Ja, es klingt zunächst wie ein Widerspruch: Musik, die gleichzeitig nach klösterlicher Disziplin und nach verbrannter Leere klingt. Und doch ist genau das die Welt, die 'Jozef Van Wissem' auf 'This Is My Blood' erschafft. Der Künstler aus Rotterdam bleibt sich dabei komplett treu. Keine Experimente, kein vorsichtiges Öffnen in Richtung „größeres Publikum“. Er macht einfach weiter. Und das ziemlich kompromisslos. Das ist übrigens genau das, was ihn seit Jahren ausmacht. Spätestens seit seiner Zusammenarbeit mit 'Jim Jarmusch' und dem Soundtrack zu 'Only Lovers Left Alive' hat sich seine Hörerschaft erweitert – von klassischen Avantgarde-Kreisen hin zu einem Publikum, das man genauso gut auf Festivals wie dem Wave-Gotik-Treffen trifft. Schwarz gekleidet, offen für düstere, reduzierte Klangwelten, irgendwo zwischen 'Dead Can Dance' und 'Current 93'. Und genau da gehört auch 'This Is My Blood' hin.
Schon das Artwork passt perfekt dazu. Schwarz-weiß, leicht verschwommen, fast wie eine Erinnerung, die man nicht mehr richtig greifen kann. Im Vordergrund 'Jozef Van Wissem' (vermutlich) mit seinem breitkrempigen Hut, der Blick gesenkt, irgendwo zwischen Prediger, Westernfigur und düsterer Einzelgänger. Und ja – dieser Look hat bei mir sofort eine seltsame, sehr konkrete Erinnerung ausgelöst: ein Grufti-DJ aus längst vergangenen Tagen, 'Kellner Tom', der vor Jahrzehnten in Oberbayern aufgelegt hat. Klingt erstmal absurd, aber diese Mischung aus Ernst, Stil und leicht entrückter Eigenwelt passt erstaunlich gut.
Musikalisch macht 'Jozef Van Wissem' genau das, was man von ihm kennt. Die Laute steht im Mittelpunkt, aber nicht als klassisches Instrument, sondern als Werkzeug für etwas Eigenes. Trocken, direkt, manchmal fast hart gespielt. Dazu kommen dezente Elektronik, vereinzelte Geräusche. Alles bleibt reduziert. Es wird nichts aufgebaut, nichts aufgelöst. Die Musik bewegt sich nicht nach vorne, sie bleibt stehen. Das muss man mögen. Denn hier passiert über weite Strecken wenig. Wirklich wenig. Motive wiederholen sich, verändern sich kaum. Es gibt keine klassischen Höhepunkte, keine Wendungen, keine klaren „Jetzt passiert was“-Momente. Wer darauf wartet, wartet umsonst. Und genau darin liegt die Idee. Diese Musik will nicht führen, sie bleibt einfach da.
Ein Punkt, der mir beim Hören hängen geblieben ist: Die Chöre im Stück 'Remission' erinnern mich stellenweise an 'Vangelis'. Nicht groß und episch, sondern eher schwebend, leicht entrückt. Einer der wenigen Momente, in denen das Album kurz etwas aufmacht, bevor es sich wieder zurückzieht. Ansonsten bleibt die Stimmung durchgehend ruhig, geschlossen und stellenweise ziemlich drückend. Alles wirkt stimmig, aber auch eng geführt. Es gibt wenig Kontrast, wenig Ausbruch. Das verstärkt die Wirkung, kann aber auch dazu führen, dass sich das Ganze zieht. Und ja – man kann den Vorwurf verstehen, dass 'Jozef Van Wissem' im Grunde immer wieder das gleiche Album macht. Der Gedanke liegt nahe. Aber ganz ehrlich: Wenn jemand eine so klare, eigene Handschrift hat, dann ist das eher Stärke als Schwäche. Man erkennt ihn nach wenigen Tönen. Das muss man auch erstmal schaffen. Ich merke bei mir trotzdem eine gewisse Distanz. Ich finde das interessant, teilweise auch wirklich stark. Aber ich habe nicht immer Lust darauf. Es ist nichts, was ich nebenbei laufen lasse, und auch nichts, zu dem ich ständig zurückkehre.
Unterm Strich ist 'This Is My Blood' ein Album für Leute, die genau so etwas suchen: reduziert, langsam, sperrig und sehr konsequent. Wer hier Abwechslung oder Dynamik erwartet, wird ziemlich sicher enttäuscht sein. Für Fans von 'Jozef Van Wissem' und für Hörer, die sich in dieser dunklen, minimalistischen Klangwelt zuhause fühlen, ist das aber genau richtig. Bei mir bleibt es dabei: Ich respektiere das mehr, als dass ich es liebe. Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Art, dieses Album zu beschreiben.
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