Haus Arafna - The Singles 1993-2000

Haus Arafna - The Singles...

Haus Arafna sind kein gewöhnliches Musikprojekt. Haus Arafna sind ein akustischer Krankheitserreger: ein infektiöses Geräusch, ein bohrender Gedanke, der sich einmal im Kopf festsetzt und dort hartnäckiger einnistet als Schimmel in einem schlecht gelüfteten Keller. Wer sich ansteckt, verfällt entweder in ekstatische Zuckungen oder in jene hypnotische Bewegungslosigkeit, bei der Außenstehende vorsichtshalber schon einmal den Puls kontrollieren.

Das Bohren, Kreischen und Dröhnen aus den Lautsprechern trägt unterschwellige Botschaften in sich. Sie handeln von unabhängigem Denken, Abnormität, Kontrollverlust und Nihilismus – und kriechen dabei durch jede Faser des Körpers. Oft kopiert, gelegentlich verwässert, aber bis heute kaum erreicht, haben sich Haus Arafna längst einen eigenen Ehrenplatz im Industrial- und Noise-Olymp erarbeitet. Wobei „Ehrenplatz“ vermutlich viel zu freundlich klingt. Eher handelt es sich um einen gefliesten Kellerraum mit flackernder Neonröhre und einer Tür, die sich nur von außen öffnen lässt. Über viele Jahre erschienen die Veröffentlichungen von Mrs. und Mr. Arafna in streng limitierten Auflagen. Entsprechend wurden die gesuchten Originale bald zu Preisen gehandelt, bei denen selbst hartgesottene Sammler nervös ihr Bankkonto festhalten mussten. Auch fremde Labels versuchten sich an eigenen Zusammenstellungen. Galakthorrö hatte darauf nur eine angemessene Antwort: eine offizielle Sammlung sämtlicher limitierter Singles von Haus Arafna auf einer CD.

„Schluss mit dem ewigen Suchen“ und „Schonung des eigenen Vinylbestands“ lautet daher die Devise. Auf „The Singles 1993–2000“ finden sich tatsächlich sämtliche Platten von „Sex U Mas“ über „Take One Get Two“ und „The Last Dream Of Jesus“ bis zu „Für immer“. Damit kommen endlich auch jene Hörer in den Besitz von Dauerbrennern wie „Happy Thrill“, „The Last Dream Of Jesus“ oder „Für immer“, die schon seit Jahren dunkle Tanzflächen in Zonen kontrollierter Körperstörungen verwandeln. Auch optisch wurde nicht einfach eine lieblose Resteverwertung zusammengeschraubt. Das Booklet enthält die Cover der ursprünglichen Veröffentlichungen sowie einige bislang unveröffentlichte Fotografien von Mrs. und Mr. Arafna. So wird die Zusammenstellung nicht nur zum praktischen Tonträger für DJs und Sammler, sondern zugleich zu einem kleinen Archiv jener Jahre, in denen Haus Arafna ihren unverwechselbaren Kosmos aus Industrial, Noise und finsterer Elektronik formten.

Musikalisch überzeugt jeder Titel auf seine eigene, mitunter ausgesprochen unangenehme Weise. „New Skin Grafting“ bricht als geballte, dröhnende Eruption aus den Lautsprechern, während „Paranoia“ mit einer beinahe kindlichen Melodie zunächst harmloser wirkt – bis man bemerkt, dass auch hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. Gerade dieser Gegensatz gehört zu den großen Stärken des Duos: Haus Arafna müssen nicht ständig mit maximaler Lautstärke auf den Hörer einschlagen. Manchmal reicht ein spröder Rhythmus, eine verstörende Melodie oder eine Stimme, die klingt, als käme sie direkt aus einem abgeriegelten Nebenraum.

Bisweilen entsteht der Eindruck, sämtliche Stücke bestünden aus reinem, ungebändigtem Strom – und Mrs. und Mr. Arafna seien die einzigen Menschen, die diese Urgewalt nicht nur kontrollieren, sondern ihr auch noch einen Rhythmus aufzwingen können. Das Ergebnis ist roh, körperlich und kompromisslos, zugleich aber präziser komponiert, als es der erste Lärm vermuten lässt. Hinter dem scheinbaren Chaos steckt eine erschreckend genaue Vorstellung davon, wann ein Geräusch schmerzen, treiben oder den Hörer einfach nur fassungslos zurücklassen soll.

Für langjährige Kenner bietet „The Singles 1993–2000“ musikalisch vermutlich wenig wirklich Neues. Als geschlossene Werkschau, Ersatz für kaum noch bezahlbare Originalpressungen und zuverlässige Grundversorgung für DJs dürfte die Veröffentlichung dennoch von vielen sehnsüchtig erwartet worden sein. Neueinsteiger erhalten wiederum eine hervorragend bestückte Eintrittskarte in die Welt von Haus Arafna – allerdings ohne Garantie auf eine unbeschadete Rückkehr. Wer bislang noch nicht infiziert ist, sei deshalb ausdrücklich gewarnt: Diese Droge besitzt weder einen Beipackzettel noch einen bekannten Entzug. Und nach dem letzten Stück ist es meistens längst zu spät.

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