Ego Bliss - Afterlife

Ego Bliss - Afterlife

Über das Leben nach dem Tod wird ja schon seit Jahrtausenden gestritten. Himmel, Hölle, Wiedergeburt oder einfach endgültig Feierabend – verlässliche Erfahrungsberichte sind naturgemäß rar, und die zuständige Pressestelle des Jenseits reagiert auf Anfragen weiterhin ausgesprochen schleppend. 'Mario Monk' wartet deshalb gar nicht erst auf eine offizielle Stellungnahme. Mit 'Afterlife' liefert sein Soloprojekt 'Ego Bliss' stattdessen den elektronischen Soundtrack für alles, was zwischen Abschied, Zusammenbruch, Erkenntnis und Neubeginn liegt. Und siehe da: Selbst die großen Fragen der menschlichen Existenz vertragen einen ordentlichen Bass.

Ganz neu im Geschäft ist der Musiker aus Tijuana keineswegs. Die Stadt liegt im äußersten Nordwesten Mexikos, unmittelbar an der Grenze zu den USA und direkt gegenüber von San Diego. Bereits 2005 gründete 'Mario Monk' gemeinsam mit 'Rodlek Konde' die Electro-/EBM-Formation 'Para/Normal', 2019 folgte schließlich 'Ego Bliss' als Soloprojekt. Das Debüt 'What The Future Holds' erschien 2020, zwei Jahre später setzte die 'Future EP' den eingeschlagenen Weg etwas härter und körperlicher fort. Nun liegt mit 'Afterlife' das zweite vollständige Album vor – und zugleich das erste unter dem Dach von 'Infacted Recordings'. Der Wechsel zum deutschen Label ist durchaus bedeutsam: Aus einem Projekt der elektronischen Szene Tijuanas ist Schritt für Schritt ein international wahrgenommenes Solovorhaben geworden, das nun bei einer etablierten europäischen Adresse für EBM, Synth-Pop und Future-Pop angekommen ist.

'Afterlife' entstand meiner Recherche nach über einen Zeitraum von rund zweieinhalb Jahren und umfasst zwölf Stücke mit einer Gesamtspielzeit von knapp einer Stunde. Inhaltlich verarbeitet 'Mario Monk' persönliche Erfahrungen, Verlust, Veränderung und die Erkenntnis, dass ein einziger Augenblick genügen kann, um die komplette Lebensplanung in einen rauchenden Trümmerhaufen zu verwandeln. Das klingt zunächst nach einer Platte, bei der man vorsorglich Taschentücher und einen kräftigen Kräutertee bereithalten möchte. Musikalisch verfällt 'Afterlife' jedoch keineswegs in lähmende Trauerstarre. Das Album blickt in die Dunkelheit, richtet dort aber keine Ferienwohnung ein. Im Zentrum steht kraftvoller Electro-Pop, dessen melodische Oberfläche von druckvollen EBM-Basslinien getragen wird. Diese verleihen dem Material körperliche Präsenz, ohne gleich mit Stahlkappenschuhen durch sämtliche Arrangements zu trampeln. Darüber liegen helle Synthesizerlinien, melancholische Flächen und eingängige Melodien, die dem Album jene reizvolle Future-Pop-Spannung zwischen Schwermut und Aufbruch geben. Unten arbeitet die Maschine, oben schaut der Mensch nach den Sternen.

Besonders gelungen ist für mich der Gegensatz zwischen den dunkleren, gelegentlich aggressiven Klangfundamenten und den offenen, teilweise beinahe hoffnungsvollen Melodien. 'Afterlife' klingt nicht so, als wolle es den Tod romantisieren oder persönlichen Schmerz zum dekorativen Szeneinventar erklären. Stattdessen wird die Tanzfläche zu einem Ort der Verarbeitung. Bewegung bedeutet hier nicht Verdrängung, sondern Weitergehen. Genau dieser Gedanke bildet für mich den emotionalen Kern des Albums. Die Produktion ist sauber, kraftvoll und sorgfältig geschichtet. Die Rhythmen besitzen genügend Druck für den Club, während atmosphärische und bisweilen cineastisch wirkende Synthesizerflächen den Stücken Tiefe verleihen. Dabei verliert sich 'Ego Bliss' nicht in einer endlosen Ansammlung spektakulärer Effekte. Wiederholung, Verdichtung und kontrollierte Steigerung sind wichtiger als das nächste große Klangfeuerwerk. Das Ergebnis wirkt elegant und räumlich, ohne die elektronische Direktheit zu verlieren.

