Erasure - The Neon

Erasure - The Neon

Ausgerechnet in einem Jahr, in dem Tanzflächen verwaist sind und Nachtleben eher nach Erinnerung als nach Wochenendplanung klingt, schalten 'Erasure' das Neonlicht wieder ein. Drei Jahre nach dem vergleichsweise nachdenklichen „World Be Gone“ ziehen Andy Bell und Vince Clarke auf ihrem 18. Studioalbum die Vorhänge auf und erinnern sich daran, weshalb ihre Mischung aus großen Gefühlen und kleinen elektronischen Maschinen seit Mitte der Achtziger so zuverlässig funktioniert.

„The Neon“ soll nach Vorstellung des Duos einen imaginären Ort beschreiben: Club, Stadt, Schlafzimmer oder Café – Hauptsache irgendwo leuchtet noch etwas. Musikalisch heißt das vor allem: zurück zu den analogen Synthesizern, den klaren Melodien und jener beneidenswerten Fähigkeit, Melancholie so zu verpacken, dass die Beine trotzdem andere Pläne haben. Clarke baut keine elektronischen Wolkenkratzer, sondern hält die Arrangements erstaunlich kompakt. Bell bekommt dafür reichlich Platz – und klingt mit seinen 56 Jahren keineswegs, als müsse ihm jemand beim nächsten Refrain einen Stuhl bringen.

Schon „Hey Now (Think I Got A Feeling)“ stellt die Weichen mit pulsierendem Bass und einem Refrain, der nach wenigen Durchgängen dauerhaft im Kopf Untermiete beantragt. „Nerves Of Steel“ trägt den klassischen 'Erasure'-Stempel beinahe unverschämt deutlich, während „Fallen Angel“ mit einem der stärksten Refrains des Albums punktet. Richtig interessant wird es bei „Shot A Satellite“: dunkler, dramatischer und mit genug elektronischer Spannung, um nicht bloß als freundlicher Gruß aus der eigenen Vergangenheit durchzugehen. Auch „Diamond Lies“ feuert seine Synthesizer mit erfreulich wenig Rücksicht auf moderne Zurückhaltung ab. Dass „The Neon“ nicht ausschließlich Zuckerwatte unter UV-Licht serviert, zeigt „New Horizons“. Klavier und Stimme nehmen das Tempo heraus und geben Bell Gelegenheit, jene verletzliche Seite auszuspielen, die bei 'Erasure' schon immer mindestens genauso wichtig war wie der nächste Dancefloor-Refrain. Mit „Kid You’re Not Alone“ endet das Album schließlich dunkler und nachdenklicher, als sein fluoreszierendes Äußeres zunächst vermuten lässt.

Ganz ohne Defekte bleiben die Neonröhren allerdings nicht. „No Point In Tripping“ und „Careful What I Try To Do“ sind tadelloser Synthpop, wirken zwischen den stärkeren Songs aber eher wie zuverlässige Angestellte als zukünftige Abteilungsleiter. Und wer von einem Duo mit 35 Jahren gemeinsamer Geschichte noch die große elektronische Revolution erwartet, wird hier nicht bedient. Clarke und Bell wissen sehr genau, wo ihre Stärken liegen – manchmal vielleicht sogar ein bisschen zu genau. Doch genau darin liegt auch der Reiz von „The Neon“. Das Album versucht nicht verzweifelt, 2020 hinterherzulaufen, und klebt auch keine modischen Sounds auf ein altes Fundament. Stattdessen klingt es gleichzeitig vertraut und erstaunlich frisch: zehn kompakte Popsongs, keine unnötigen Experimente, kein aufgeblasenes Alterswerk und schon gar kein musikalisches Museum.

„The Neon“ erreicht vielleicht nicht die schwindelerregenden Höhen von „The Innocents“ oder „Chorus“. Aber ernsthaft: Wie viele Bands könnten nach 35 Jahren überhaupt noch an solchen eigenen Referenzen gemessen werden? 'Erasure' müssen das Rad nicht neu erfinden. Es reicht völlig, wenn Vince Clarke wieder Strom darauf gibt und Andy Bell es anschließend zum Leuchten bringt.

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