Maschinenkrieger KR 52 Vs. Disraptor sind kein Projekt, das um den heißen Brei herumspielt – und waren es auch nie. Maschinenkrieger KR 52 (Rico Weber) und Disraptor (Frank Schewe) formierten sich vor rund vier Jahren mit einem klaren Ziel: Clubs nicht zu beschallen, sondern sie zu zerlegen. Politische Parolen, gesellschaftskritische Zeigefinger oder Szene-Dogmen spielen dabei bewusst keine vordergründige Rolle. Hier geht es um Rhythmus, Druck, Soundarchitektur – um Tanzbarkeit im Angesicht maximaler Reizüberflutung. Industrial und Noise als funktionales Werkzeug, nicht als Ideologie.
Dass diese musikalische Ausdrucksform sicher nicht jedermanns Sache ist, liegt in der Natur der Sache. Wer jedoch Industrial und Noise nicht als Lärm, sondern als kontrollierte Eskalation begreift, weiß sehr genau, was er an diesem Duo hat. Das zeigte sich unter anderem bei einem der seltenen Live-Auftritte am 17. Dezember 2005 im „Triebwerk“ in Dresden. An diesem Abend traf sich nicht nur ein Teil der Szene, sondern auch eine ganze Reihe von Medienkonvertern, die diesen Termin ohnehin rot im Kalender markiert hatten. Das Treffen fand seinen musikalischen Höhepunkt – oder eher: seinen kontrollierten Zusammenbruch – genau dort, zwischen Stroboskop, Nebel und wummernden Bassfrequenzen, die eher gefühlt als gehört wurden.
Es war auch dieser Abend, an dem mir Rico den Audio-/Video-Pack ‘X-Rays’ sowie die speziell für diesen Anlass produzierte Mini-CD ‘E-Q 4/1’ in die Hand drückte. Material, das nicht auf schnellen Konsum ausgelegt ist, sondern Zeit, Konzentration und belastbare Lautsprecher verlangt. Entsprechend dauerte es ein paar Tage, bis ich mich dieser Veröffentlichung widmen konnte – nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Respekt vor der Intensität dessen, was hier geboten wird.
‘X-Rays’ kommt in einer Doppel-DVD-Hülle daher und vereint Audio-CD und VCD. Die Audio-CD listet offiziell neun Tracks, bietet faktisch jedoch zehn reguläre Stücke plus einen Hidden Track, der sich erst als Track Nummer 42 im Display bemerkbar macht. Zieht man die zahlreichen sechssekündigen Pausentracks ab, bleibt eine effektive Spielzeit von rund 56 Minuten – dicht, fordernd und nichts für Nebenbei-Hörer. Das Release ist bereits seit November 2004 erhältlich, ein genaues Veröffentlichungsdatum existiert nicht, da der Vertrieb eigenständig beziehungsweise über den Minor-Versand Leipzig läuft. Ein Label steht (noch) nicht dahinter, was der kompromisslosen Ausrichtung des Projekts allerdings eher in die Karten spielt.
Musikalisch überrascht ‘X-Rays’ bereits zu Beginn. ‘BitchWar 4000’ von Maschinenkrieger KR 52 eröffnet mit elektronisch-verspielten Elementen, die man in dieser Form vielleicht gar nicht erwartet hätte. Diese kurze Irritation verfliegt jedoch schnell, denn spätestens mit ‘Track Two’ von Disraptor ist klar, wohin die Reise geht: nach vorne, ohne Umwege. Disraptor hält es dabei angenehm unprätentiös und nummeriert seine Tracks schlicht nach ihrer Position auf dem Tonträger – ein Ansatz, der perfekt zur funktionalen Brutalität des Sounds passt.
Mit zunehmender Laufzeit steigert sich das Material kontinuierlich in Intensität und Tanzflächen-Tauglichkeit. Besonders Track 04, mit über zehn Minuten Spielzeit, fällt durch ein leicht reduziertes Tempo auf, ohne dabei auch nur ein Gramm Druck einzubüßen. Die Spannung bleibt konstant hoch, das Sounddesign dicht und fordernd. Spätestens bei der Frage „Ihr glaubt, ihr habt ein Schicksal?“ zu Beginn von Track 07 dürfte jedem klar sein: Wer bis hierhin durchgehalten hat, stellt diese Frage nicht mehr.
