Error Fate - 10 GOTO 10

Error Fate - 10 GOTO...

Manchmal braucht es nur ein paar Takte, und plötzlich ist sie wieder da: diese dunkle, verschwitzte Clubnacht, in der Nebelmaschine und Stroboskop noch als vollwertige Bandmitglieder durchgingen. '10 GOTO 10', das Debütalbum von 'Error Fate', besitzt genau diese Wirkung. Kaum läuft die Platte, meldet sich bei mir das musikalische Gedächtnis mit Bildern von 'Front 242', 'Velvet Acid Christ' und jener Phase der späten Neunziger- und frühen Nullerjahre zurück, in der elektronische Musik noch so klang, als könnte sie jederzeit die Kontrolle über das Gebäude übernehmen. Und ja: Das fühlt sich verdammt gut an.

Hinter 'Error Fate' steckt der brasilianische Musiker 'Anastase Kyriakos', der das Projekt 2012 in São Paulo gründete. Bis zum ersten Album ließ er sich 14 Jahre Zeit. Andere Künstler veröffentlichen in diesem Zeitraum fünf Alben, drei Best-ofs und eine vermutlich vermeidbare Akustikplatte. 'Kyriakos' dagegen schrieb, programmierte, produzierte, spielte, sang, mischte und gestaltete '10 GOTO 10' vollständig in Eigenregie. Entsprechend klingt das Ergebnis weniger nach einem vorsichtigen Debüt als nach einem lange vorbereiteten Ein-Mann-Unternehmen. Der Titel bezeichnet eine Zeile aus der Programmiersprache BASIC, die eine Endlosschleife erzeugt: Der Rechner springt immer wieder an dieselbe Stelle zurück. 'Kyriakos' versteht das als Metapher für gesellschaftliche und technische Entwicklungen, bei denen die Menschheit ebenfalls seit Jahrzehnten erfolglos nach der Abbruchbedingung sucht. Musikalisch wird daraus eine Schleife aus repetitiven Sequenzen, stoischen Rhythmen und Bassläufen, die weniger freundlich anklopfen, als gleich das Türschloss neu zu programmieren.

Der Sound bewegt sich zwischen klassischer EBM, Dark Electro und Electro-Industrial. Knackige Beats bilden das kalte Rückgrat, während düstere Synthesizerflächen den Stücken Tiefe verleihen. Gerade dieses Wechselspiel macht das Album so reizvoll: Die Rhythmik arbeitet mit der Präzision einer Maschine, zugleich verhindern weitläufige Flächen, dass alles zur reinen Dauerübung für schwarze Springerstiefel wird. '10 GOTO 10' drückt, stampft und schiebt, besitzt aber genügend Atmosphäre und unterschwellige Melancholie, um auch abseits der Tanzfläche zu funktionieren. Die trockene, körperliche Direktheit erinnert stellenweise tatsächlich an 'Front 242'. Werden die Arrangements dichter, psychedelischer und bedrohlicher, rückt dagegen die klassische Phase von 'Velvet Acid Christ' ins Blickfeld. 'Anastase Kyriakos' kennt diese musikalische Sprache hörbar genau, setzt sie aber mit einer klaren, druckvollen Produktion neu zusammen. Das klingt weniger nach Retro-Kostümparty als nach einem alten Industriekomplex, in dem jemand heimlich moderne Rechner eingebaut hat.

Auch die Stimme fügt sich überzeugend in dieses Bild ein. Der Gesang bleibt meist kühl, dunkel und beschwörend, wird stellenweise verfremdet und eher als Bestandteil des gesamten Klangbildes denn als klassische Frontstimme eingesetzt. Sprachsamples verstärken den dystopischen Charakter, ohne die Stücke unnötig zu überladen. Nichts blinkt nur deshalb, weil im Studio noch ein Knopf frei war. Eine unglaubliche musikalische Revolution ist '10 GOTO 10' zwar nicht. Erfahrene Szenegänger werden hier aber viele Strukturen und Sounds wiedererkennen, gelegentlich könnten die Arrangements sogar etwas mutiger aus ihrer programmierten Endlosschleife ausbrechen. Doch selten wurde diese vertraute Dunkelheit zuletzt so überzeugend in Bewegung gesetzt. 'Error Fate' kopiert seine Vorbilder nicht, sondern greift ihren Geist auf und holt ihn erstaunlich frisch in die Gegenwart.

Mein klarer Anspieltipp ist gleich der zweite Track, 'M.A.R.K. 13'. Dunkel, treibend und aggressiv bündelt er ziemlich genau das, was dieses Album so stark macht: einen unerbittlichen Rhythmus, bedrohliche Elektronik und eine herrlich finstere Energie, die den Körper schneller in Bewegung setzt, als der Kopf vernünftige Einwände formulieren kann. Kurz und wenig sachlich gesagt: Das Ding ist einfach geil. '10 GOTO 10' ist damit ein Debüt mit ungewöhnlich viel Erfahrung im Maschinenraum. Wer elektronische Musik am liebsten sonnendurchflutet und vollkommen ungefährlich mag, dürfte hier schon beim Cover nervös werden. Wer hingegen 'Front 242', klassischen Dark Electro und die klassische Phase von 'Velvet Acid Christ' im Herzen trägt, sollte dringend in diese Endlosschleife einsteigen. Die Gefahr besteht allerdings, dass man den Ausgang anschließend gar nicht mehr sucht. GOTO 10 – und noch einmal von vorn.

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