Es beginnt, wie so vieles beginnt: mit planlosem Herumklicken auf 'Spotify'. Eigentlich nichts gesucht, eigentlich schon halb weggeklickt – und dann bleibt man doch plötzlich noch hängen. An einem Titel, der eher nach Dokumentarfilm klingt als nach Musikrelease. An einem Artwork, das nicht schreit, sondern schweigt. Und genau dieses Schweigen ist es, das einen festhält. Das Cover von 'Morschenich / Bürgewald Tonfilm' wirkt wie ein eingefrorener Moment aus einer Welt, die es so nicht mehr gibt. Eine alte Dorfkirche, sepiafarben, fast schon entrückt, davor ein Auto aus einer anderen Zeit, Kreuze im Vordergrund, keine Bewegung, kein Leben. Es ist kein nostalgisches Bild, sondern eher ein dokumentarischer Blick auf etwas, das bereits vorbei ist. Und genau in diesem Moment wird klar, dass 'ElektroStaat' hier kein gewöhnliches Album abliefern.
Denn hinter diesem Release steckt mehr als nur ein ästhetisches Konzept. 'Morschenich' ist ein realer Ort, geprägt von Umsiedlung, vom drohenden Verschwinden durch den 'Hambacher Tagebau', von leeren Häusern und einer Geschichte, die abrupt unterbrochen wurde. Auch wenn der Ort heute als 'Bürgewald – Ort der Zukunft' weiterexistiert, bleibt dieses Gefühl eines Bruchs bestehen. Und genau diesen Zustand greifen 'ElektroStaat' auf – nicht als erzählte Geschichte, sondern als hörbare Erfahrung. 'Morschenich / Bürgewald Tonfilm' funktioniert deshalb nicht wie ein klassisches Album. Es ist meinem Gefühl nach eher ein Prozess, ein Zustand, eine Bewegung zwischen Erinnerung und Veränderung. Musikalisch bewegt sich das Projekt zwar irgendwo zwischen 'Electro', 'Future Pop' und reduziertem 'Synth Pop', aber diese Begriffe greifen zu kurz. Denn hier geht es nicht um Genre, hier geht es mehr um die Wirkung. Kalte, synthetische Flächen ziehen sich so auch durch das gesamte Werk wie eine Art akustischer Nebel. Darunter arbeiten mechanische Beats, die mal hektisch und drängend wirken, dann wieder fast vollständig verschwinden. Diese Wechsel sind nicht einfach stilistische Spielereien, sondern wirken wie emotionale Zustände. Mal spürt man die Unruhe, den Druck, die Bewegung, die mit Veränderung einhergeht. Dann wieder kippt alles in eine fast unheimliche Ruhe, die sich eher wie Stillstand anfühlt als wie Entspannung.
Gerade diese ruhigen Passagen entfalten eine besondere Stärke. Streicherartige Flächen, reduzierte Arrangements, Momente, die eher an Filmmusik erinnern als an klassische Elektronik. Und plötzlich versteht man auch den Begriff „Tonfilm“. Diese Musik erzählt nicht nur – sie zeigt. Man sieht die leeren Straßen, die verlassenen Gebäude, die Kirche aus dem Artwork. Man hört förmlich, wie ein Ort langsam aus dem Leben verschwindet. Besonders konsequent ist auch der Umgang mit Stimme. Klassischer Gesang spielt hier kaum eine Rolle. Stattdessen tauchen gesprochene Fragmente, Samples und einzelne Worte auf, die sich fast beiläufig in die Klanglandschaft einfügen um eine Geschichte erzählen. Und genau dadurch wirken sie umso stärker. Wenn ein Satz wie „Morschenich war meine Heimat“ auftaucht, dann ist das kein dramatischer Höhepunkt, sondern eher ein Moment, der hängen bleibt. Roh, direkt und unangenehm echt.
Was dieses Release meiner Meinung nach so bemerkenswert und erwähnenswert macht, ist die Art, wie konsequent es sein Thema durchzieht. Die Musik wirkt nie losgelöst vom Inhalt, sondern immer wie ein Teil davon. Die härteren, treibenden Passagen transportieren eine Form von Druck und Auflösung, während die ruhigeren Momente wie fragile Erinnerungen wirken, die jederzeit verschwinden könnten. Diese Spannung zieht sich durch das gesamte Album und sorgt dafür, dass man sich dem Ganzen kaum entziehen kann. Auch strukturell wirkt das Release wie ein durchdachtes Ganzes. Die Titel lesen sich wie Fragmente eines größeren Zusammenhangs, wie Kapitel eines Prozesses, der von Erinnerung über Verlust bis hin zu einer Art vorsichtiger Neuorientierung reicht. Besonders Begriffe wie 'Unbekannt Verzogen' entfalten dabei eine fast schon beklemmende Wirkung. Bürokratische Sprache trifft hier auf menschliche Realität – und genau dieser Kontrast sitzt. Und genau hier liegt die eigentliche Stärke von 'ElektroStaat'. Dieses Album will wirken! Es verzichtet vermutlich ganz bewusst auf einfache Zugänge, auf klare Hooks, auf das, was elektronische Musik eben so oft schnell konsumierbar macht. Stattdessen entsteht hier etwas, das Zeit braucht, das sich langsam entfaltet und gerade dadurch nachhaltiger wirkt.
Ich persönlich finde, genau solche Releases sind es, die man viel zu selten bekommt. Ein elektronisches Album, das sich traut, ein reales Thema nicht nur zu streifen, sondern konsequent in Klang zu übersetzen, ohne dabei plakativ oder belehrend zu werden. Es ist diese Mischung aus Zurückhaltung und Präzision, die 'Morschenich / Bürgewald Tonfilm' so besonders macht. Wer bereit ist, sich auf Musik als Raum einzulassen, als Medium für Atmosphäre und Bedeutung, der bekommt hier ein Release, das deutlich mehr ist als nur eine Sammlung von Tracks. Sprich, das hier ist ein Album das nicht laut nach Aufmerksamkeit schreit sondern viel mehr leise im Kopf bleibt.
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