Farin Urlaub - Ein Lächeln im Gesicht

Farin Urlaub - Ein Lächeln...

Wer zwölf Jahre lang kein neues Soloalbum veröffentlicht und dann mit 'Ein Lächeln Im Gesicht' zurückkehrt, hat entweder seinen inneren Frieden gefunden oder etwas ausgeheckt. Bei 'Farin Urlaub' liegt der Verdacht nahe, dass beides stimmt. Der Mann grinst vom Cover, während ringsum schwarze Regenschirme aufgespannt sind – ein ziemlich passendes Bild für eine Platte, die schlechte Zeiten nicht bestreitet, ihnen aber demonstrativ die gute Laune verweigert. Als Sänger und Gitarrist von 'Die Ärzte' gehört 'Farin Urlaub' natürlich längst zum Inventar der deutschsprachigen Pop- und Punkgeschichte. Sein vorheriges Studioalbum 'Faszination Weltraum' liegt auch schon wieder zwölf Jahre zurück; ein weitgehend im Alleingang entstandenes Solowerk gab es zuletzt 2005 mit 'Am Ende Der Sonne'. Dass 'Ein Lächeln Im Gesicht' trotzdem nicht nach nostalgischer Dienstleistung für alternde Punkrocker klingt, ist ganz sicher schon mal der erste kleine Triumph dieser Platte.

Die 13 Stücke entstanden zu Hause und unterwegs an drei unterschiedlichen Orten und wurden größtenteils von 'Farin Urlaub' selbst aufgenommen und eingespielt. Diesen Ursprung trägt das Album hörbar in sich. Es besitzt keinen bis zur Gesichtslosigkeit polierten Studiosound, sondern einen sympathischen Heimwerkercharme. Man hört sozusagen förmlich, wie jemand einen Synthesizer anschließt, interessiert auf einen Knopf drückt und beschließt, dass die Menschheit nun eben mit den Folgen leben muss. Gitarren knirschen, sägen, hüpfen und explodieren, während die programmierten Rhythmen gelegentlich etwas steif, aber immerhin zuverlässig ihren Dienst verrichten. Darüber liegt diese unverwechselbare Stimme, die selbst Weltuntergangsmeldungen so vortragen kann, als gäbe es anschließend wenigstens noch Kuchen.

Musikalisch ist 'Ein Lächeln Im Gesicht' eine echte Wundertüte in der statt eines Plastikspielzeugs eine halbe Musikgeschichte und ein kleiner gesellschaftlicher Zusammenbruch stecken. Punkrock, Alternative, Neue Deutsche Welle, Ska, Latin-Rhythmen, elektronische Spielereien, Chöre und Westernklänge begegnen sich hier ohne zuvor einen gemeinsamen Termin vereinbart zu haben. Das könnte leicht nach einer schlecht kuratierten Motto-Party klingen. Erstaunlicherweise funktioniert es aber, weil 'Farin Urlaub' unabhängig von der jeweiligen Verkleidung sofort erkennbar bleibt. Seine Melodien sind zu eingängig, sein Gitarrenspiel zu markant und sein Humor zu eigensinnig, um zwischen den Stilwechseln verloren zu gehen.

Beim ersten Durchlauf wirkte die Platte auf mich noch wie eine leicht überfüllte musikalische Werkzeugkiste. Spätestens beim zweiten Hören wollte ich daraus allerdings kaum noch etwas entfernen. Der Klang ist trocken, direkt und verspielt, stellenweise bewusst roh und deutlich weniger wuchtig als mit dem 'Farin Urlaub Racing Team'. Gerade diese fehlende Hochglanzpolitur macht einen großen Teil des Reizes aus. Hier versucht kein 62-Jähriger, zwanghaft jung zu klingen. Hier klingt ein Musiker jung, weil er sich seine Neugier bewahrt hat. Dabei ist das Album nicht einfach nur lustig. Es ist auf jene herrlich verdrehte Weise komisch, bei der man zunächst grinst und zwei Sekunden später bemerkt, dass man gerade über den Zustand der Gesellschaft, das Altern, den Tod oder die eigene Unzulänglichkeit gelacht hat. Die Musik hüpft fröhlich durchs Zimmer, während die Texte bereits prüfen, ob der Notausgang noch frei ist. Genau in diesem Widerspruch liegt für mich die große Stärke der Platte: 'Ein Lächeln Im Gesicht' verbreitet gute Laune, ohne so zu tun, als wäre alles gut. Der Optimismus ist keine Ahnungslosigkeit, sondern eine ausgesprochen melodische Form des Widerstands.

