An Ambient-Veröffentlichungen herrscht derzeit wahrlich kein Mangel, und in vielerlei Hinsicht ist selbst Qualität kein wirkliches Thema. Die Meßlatte liegt also relativ hoch, und entsprechend skeptisch geht man an jedes Werk heran, welches sich irgendwie auch nur grob in diese Schublade passen läßt. Im konkreten Fall liegen die Dinge allerdings ein klein wenig anders... Zum einen: "Vitagen" in die Ambient-Schublade zu stecken, ist wahrlich kein Fehler - wenn es irgendeinen Begriff gibt, der die Musik auf diesem im edlen, goldfarbenen Digi-Pack wohnenden Silberling treffend beschreibt, dann diesen. Zum anderen dürfte schon der Name des Musikers, der für dieses Werk verantwortlich zeichnet, dem Kenner zeigen, daß hohe Erwartungshaltungen alles andere als deplaziert sind: HENRIK NORDVARGR BJÖRKK, mehr oder weniger bekannt durch noisige Projekte wie Maschinenzimmer 428 oder Folkstorm, hat sich in den letzten Jahren neben ebendiesen mit Veröffenlichungen wie "I End Forever" oder "The Dead Never Sleeps" ein solides Standbein in jenem Bereich elektronischer Tonkunst geschaffen, in dem Industrial und Ambient miteinander verschmelzen zu dem, was bisweilen punktgenau als "Industrial Soundscapes" bezeichnet wird. Diesen Weg geht der ebenso talentierte wie umtriebige Norweger jetzt einen Schritt weiter: "Vitagen" ist in vielerlei Hinsicht intensiver, sperriger, atmosphärischer und düsterer als seine Vorgänger. Zur Inspiration stelle man sich einen Ausflug in irgendein verlassenes Industriegelände vor, einen Trip durch Ruinen, der einen irgendwann in übermannshohe Hallen führen wird, in denen jedes noch so leise Geräusch der Außenwelt zwischen den kahlen Wänden tausendfach widerhallt, bis die Echos in langen, von Schutt und Schmutz übersäten, menschenleeren Gängen langsam verhallen. Man wird durch Geröll und Glasscherben waten in Strukturen, die im Staub der Zeit den langsamen Verfall sichtbar, ja fast körperlich fühlbar werden lassen. Man wird vor obskuren Maschinen zum Stehen kommen, die, ihrer ehemaligen und schon lang nicht mehr erkennbaren Bedeutung längst beraubt, stumm und dunkel vor sich hin rosten. Und irgendwann, in den Tiefen des Komplexes, öffnet man die schwere Eisentür zu jenem letzten, noch unentdeckten, fensterlosen Raum, in dem absolute, tiefschwarze, sicht-, spür-, faßbare Dunkelheit herrscht, die einen für den Rest der Zeit verfolgen wird... "Vitagen" ist der optimale Soundtrack für Situationen wie diese: Kaum vorhandene Rhythmen, bizarre Sample-Collagen, schwer identifizierbare Geräusche, entfernt und verzerrt wirkende Sprach-Einblendungen formen das Gerüst, über das Björkk schwebende, düstere Klangflächen legt - bedrückend, bedrohlich, dazu angetan, dem Hörer in geeigneter Situation ein ums andere Mal ein Frösteln über den Rücken zu treiben. Dabei ist vieles von dem, was passiert, eher unterbewußter Natur, hat man wieder und wieder das Gefühl, in der Ferne dunkle Aggregate aus unerklärlichem Grund rumoren, Lautsprecherstimmen in fremder Sprache Anweisungen schreien, Menschen flüstern, Materie brechen zu hören unter Kräften jenseits aller Erklärungsmöglichkeiten. Und nach dem dritten oder vierten Durchlauf merkt man dann vielleicht, daß "Vitagen" mehr ist als "nur" atmosphärische Musik: Dieses Album ist quasi "Kino im Kopf", ist nicht nur der Soundtrack zu einem sperrigen, schwer verdaulichen Zukunfts-Streifen, sondern der Film selbst, gebannt auf eine CD von reichlich 50 Minuten Spielzeit. Wer ist willens, sich diesen Film zu geben? Nur soviel sei im Vorfeld verraten: Die Erfahrung könnte irritierend, befremdlich, vielleicht sogar gruselig werden, aber eins wird sie auf keinen Fall - langweilig.