Auch die Stimme von 'Mario Monk' fügt sich gut in diese Architektur ein. Sie drängt sich nicht als überdramatischer Zeremonienmeister vor die Musik, sondern bleibt eng mit den elektronischen Arrangements verbunden. Gerade die kontrollierte, gelegentlich distanzierte Vortragsweise passt zu einem Album, das einschneidende Erfahrungen nicht einfach herausschreit, sondern zu verstehen versucht. An manchen Stellen hätte ich mir dennoch etwas mehr vokale Variation oder einen Augenblick gewünscht, in dem die gezügelte Emotionalität vollständig ausbricht. Damit liegt die größte Stärke des Albums unmittelbar neben seiner kleinen Schwäche. Die zwölf Stücke ergeben ein geschlossenes Gesamtbild, die Übergänge zwischen Synth-Pop, Future-Pop und EBM wirken irgendwie schon schlüssig und ein wirklicher Ausfall drängt sich hier nicht auf. Dafür springt einem auch nicht sofort der eine alles überstrahlende Überhit mit Anlauf ins Gesicht. Ich empfinde das nur bedingt als Nachteil, denn 'Afterlife' funktioniert stärker als zusammenhängende Reise denn als lose Ansammlung potenzieller Singles. Ein oder zwei radikalere Brüche hätten dem Album vielleicht dennoch gutgetan: ein vollkommen reduzierter Moment, eine eruptive Eskalation oder ein elektronischer Widerhaken, der die elegante Oberfläche kurz aufreißt. So bleibt 'Afterlife' über weite Strecken ausgesprochen souverän, gelegentlich aber auch etwas zu wohlerzogen.

Als erster Anspieltipp empfiehlt sich der Titelsong 'Afterlife'. Er bringt die Grundidee des Albums besonders treffend zusammen: melancholische Synthesizerflächen, einen klaren rhythmischen Puls und jene Atmosphäre zwischen innerer Einkehr und nächtlicher Tanzfläche, die das gesamte Werk prägt. Inhaltlich steht er im Zentrum der Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und der Frage, was von uns bleibt, wenn vertraute Gewissheiten plötzlich ihre Gültigkeit verlieren. Wer verstehen möchte, worum es 'Ego Bliss' auf diesem Album geht, findet hier die passende Eingangstür. Als zweiter Anspieltipp empfiehlt sich 'Ascend'. Das Stück klingt etwas roher, düsterer und ungebändigter als viele andere Passagen des Albums und sorgt damit für einen willkommenen Widerhaken in der ansonsten sehr kontrollierten Produktion. Besonders der markante Beat erinnert mich stellenweise beinahe an 'Covenant', ohne dass 'Ego Bliss' dabei zur bloßen Kopie der schwedischen Kollegen wird. 'Ascend' wirkt spannender, unmittelbarer und körperlicher – ein Titel, der nicht höflich an die Clubtür klopft, sondern vorsorglich schon einmal den Türsteher beiseiteschiebt.

Überhaupt verbindet 'Ego Bliss' unterschiedliche Szenen bemerkenswert selbstverständlich. Die musikalischen Wurzeln liegen in Tijuana, frühere Veröffentlichungen entstanden mit Unterstützung des mexikanischen 'Sector Industrial Producciones' und des norwegischen 'Sub Culture Records', während das neue Album nun bei 'Infacted Recordings' erscheint. Zur groben Orientierung lassen sich Namen wie 'Frozen Plasma', 'Neuroactive' und stellenweise eben 'Covenant' nennen. 'Mario Monk' besitzt inzwischen aber genügend eigene Handschrift, damit solche Vergleiche Wegweiser bleiben und nicht zur musikalischen Meldeadresse werden. 'Afterlife' ist ein starkes, reifes und bemerkenswert geschlossenes Electro-Pop-Album, das persönliche Verlusterfahrungen nicht als düstere Dekoration benutzt. Stattdessen formt 'Mario Monk' daraus eine glaubwürdige Bewegung vom Ende zu einem möglichen Neuanfang. Druckvolle EBM-Bässe, melodischer Future-Pop, dunkler Gesang und weit ausgreifende Synthesizerflächen ergeben eine sorgfältig produzierte Mischung, die auf der Tanzfläche ebenso funktioniert wie beim konzentrierten Hören.

Wer melodischen Future-Pop, dunklen Synth-Pop und emotional aufgeladenen Electro schätzt, sollte 'Afterlife' unbedingt eine Chance geben. Wer dagegen ausschließlich nach kompromisslosem Industrial-Lärm, permanentem Rhythmusgewitter oder dem einen sofort zündenden Drei-Minuten-Hit sucht, könnte die kontrollierte und langfristig angelegte Wirkung als zu gleichförmig empfinden. Mir persönlich gefällt gerade, dass 'Ego Bliss' nicht jede Minute um Aufmerksamkeit bettelt. Das Album nimmt sich Zeit, entwickelt Atmosphäre und hinterlässt mehr als nur den kurzen Abdruck einer Clubsohle. 'Afterlife' ist vielleicht kein elektronisches Jahrhundertwerk, das sämtliche Fragen über Leben und Tod abschließend beantwortet. Aber es ist ein richtig gutes Album über das Fallen, Aufstehen und Weitermachen. Und falls es tatsächlich ein Jenseits gibt, darf man nur hoffen, dass dort jemand eine vernünftige Anlage installiert hat.


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