Ein kleiner, aber nicht ganz unwichtiger Hinweis am Rande: Track 08 ist vergleichsweise leise abgemischt. Lautstärkeregler also hoch – aber unbedingt rechtzeitig wieder runterdrehen, bevor Track 09 einsetzt. Andernfalls könnte es teuer werden. Der Hidden Track Nummer 42 fällt schließlich etwas aus dem Rahmen: vergleichsweise zugänglich, rhythmisch klarer strukturiert, stammt er nicht vom Duo selbst, sondern von Endstadium und versteht sich als Verneigung für deren Unterstützung bei Liveauftritten. Eine schöne Geste, die das Set sinnvoll abrundet.
Die VCD – ausdrücklich nicht für den CD-Player gedacht – enthält einen knapp 28-minütigen Live-Mitschnitt eines der ersten Konzerte des Duos vom 30. August 2003 im „U-Punkt“ in Riesa. Erwartet hier bitte keinen professionellen Konzertfilm. Geboten wird eine rohe, teils chaotische Mischung aus Publikumsaufnahmen, grellem Licht und Stroboskop-Gewittern. Die Akteure selbst sind nur sporadisch zu sehen, doch genau das passt zur Ästhetik: Dokument statt Hochglanz, Atmosphäre statt Perfektion. Als Ergänzung zum Audiomaterial funktioniert das hervorragend.
Die anlässlich der Dresdner Party produzierte Mini-CD ‘E-Q 4/1’ setzt schließlich noch einmal einen deutlichen Kontrapunkt. Vier Tracks, keine Experimente, kein Ausloten von Grenzen – hier wird unmissverständlich klar gemacht, wo der Hammer hängt. Vier Songs, vier Dampfhämmer. Rhythmischer Krach in Reinkultur, brutal, strukturiert und mit einer Direktheit, die gleichzeitig überfordert und süchtig macht. Hier gibt es musikalisch so dermaßen auf die Fresse, dass es schon wieder Spaß macht – und ein unbestimmtes Gefühl von „mehr davon“ hinterlässt.
Trotz fehlenden Labels sind Maschinenkrieger KR 52 Vs. Disraptor längst keine Unbekannten mehr. Szeneintern genießen sie einen Ruf, der weit über regionale Grenzen hinausgeht. Veröffentlichungen über den Minor-Versand finden ihren Weg bis nach Asien und Amerika, gemeinsame Auftritte mit Projekten wie Mono No Aware oder Heimstatt Hypotash sprechen eine deutliche Sprache. Auch die Kontakte zu S.I.N.A. und deren Projekt Pzychobitch sind kein Geheimnis – nicht umsonst war deren komplette Besetzung am 17.12.2005 im Backstage-Bereich des „Triebwerks“ anzutreffen.
Beide Akteure sind zudem auch außerhalb dieses Projekts aktiv. Maschinenkrieger KR 52 ist als DJ Icer One unterwegs, Disraptor betreibt mit ‘Synomorph’ ein weiteres Projekt, das stilistisch eher in Richtung Haus Arafna und Genocide Organ tendiert. Teilnahmen am Battle Of The Bands des Sonic Seducer sowie ein Interview bei „Der Dunklen Melodie“ in Bremen runden das Bild ab.
Zur Bewertung: Genreinterne Vergleichsmaßstäbe fallen bei dieser Art von Musik naturgemäß schwer. Das einzige wirkliche Manko von ‘X-Rays’ sind die teils deutlichen Lautstärkeunterschiede zwischen einzelnen Tracks – gerade unter Kopfhörern nicht ganz ungefährlich. Abgesehen davon gibt es wenig zu beanstanden. Für rund zehn Euro ist ‘X-Rays’ beim Minor-Versand erhältlich (dort unter Disraptor gelistet), die ‘E-Q 4/1’ erfragt man am besten direkt über die Projektkontakte. Artwork stammt von Ten Art, die Produktion von Endstadium – beides passend, kompromisslos und stimmig.
Unterm Strich bleibt ein Paket, das keine Zugeständnisse macht und genau deshalb überzeugt. Für Freunde harter, tanzbarer Industrial-/Noise-Kost eine klare Empfehlung – und von mir ganz klar 5 Sterne.
Medienkonverter.de
Maschinenkrieger KR 52 Vs. Disraptor - X-Rays / E-Q 4/1
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