Laibach - Musick

Laibach - Musick

'Laibach' waren schon immer die Meister der Überhöhung – und manchmal auch der Überforderung. Was schon im Jahr 1980 als provokantes Kunstprojekt begann, ist heute ein fest etabliertes System aus Klang, Symbolik und kalkulierter Irritation. Als Teil der 'Neuen Slowenischen Kunst' ging es hier nie um einfache Unterhaltung, sondern um Wirkung, Kontrolle und das Spiel mit Ideologien. 'Musick' führt diesen Ansatz konsequent fort, allerdings mit einer Konsequenz, die nicht nur beeindruckt, sondern auch ermüdet. Denn hier geht es nicht mehr darum, den Hörer zu verführen oder zu überraschen. Hier geht es darum, ihn auszuhalten. Die spannendere Frage ist also nicht, ob 'Musick' funktioniert – sondern wie lange.

'Musick' macht es einem somit wirklich nicht leicht. Und das ist noch freundlich formuliert. Was sich hier entfaltet, ist weniger ein Album als ein streng kuratierter Klangraum, der sich konsequent gegen klassische Hörgewohnheiten sperrt. Fließende Übergänge ersetzen klare Songstrukturen, Spannungsbögen ziehen sich in die Länge, ohne sich zwingend zu entladen, und greifbare Ankerpunkte bleiben rar. Klanglich bewegen sich 'Laibach' in einer Mischung aus neoklassischer Monumentalität, kühler Elektronik und ritueller Strenge. Chorale Elemente, weit gezogene Hallräume und reduzierte rhythmische Impulse bestimmen das Geschehen. Das Problem: Diese Ästhetik ist zwar eindrucksvoll, nutzt sich über die Laufzeit aber spürbar ab. Was zu Beginn noch als dichte, fast sakrale Atmosphäre funktioniert, kippt stellenweise in eine gewisse Gleichförmigkeit.

Das Album wirkt auf mich oft so, als würde es bewusst auf Distanz gehen – nur leider bleibt es meiner Meinung nach auch dort stehen. Wo frühere Werke von 'Laibach' trotz aller konzeptionellen Schwere immer wieder Momente hatten, die sich festsetzen konnten – markante Rhythmen, klare Spannungsbögen oder bewusst gesetzte Überhöhungen – bleibt 'Musick' auffallend zurückhaltend. Fast schon zu zurückhaltend. Man wartet auf Entwicklung, auf Brüche, auf Momente, die wirklich greifen. Oft vergeblich. Der Gesang verstärkt diesen Eindruck. Die Stimmen – allen voran das markante, autoritäre Timbre von 'Milan Fras', ergänzt durch weibliche Vocals etwa von 'Mina Špiler' – wirken auf Musick weniger wie emotionale Träger, sondern eher wie funktionale Elemente innerhalb eines Systems. Das ist konzeptionell stimmig, sorgt aber auch dafür, dass emotionale Zugänge weitgehend ausbleiben. Man hört zu, man analysiert – aber man fühlt leider selten.

Was mir dabei zunehmend auffällt: 'Musick' wirkt stellenweise fast zu sehr von seiner eigenen Idee überzeugt. Die Reduktion, die Strenge, das bewusste Verweigern von Eingängigkeit – all das ist nachvollziehbar und typisch für 'Laibach'. Doch hier kippt es gelegentlich in Selbstzweck. Nicht jede Zurückhaltung erzeugt automatisch Tiefe, nicht jede Verweigerung automatisch Spannung. Gerade in der zweiten Hälfte entstehen Längen. Klangflächen ziehen sich, ohne sich wesentlich weiterzuentwickeln, dramaturgische Ansätze bleiben angedeutet, aber selten konsequent zu Ende gedacht. Das Ergebnis ist ein Album, das mehr fordert als es zurückgibt – und das kann auf Dauer ermüden. Nicht, weil es komplex ist, sondern weil es sich zu selten belohnt.

Na klar, es gibt auch starke Momente. Einzelne Passagen entfalten eine beeindruckende Wucht, zeigen die Fähigkeit von 'Laibach', Atmosphäre zu verdichten und Klangräume mit Präsenz zu füllen. Doch diese Momente sind zu selten gestreut, um das Gesamtwerk dauerhaft zu tragen. Im Kontext der Bandgeschichte wirkt 'Musick' aber eher weniger wie eine Weiterentwicklung als vielmehr wie eine Verdichtung bekannter Elemente – allerdings ohne die frühere Balance zwischen Konzept und Wirkung. Wo 'Laibach' früher gezielt mit Kontrasten arbeiteten, bleibt hier vieles auf einer Ebene. Das ist konsequent, aber nicht zwingend spannend. Oder anders gesagt: Früher war 'Laibach' das kontrollierte Chaos. 'Musick' ist eher die kontrollierte Kontrolle.

'Musick' ist im Ergebnus ein konsequentes, konzeptionell starkes, aber auch deutlich sprödes Werk von 'Laibach'. Es richtet sich klar an Hörerinnen und Hörer, die bereit sind, sich auf reduzierte Strukturen, langsame Entwicklungen und eine bewusst distanzierte Klangästhetik einzulassen. Für Fans von zugänglicher, direkter oder emotional greifbarer Musik ist dieses Release nur bedingt geeignet. Wer hingegen die künstlerische Seite von 'Laibach' schätzt und Freude an anspruchsvoller, fordernder Klangkunst hat, wird hier zumindest interessante Ansätze finden. Unterm Strich bleibt ein Album, das Respekt einfordert, aber nicht immer rechtfertigt. Es beeindruckt durch Haltung und Konsequenz, verliert sich jedoch zu oft in seiner eigenen Strenge. Oder noch klarer: 'Musick' ist ein Werk, das man verstehen kann – aber nicht unbedingt fühlen muss.

Laibach - Musick
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