Auch politisch hat 'Farin Urlaub' nichts von seiner Schärfe verloren. Er formuliert seine Kritik jedoch nicht als musikalisches Parteiprogramm mit Gitarrensolo, sondern tarnt sie als Ohrwurm. Nationaler Größenwahn, gesellschaftlicher Rechtsruck und die Sehnsucht nach einfachen Antworten werden so freundlich serviert, dass man die Widerhaken erst bemerkt, wenn der Refrain längst im Kopf festsitzt. Mein persönlicher Lieblingssong ist 'Happy 2bD' – gelesen als 'Happy To Be Deutsch'. Der Titel klingt zunächst wie das Motto einer besonders schlecht geplanten patriotischen Gartenparty, ist aber selbstverständlich bitterböse gemeint. Der Song verpackt seine Kritik am deutschen Selbstbild und am politischen Rechtsruck in einen überdrehten NDW-Ohrwurm, zu dem man gleichzeitig tanzen, lachen und sich ernsthafte Sorgen um das Land machen kann. Genau diese widersprüchliche Wirkung bringt das gesamte Album auf den Punkt. Für mich ist 'Happy 2bD' nicht nur der stärkste Song der Platte, sondern auch ein hervorragendes Beispiel dafür, wie politische Musik funktionieren kann, ohne nach erhobenem Zeigefinger oder schlecht gereimtem Wahlprogramm zu klingen.

Direkt dahinter folgt für mich 'Alpha Centauri'. Meine Nummer zwei schlägt eine deutlich rockigere Richtung ein und gehört für mich zu den überraschend wuchtigen Momenten des Albums. Statt sich auf den nächsten Kalauer zu stürzen, baut der Song eine beinahe beklemmende Weltraumatmosphäre auf. Das Raumschiff wird hier nicht zum triumphalen Aufbruch in eine glorreiche Zukunft, sondern zum ziemlich endgültigen Aufenthaltsort einer müden Menschheit mit nicht genügend Sauerstoff. Zwischen druckvollen Gitarren und kosmischem Fatalismus entsteht ein Stück, das größer, ernster und atmosphärischer wirkt als vieles in seiner Umgebung. Während 'Happy 2bD' aus unmittelbarer Nähe auf Deutschland blickt, betrachtet 'Alpha Centauri' den ganzen menschlichen Schlamassel gewissermaßen aus sicherer Entfernung. Vermutlich ist das derzeit auch die vernünftigste Distanz.

Daneben beschäftigt sich 'Farin Urlaub' mit den kleineren Katastrophen des Alltags: nervenden Mitmenschen, Beziehungswirrwarr, körperlichen Begehrlichkeiten, Supermarktkassen und der unangenehmen Gewissheit, dass der Mensch zwar über künstliche Intelligenz verfügt, mit der natürlichen aber weiterhin äußerst sparsam umgeht. Seine Texte springen von Albernheit zu Melancholie, vom Kalauer zur klugen Beobachtung und von pubertärer Freude zu erstaunlich erwachsenen Gedanken über Vergänglichkeit. Hinter dem ganzen Unfug ist stets ein genauer Beobachter zu erkennen. Hier macht keiner Witze, weil ihm nichts einfällt. Hier macht einer Witze, weil ihm leider viel zu viel auffällt. Wer weitere Einstiegsmöglichkeiten benötigt, sollte unbedingt 'Sie' ansteuern. Aus einer Begegnung an der Supermarktkasse entwickelt sich ein herrlich abschweifender Gedankenstrom, der Alltagsromantik, Geschichtsunterricht und geistigen Kontrollverlust zusammenführt. Mich hatte das Album spätestens in diesem Moment endgültig erwischt. 'Es Könnte Sein' empfiehlt sich für alle, die den druckvolleren, rockigeren 'Farin Urlaub' bevorzugen: viel Energie, große Melodie und Weltuntergangsstimmung mit eingebautem Bewegungsimpuls. Auch 'Irgendwas Von Bach' gehört zu den Höhepunkten, weil dort Bildungsauftrag, Punkrock und instrumentale Sachbeschädigung eine überraschend harmonische Beziehung eingehen.

