leine, als es den behandelten Themen guttut. Auch mit der theatralischen Stimme von 'Marc Massive' muss man umgehen können. Wer musikalische Zurückhaltung, Minimalismus oder besonders nüchternen Gesang bevorzugt, wird sich hier vermutlich fühlen wie ein Buchhalter auf einer Beerdigung mit Lasershow.
Wer dagegen große Melodien, dunkle Elektronik, dramatische Stimmen und reichlich emotionalen Tiefgang mag, sollte 'Symphony Of Flies' unbedingt hören. Für mich ist es ein gutes bis sehr gutes Album: nicht makellos, aber mutig, eingängig und glaubwürdig. Nach sieben Jahren ohne vollständiges Studioalbum melden sich 'Massive Ego' damit nicht nur zurück. Sie zeigen auch, dass aus einem persönlichen Scherbenhaufen manchmal tatsächlich noch etwas entstehen kann – selbst wenn es darin zunächst verdächtig summt.
Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).