Ich mag elektronische Musik, die mich gleichzeitig auf die Tanzfläche zieht und mit einer Melodie beschäftigt. Gelegentlich darf sie dabei auch einen kleinen Umweg nehmen. Wenn ich allerdings unterwegs eine Wanderkarte brauche, wird es schwierig. 'Massiv In Mensch' bewegen sich auf 'Reminiszenzen Und Sequenzen' zwischen diesen beiden Erfahrungen: direkt und überzeugend in ihren besten Momenten, etwas überbemüht in anderen. Zum dreißigjährigen Bestehen bringt das Projekt seine Vorliebe für EBM, technoide Elektronik und melodische Ansätze zusammen. Mich überzeugt diese Mischung aber doch oft genug, um gern dabeizubleiben.
Das 1996 von 'Daniel Logemann' und 'Mirco Osterthun' gegründete Projekt aus Varel bewegt sich immer noch zwischen verschiedenen elektronischen Spielarten; 'Dark Rave' gehört dabei zum eigenen stilistischen Vokabular. Am 28. August 2026 erschien das 14 Stücke umfassende Jubiläumsalbum, fünf Jahre nach 'Türkis Und Schwarz'. Neben 'Reiner Schöne' sind unter anderem 'Rana Arborea', 'Anna-Maria Straatmann' und 'Rouven Walterowicz' von 'Endanger' beteiligt. Wie viel eine Stimme ausmachen kann, zeigt bereits der gesprochene Auftakt mit 'Reiner Schöne'. Er erinnert mich doch tatsächlich an die Einleitung zur 'Weltreise' von 'Schiller': Eine Stimme begrüßt den Hörer, und plötzlich bekommt das Einschalten einer Platte etwas von einer Abreise. Der Sprechvortrag bringt eine Wucht und Präsenz mit, die sofort Erwartungen wecken.
Im nächsten Track 'Yearning' wirken die Stimmen plötzlich aber dünner und weniger präsent. Der Wechsel fällt umso stärker auf, weil der Auftakt die Messlatte so hoch gelegt hat. 'Yearning' und 'Procrastination' teilen für mich außerdem eine weitere Schwäche: Die Melodieführung wirkt stellenweise, als habe man um jeden Preis noch eine komplizierte Wendung unterbringen wollen. Für meine Ohren gerät das etwas zu gewollt. Mit der Hektik von 'Vegas' kommt anschließend noch eine andere Form von Unruhe hinzu. Die Energie ist da, aber mir fehlt die Gelassenheit, mit der sich ein Song entfalten kann.
Den Wendepunkt bildet für mich 'Artificial Honey'. Mein Favorit und klarer Anspieltipp bringt mit 'Rouven Walterowicz' von 'Endanger' genau die stimmliche Wärme mit, die ich zuvor vermisst habe. Sein Gesang spricht mich unmittelbar an und gibt der Elektronik einen menschlichen Bezug. Künstlicher Honig, echte Wärme: Manchmal zeigt ein Gastbeitrag ziemlich anschaulich, welche Zutat vorher gefehlt hat. Diese positive Entwicklung setzt sich fort. In 'Callanish' kommt auch die weibliche Stimme viel besser zur Geltung. 'In Ruinen Aus Beton' überzeugt mich ebenfalls, während 'Overdrive' mit seinem geradlinigen Vorwärtsdrang eine weitere Stärke zeigt. Hier braucht die Musik weniger Umwege, um anzukommen. Gerade diese Direktheit macht den Abschnitt so erfreulich. 'Undankbar' möchte ich angesichts dieser gelungenen Momente nicht werden.
Zum Reiz der Platte gehört außerdem ihr eigenwilliger Humor, der schon im Titel 'Auferstanden Aus Platinen' aufblitzt. Der lässt mich an 'Auferstanden Aus Ruinen' denken, nur mit Lötkolben statt Wiederaufbauplan. Klanglich weckt das Stück bei mir Erinnerungen an den C64 und die Tracker-Musik der frühen Neunziger. Vor dem inneren Auge blinkt schon die Diskettenlaufwerksleuchte. Entscheidend ist aber, dass die Nummer hängen bleibt. Wortwitz und nostalgischer Klangreiz finden hier erfreulich gut zusammen.
'Reminiszenzen Und Sequenzen' ist für mich ein gutes, abwechslungsreiches Album, dessen Höhepunkte die Schwächen überwiegen. Für eine überragende Platte schwanken stimmliche Präsenz und melodische Überzeugungskraft allerdings zu deutlich. Freunde von Electro, Futurepop und technoider Elektronik finden hier gelungene Momente, müssen aber auch die etwas mühsame frühe Phase in Kauf nehmen. 'Artificial Honey' zeigt besonders schön, wie viel diese Musik gewinnt, wenn Wärme und Direktheit zusammenkommen. Davon hätte ich mir öfter etwas gewünscht. Zum dreißigsten Geburtstag darf man schließlich auch Wünsche äußern.
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