Bei aller Begeisterung ist 'Ein Lächeln Im Gesicht' nicht vollkommen. Die programmierten Drums nehmen manchen Gitarrenmomenten den organischen Druck, den eine echte Band vermutlich entwickelt hätte. Einige Ideen werden außerdem länger ausgeführt, als es ihre Wirkung verträgt. Das zeigt sich besonders bei 'Totalschaden': Nicht das schlüpfrige Thema ist das Problem, sondern dass der Song seine Pointe früh offenlegt und anschließend musikalisch wie textlich noch eine ganze Weile um sie herumkreist. Der elektronische Unterbau besitzt durchaus Charme, entwickelt sich aber kaum weiter. Was als kurze, freche Nummer hervorragend hätte funktionieren können, beginnt dadurch vor dem Ende bereits Verschleißerscheinungen zu zeigen. Auch die stilistischen Sprünge verhindern, dass das Album wie ein vollständig geschlossenes Gesamtwerk wirkt. Doch gerade diese Unordnung besitzt ihren Reiz. Wo viele etablierte Musiker im Laufe der Jahre vorsichtiger, glatter und berechenbarer werden, klingt 'Farin Urlaub' erfreulich neugierig. Er probiert aus, biegt absichtlich falsch ab und folgt einer Idee notfalls bis zu einem italienischen Western mit Oliven. Das abschließende Instrumental 'Per Un Pugno Di Olive' ist vollkommen unerwartet – und gerade deshalb ein würdiger Schlusspunkt.

Für mich ist 'Ein Lächeln Im Gesicht' aber eines der stärksten und lebendigsten Solowerke von 'Farin Urlaub'. Nicht weil jede einzelne Idee perfekt sitzt, sondern weil hier jemand hörbar Spaß daran hat, Erwartungen zu ignorieren. Das Album ist verspielt, klug, albern, wütend und melancholisch. Es blickt der schlechten Weltlage direkt ins Gesicht und reagiert darauf nicht mit Resignation, sondern mit Gitarren, Synthesizern und ausgesprochen gut gelauntem Ungehorsam.

Wer also geradlinigen Punkrock ohne Umwege erwartet, könnte von diesem musikalischen Mischgemüse gelegentlich überfordert sein. Wer dagegen Wortwitz, stilistische Abenteuerlust, bissige Gesellschaftskritik und große Refrains liebt, bekommt hier eine Platte, die noch lange nach dem letzten Ton weitergrinst. 'Ein Lächeln Im Gesicht' ist vielleicht kein makelloses Meisterwerk – dafür ist es viel zu neugierig und gelegentlich zu begeistert vom eigenen Unsinn. Es ist aber genau die Art von Album, die man in diesen Zeiten dringend gebrauchen kann: eines, das den Ernst der Lage verstanden hat und trotzdem darauf besteht, den Verstärker aufzudrehen. Das Lächeln kommt anschließend ganz von allein. Mögliche Nebenwirkungen sind hartnäckige Ohrwürmer, unkontrollierte Luftgitarrenbewegungen und ein auffälliger Verlust an schlechter Laune.

Farin Urlaub - Ein Lächeln im Gesicht
Kommentarfunktion nicht verfügbar!
Dieser Inhalt kann nicht angezeigt werden, da du der Verwendung externer Cookies und Inhalte von Drittanbietern nicht zugestimmt hast. Um die Kommentarfunktion zu nutzen, kannst du deine Cookie-Einstellungen hier anpassen . Weitere Informationen zu den verwendeten Diensten und deren Datenschutzpraktiken findest du in unserer Datenschutzerklärung . Vielen Dank für dein Verständnis.

Medienkonverter.de

Wir verwenden Cookies zur Optimierung unserer Webseite. Details und Einstellungen finden Sie in der Datenschutzerklärung und im Privacy Center. Ihre Einwilligung ist jederzeit widerrufbar. Soziale Netzwerke & Drittanbieter-Inhalte können angezeigt werden. Mit „Alle akzeptieren“ stimmen Sie (widerruflich) auch einer Datenverarbeitung außerhalb des EWR zu (Art. 49 (1) (a) DSGVO).